ITAS News

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Das neue ITAS-Jahrbuch – 20 Jahre ITAS

„Als vor 20 Jahren das Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) gegründet wurde, bedeutete das vor allem auch eine Anerkennung der Technikfolgenabschätzung in der damaligen Wissenschaftslandschaft“, schreiben Armin Grunwald und Michael Decker im ITAS Jahrbuch 2014/2015. Das Jahrbuch möchte die TA-Community, Kooperationspartner und Auftraggeber ansprechen und allen Interessierten ermöglichen, das ITAS näher kennenzulernen. „20 Jahre ITAS“ lässt Institutsleiter Grunwald in seiner Positionsbestimmung Revue passieren, nicht ohne dabei künftige Herausforderungen für die inter- und zunehmend transdisziplinäre Arbeitskultur des ITAS zu skizzieren. Eine grafische Zeitleiste zeigt die zentralen Ereignisse nicht nur der Institutsgeschichte, sondern auch seiner Vorgänger in Verbindung zur europäischen Entwicklung der Technikfolgenabschätzung und weitere Ereignisse im Kontext der technologischen Entwicklung. Das Jahrbuch präsentiert ausgewählte Forschungsaktivitäten des Instituts. In Form von Interviews, Berichten, Reportage und Essay kommen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des ITAS zu Wort. Sie diskutieren die gesellschaftliche Dimension von Zukunftstechnologien wie Big Data oder Service-Robotik, berichten über ihren Ansatz zur Erforschung der Energiewende, schildern ihre Erfahrungen mit der Arbeit im „Quartier Zukunft“ oder zeigen die Herausforderungen wissenschaftlicher Politikberatung auf. Ergänzt wird das Jahrbuch um Einblicke in das vielfältige Institutsleben. Die Autorinnen und Autoren fragen dabei beispielsweise, wer Forschung möglich macht, präsentieren Impressionen von einer der größten europäischen TA-Konferenzen oder berechnen anschaulich den CO2-Fußabdruck ihrer täglichen Kaffeepause. Ein statistischer Teil bietet schließlich einen Überblick über Publikationen, Projekte, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie die „organische“ Struktur des Instituts. Kurze Beiträge von Personen aus Politik, Wissenschaft und Gesellschaft, die dem Institut verbundenen sind, komplettieren das Jahrbuch.

Unter folgendem Link findet sich das Jahrbuch als PDF: http://www.itas.kit.edu/jahrbuch.php.

 

Michael Decker übernimmt KIT-Bereichsleitung

Seit dem 1. Oktober 2015 leitet Michael Decker den Bereich II des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). Vorgeschlagen vom Präsidium des KIT und vom Bereichsrat einstimmig gewählt, verantwortet Decker für die kommenden fünf Jahre Forschung, Lehre und Innovation im Bereich „Informatik, Wirtschaft und Gesellschaft“. Für diese Zeit ruht seine Tätigkeit am ITAS, das er zuletzt gemeinsam mit Armin Grunwald leitete. „Ich freue mich auf die große Herausforderung, die vor mir liegt. Gleichzeitig werde ich mich aber dem ITAS und der Technikfolgenabschätzung weiterhin eng verbunden fühlen und in einem möglichst intensiven fachlichen Austausch mit den vielen Kolleginnen und Kollegen bleiben“, erklärte Michael Decker, der im Jahr 2003 als wissenschaftlicher Mitarbeiter ans ITAS kam und bereits im folgenden Jahr stellvertretender Leiter des Instituts wurde. Armin Grunwald, der die Leitung des Instituts zunächst wieder alleine übernimmt, bedauert den Verlust für das ITAS, unterstreicht aber auch die positiven Aspekte: „Die Berufung Michael Deckers in eine herausragende Leitungsposition des KIT ist eine Auszeichnung für seine großen Verdienste am ITAS und zeugt gleichzeitig von der wachsenden Sichtbarkeit unseres Instituts in und außerhalb des KIT.“

 

