Ladislav Tondl
Ladislav Tondl
(* 28.2.1924 † 7.8.2015)
von Gerhard Banse, Berlin, und Petr Machleidt, Prag
Professor Dr. Ing. Ladislav Tondl, Dr. sc., gehört zu den Begründern der tschechischen Semiotik, der Kommunikationstheorie, der Theorie der Wissenschaft und Technik sowie zu den Initiatoren der analytischen Linie im tschechischen philosophischen Denken. Seine zahlreichen Publikationen, v. a. in tschechischer, englischer, russischer und deutscher Sprache, erreichten eine hohe internationale Anerkennung. Er verstarb am 7. August 2015 in Prag.
Ladislav Tondl wurde in Znojmo (Südmähren) geboren, studierte Philosophie, Soziologie und Wirtschaftswissenschaften und steht in der Tradition einerseits des Neopositivismus, andererseits der Praxiologie. Wichtige Stationen seines „akademischen“ Werdegangs waren: 1949 Dr. phil. und Ing.; 1953 Habilitation im Fach Philosophie; Lehr- und Forschungstätigkeit an der Karls-Universität Prag; 1959 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Informationstheorie und Automatisierung der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften (ČSAV), Prag; 1968 Berufung zum ordentlichen Professor für Philosophie an der Karls-Universität, Gründung einer Arbeitsstelle zur Erforschung der Wissenschaften und der Wissenschaftspolitik an der ČSAV; nach dem „Prager Frühling“ 1968 musste er in den Bereich der Projektierung, Informatik und Computergrafik wechseln; 1989 Rehabilitierung und Leitung des Instituts für Theorie und Geschichte der Wissenschaft der ČSAV. 1993 gründete Tondl nach Umstrukturierungen innerhalb der nunmehrigen Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik im Rahmen ihres Philosophischen Instituts das Zentrum für Wissenschafts-, Technik- und Gesellschaftsstudien, das er bis 2002 leitete. Sein dann beginnender Ruhestand war für ihn jedoch mehr ein „Unruhestand“, publizierte und kooperierte er doch im gleichen Maße weiter.
Ladislav Tondls Denken zeichnete sich durch ein hohes Maß an Interdisziplinarität aus, die sowohl in Fragen der Semantik als auch in Überlegungen zur Wissenschaftstheorie und zur Technikphilosophie zum Tragen kamen. Stets ging es ihm auch um die gesellschaftliche Einbettung und Bedeutung wissenschaftlicher Erkenntnisse und technischer Hervorbringungen. Das hängt ganz sicher auch damit zusammen, dass er mehr als dreißig Jahre in technischen Fächern und in der Informatik aktiv tätig war, als Mathematiker, Analytiker, Berater. Darin ist wohl auch seine innere Beziehung zur Technik begründet: In seinen Studien über Probleme der Theorie der Wissenschaft und Technik sind v. a. semantische und epistemologische Gesichtspunkte präsent.
Ladislav Tondl kann auf einen reichhaltigen wissenschaftlichen „Output“ verweisen. Hier sei stellvertretend nur das Hochschullehrbuch „Sociální hodnocení techniky“ („Soziale Technikbewertung“; 1992) genannt. Darin werden gesellschaftliche Determinanten technischer Lösungen und ihrer Auswirkungen, Kriterien ihrer Bewertung sowie die methodologischen Instrumente der sog. systemischen, multikriteriellen Bewertung technischer Lösungen detailliert erörtert.
In der Person von Ladislav Tondl verliert die tschechische TA-Szene eine ihrer einflussreichsten Mitstreiter. Er war Wegbereiter und konzeptioneller Vordenker der sozialen Technikbewertung, deren multi- und interdisziplinären Charakter er stets betonte.
Für Ladislav Tondl war Wissenschaft sinnvoll nicht anders zu realisieren als in internationaler Kooperation, also auch mit Kolleginnen und Kollegen aus Deutschland. Mit TA-Einrichtungen (insbesondere dem ITAS, Karlsruhe, und der jetzigen European Academy of Technology and Innovation Assessment, Bad Neuenahr-Ahrweiler) bestanden seit Mitte der 1990er Jahre intensive Arbeitskontakte, die in zahlreichen Publikationen und gemeinsamen wissenschaftlichen Veranstaltungen ihren Niederschlag fanden.
Wer – wie wir – Ladislav Tondl kennenlernte und mit ihm viele Jahre lang wissenschaftlich zusammenarbeitete, wird sich dauerhaft und gerne an ihn erinnern.