Neue Projekte

Visionen von In-vitro-Fleisch

Kultiviertes Fleisch aus dem Labor könnte die Probleme traditioneller Fleischproduktion lösen. Im Auftrag des BMBF untersucht das ITAS Leitbilder und Visionen für die neue Technologie. Lösungen für die ökologischen, gesundheitlichen und ethischen Probleme der traditionellen Fleischproduktion verspricht die Produktion von In-vitro-Fleisch, das aus tierischen Muskelstammzellen hergestellt wird. Noch kann In-vitro-Fleisch nicht im größeren Maßstab produziert werden. Unklar sind deshalb auch die tatsächlichen ökologischen Vorteile gegenüber herkömmlicher Viehhaltung, die gesellschaftlichen Bedingungen für die Akzeptanz dieser Innovation sowie die kulturellen Auswirkungen auf Landwirtschaft, Ernährung und das Verhältnis zwischen Mensch und Tier. Hier setzt das neue ITAS-Projekt „Visionen von In-vitro-Fleisch (VIF) – Analyse der technischen und gesamtgesellschaftlichen Aspekte und Visionen von In-vitro-Fleisch“ an. Die Wissenschaftlerinnen untersuchen in den kommenden zwei Jahren die mit dieser emergierenden Technologie einhergehenden Leitbilder und Visionen. Als Instrumente kommen dabei neben der Literaturanalyse Interviews mit Expertinnen und Experten sowie partizipative Verfahren mit der Öffentlichkeit und relevanten Stakeholdern zum Einsatz. Das zentrale Ziel des Projekts ist es, die naturwissenschaftlichen und technischen sowie die gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Aspekte der Leitbilder und Visionen der heutigen In-vitro-Fleisch-Forschung zu analysieren. Dazu gehört auch eine Untersuchung der gesellschaftlichen Akzeptabilität einer Technologie, der in der frühen Phase des Innovationsprozesses eine hohe Bedeutung für die Forschungspolitik im Engeren und die „Technology Governance“, also die politische Steuerung von Technikentwicklung, im Weiteren zukommt.

Kontakt

Dr. Arianna Ferrari
E-Mail: arianna.ferrari∂kit.edu

PartInno – Partizipation an Innovationsprozessen

Wie können technische Innovationen von der Beteiligung der Öffentlichkeit profitieren? Nach Antworten sucht das ITAS in dem vom BMBF geförderten Projekt „PartInno“. Mehr Effektivität und größere Legitimation – Akteure aus Politik und Wirtschaft versprechen sich viel von öffentlicher Partizipation an Innovationsprozessen. Ihre Erwartungen an die durch solche Verfahren erzielbaren „Partizipationsgewinne“ bleiben jedoch vielfach unbefriedigt und werden nicht selten enttäuscht. Ein wichtiger Grund für dieses Ungleichgewicht besteht oft darin, dass weder die Bedingungen der Anwendbarkeit noch die Ziele der Partizipation genügend bestimmt sind. Die Möglichkeiten und Grenzen von Verfahren der Öffentlichkeitsbeteiligung in verschiedenen Phasen des Innovationsprozesses genau zu erkunden, ist Ziel des Projekts „Partizipation und Innovationsphasen (PartInno): Funktionale Gewinne durch Öffentlichkeitsbeteiligung in differenten Phasen der Innovationsentwicklung“. Das BMBF fördert das Forschungsvorhaben für zwei Jahre.

Bisher gibt es keine Studien, welche die Anwendung und Anwendbarkeit spezifischer partizipativer Verfahren in Relation zu Innovationsphasen in einem systematischen Zusammenhang untersuchen. Die Forscherinnen und Forscher des ITAS wollen Partizipationsgewinne analytisch differenzieren. Ihr Augenmerk gilt dabei Wertfragen (z. B. Lösung von Wertkonflikten), Wissensfragen (z. B. Wissen über die Wünsche von Konsumenten) und Fragen der gesellschaftlichen Einbettung (z. B. Voraussetzungen für die Akzeptanz von Innovationen) sowie dem Zusammenspiel dieser einzelnen Dimensionen. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen schließlich in einem Modell so aufbereitet werden, dass sie als Entscheidungshilfe für die Gestaltung partizipativer Verfahren dienen können.

Kontakt

Dr. Leonhard Hennen
E-Mail: leonhard.hennen∂kit.edu

 

ITAS-Hypertext als Exponat im ZKM

Der am ITAS entwickelte „Flusser-Hypertext“ war in der Ausstellung „Bodenlos. Flusser und die Künste“ im ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe zu sehen, die dem Leben und dem Wirken des Medienphilosophen und Kommunikationswissenschaftlers Vilém Flusser gewidmet war. Bereits in den späten 1980er Jahren wurden am ITAS Forschungen zur Entwicklung des Publizierens und neuer Medienformate angesichts von Computerisierung und Digitalisierung durchgeführt. In diesem Zusammenhang hielt Vilém Flusser am 2. März 1989 im öffentlichen Kolloquium des Instituts einen Vortrag zum Thema „Schreiben für Publizieren“. Daraus entstand die Idee, diesen Vortrag zum Zentrum eines multimedialen elektronischen Buchs („Hypertext“) zu machen, der drei Nutzungsweisen kombiniert: den lebendigen Vortrag hören, das Transkript lesen und den vielen im Vortrag genannten Personen, Konzepten und Flusserschen Wortschöpfungen in einem umfangreichen Erläuterungsapparat nachgehen. Der Flusser-Hypertext war einer von drei Anwendungsfällen in einem Forschungsprojekt, in dem innovative Präsentationsformen für wissenschaftliche Inhalte prototypisch entwickelt werden sollten – ausgehend von der Metapher des „elektronischen Buchs“. Die Eigenerfahrungen bei der Entwicklung der Prototypen dienten nicht nur der Reflexion über neue Medien im Rahmen einer Technikfolgenabschätzung; die entwickelten Prototypen erleichterten auch den Zugang zu Medienkünstlern und Technikentwicklern. Im Jahre 2007 wurde der Flusser-Hypertext samt Gerät dem Flusser-Archiv übergeben, das bei Siegfried Zielinksi an der Universität der Künste in Berlin angesiedelt ist. Es zeigte sich dabei paradigmatisch, worauf in der ITAS-Forschung der 1980er und 1990er schon hingewiesen wurde: Die elektronische Publikation altert schneller als diejenige auf Papier. Dank der intensiven Restaurierungsarbeit des Flusser-Archivs und eines Emulationsprojekts am Freiburger Institut für Informatik, das diesen Prototypen als ein Anwendungsbeispiel dankenswerterweise aufgegriffen hat, gibt es heute eine „museums-stabile“ Version, die vielleicht die Chance hat, der drohenden „digital darkness“ der neuen Medien zu entgehen. Anlässlich der Ausstellung macht das Institut die Freiburger Emulation des Flusser-Hypertextes und eine QuickTime-basierte Einführung in den Hypertext wieder zugänglich. Ebenso ist der Volltext der damaligen Monografie zum Projekt wieder verfügbar (Böhle, Riehm, Wingert, 1997: Vom allmählichen Verfertigen elektronischer Bücher).

Die Ausstellung mit zahlreichen Exponaten (Bücher, Briefwechsel, Videos, Zeichnungen usw.) war bis 18. Oktober 2015 am Karlsruher ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie zu sehen und wird bis zum 10. Januar 2016 in der Akademie der Künste, Hanseatenweg, in Berlin gezeigt. Danach wandert die Ausstellung nach Prag und São Paulo.

 

Personalia

Neue Kolleginnen und Kollegen

Prof. Dr. Gregor Betz wurde zum W3-Professor für Wissenschaftstheorie mit dem Schwerpunkt Zukunftswissen am ITAS in Zusammenarbeit mit dem Institut für Philosophie berufen. Gregor Betz ist einer der beiden Leiter des ITAS-Forschungsbereichs „Energie – Ressourcen, Technologien, Systeme“ und hat an der Freien Universität Berlin zum Thema „Theorie dialektischer Strukturen“ habilitiert. Schwerpunkte seiner Forschung liegen in der Philosophie von Wissenschaft, philosophischer Logik, Argumentationstheorie und angewandte Ethik.

Inge Böhm ist seit Oktober 2015 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „Visionen von In-vitro-Fleisch (VIF)“. Sie studierte Europäische Kultur und Ideengeschichte mit Schwerpunkt Philosophie am KIT und verfasste ihre Masterarbeit zum Thema „Modelle gelebter Nachhaltigkeit zwischen Theorie und Praxis – Ökodörfer als Kulturen der Nachhaltigkeit“.

Claudia Brändle ist seit August 2015 wissenschaftliche Mitarbeiterin in den Projekten „QuartrBack – Intelligente Notfallkette im Quartier für Menschen mit Demenz“ und „M4ShaleGas“. Sie studierte Europäische Kultur- und Ideengeschichte am KIT und war ab 2011 als studentische Hilfskraft am ITAS tätig. Ihre aktuellen Arbeitsschwerpunkte umfassen den Technikeinsatz in der Pflege und die öffentliche Wahrnehmung von Fracking in Europa.

Der Wirtschaftsingenieur Tobias Domnik ist seit September 2015 Doktorand am ITAS. Am ITAS promoviert er im Forschungsbereich Energie zum Thema „Stand und Perspektiven des Überseetransports von Biomasse nach Deutschland“.

Johannes Hirsch ist seit August 2015 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt „QuartrBack“ und im Projekt „MOVEMENZ“. Er studierte Informatik am KIT und war ab 2014 wissenschaftliche Hilfskraft am ITAS, wo er auch seine Diplomarbeit verfasste. Ein aktueller Arbeitsschwerpunkt ist der Technikeinsatz in der Pflege mit Fokus auf Menschen mit Demenz.

Dr. Michael Nerurkar ist seit Juni 2015 wissenschaftlicher Mitarbeiter am ITAS und im Arbeitskreis Ethik des Projekts „Begleitforschung Big Data“ tätig. Zuvor war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an Universitäten in Stuttgart, Darmstadt und Tübingen in der Lehre sowie in der Forschung mit Themen der theoretischen Philosophie, der Technikphilosophie und der Ethik befasst. Seine Interessen liegen in Metaphysik, Reflexion, Erkenntnisphilosophie und Rechtsphilosophie.

Jens Peters ist seit Mai 2015 wissenschaftlicher Mitarbeiter am ITAS im Forschungsbereich Innovationsprozesse und Technikfolgen. Als Mitglied der Forschungsgruppe „Ressourcen, Umwelt und Nachhaltigkeit“ des Helmholtz-Instituts Ulm (HIU) für Elektrochemische Energiespeicherung arbeitet er an der Bewertung von neuartigen Energiespeichern, mit Fokus auf den entsprechenden Produktionsprozessen. Zuvor war er in Madrid am Instituto IMDEA Energía im Bereich Systemanalyse tätig, wo er über das Thema Pyrolyse für Biotreibstoffe und Biokohle promovierte. Er hat einen MSc. in Erneuerbare Energien und Brennstoffzellen, einen Dipl. Ing. in Elektrotechnik sowie mehrjährige Erfahrung als Projektleiter in der Elektronikentwicklung im Automobilsektor.

Silvia Woll ist seit Oktober 2015 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „Visionen von In-vitro-Fleisch (VIF)“. Ihr Studium der Germanistik, Kulturwissenschaften und Europäischen Kultur- und Ideengeschichte mit Schwerpunkt Philosophie am KIT schloss sie 2015 mit dem Magister Artium ab. Am ITAS war sie mit Unterbrechungen seit 2011 als Praktikantin und studentische Hilfskraft tätig und verfasste am Institut auch ihre Masterarbeit. Ihre fachlichen Schwerpunkte liegen auf Technikfolgenabschätzung, Technikphilosophie und Vision Assessment.

 

Neue Veröffentlichung

Lexikon der Mensch-Tier-Beziehungen

Unsere Beziehung zu den „anderen“ Tieren gewinnt nicht bloß mehr und mehr an gesellschaftlicher Bedeutung, sie ist auch für die Wissenschaften wieder zum Thema geworden. Mit diesem Band widmet sich zum ersten Mal ein Lexikon umfassend den Mensch-Tier-Beziehungen. Im Gegensatz zu traditionellen Einführungen in die Tierethik beschränkt sich das groß angelegte Werk aber nicht auf moralphilosophische Themen, sondern beleuchtet die Mensch-Tier-Beziehungen u. a. auch aus historischer, soziologischer, ethologischer und kulturwissenschaftlicher Perspektive.

Bibliografische Angaben: Ferrari, A.; Petrus, K. (Hg.): Lexikon der Mensch-Tier-Beziehungen. Bielefeld: transcript 2015