Summer School „degrowth konkret: Klimagerechtigkeit“

Tagungsberichte

Keine Klimagerechtigkeit ohne Degrowth

Bericht von der Summer School „degrowth konkret: Klimagerechtigkeit“

Braunkohlerevier, 9.–14. August 2015

von Benjamin Best und Georg Kobiela, Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie

Die Summer School „degrowth konkret: Klimagerechtigkeit“ fand im Braunkohleabbaugebiet Rheinland zusammen mit dem Klimcamp[1] statt. Sie wurde von einem deutschlandweiten Kreis von ca. 40 ehren- und hauptamtlichen Personen im Umfeld des Leipziger Konzeptwerks Neue Ökonomie e.V. organisiert, die u. a. bereits für die Degrowth-Konferenz 2014 (Leipzig) mitverantwortlich zeichneten. Ein großer Teil der Arbeit wurde ehrenamtlich geleistet. Auf dem Camp unter freiem Himmel und in unmittelbarer Nähe zum Tagebau Garzweiler wurden die ökologischen und sozialen Folgen der fossilen Wachstumswirtschaft für die mehr als 500 Teilnehmer/-innen spürbar; es reichte ein kurzer Spaziergang, um die akuten verheerenden lokalen Folgen des Braunkohleabbaus und die Geisterdörfer und -städte zu besichtigen. An die akademischen Debatten von Leipzig wurde anhand der konkreten und aktuellen Braunkohleproblematik angeknüpft. Die Veranstaltung war durch das Zusammenwirken mit dem Klimacamp viel praktischer und aktivistischer als übliche Konferenzen oder Summer Schools.

Eine Degrowth-Definition des Organisationskreises war bereits dem Programmheft der Leipziger Konferenz zu entnehmen: „Unter ‚Degrowth‘ verstehen wir eine Verringerung von Produktion und Konsum in den frühindustrialisierten Staaten, die menschliches Wohlergehen, die ökologischen Bedingungen und die Gleichheit auf diesem Planeten fördert.“ Die Summer School und das Klimacamp waren Experimente auf diesem reduktiven Weg, der menschliches Wohlergehen in ökologischen Grenzen fördern soll. Die Infrastrukturen des Camps wurden durch die Teilnehmer/-innen selbst hergestellt und erhalten: angefangen von den selbsterrichteten Außenduschen und Komposttoiletten über die partizipative Kinderbetreuung bis hin zur „Volxküche“, die im „Schnibbelbereich“ ständig auf Hilfe angewiesen war und in Spitzenzeiten die insgesamt 1.500 Teilnehmer/-innen des Camps und der Summer School mit Essen versorgte. Eine eigene Bäckerei buk 270 kg Brot pro Tag und startete irgendwann sogar noch einen Crêpes-Stand, der Spenden für ein Flüchtlingsprojekt in Calais sammelte. Einer der Autoren dieses Berichtes fand sich keine Stunde nach seiner Anreise hinter dem Registrierungstisch im Eingangsbereich wieder, wo sich die Teilnehmer/-innen der Summer School für die zwei- bis fünftägigen Kurse registrieren konnten.

1     Inhaltliche Auseinandersetzungen

Morgens fanden die Keynote-Vorträge statt, abends Podiumsdiskussionen. In einem gut besuchten Keynote-Vortrag mit dem Titel „Klimawandel, Kipp-Punkte, X-Grad-Ziele“ schaffte es Helga Kromp-Kolb (BOKU Wien) scheinbar allseits bekannte klimawissenschaftliche Grundlagen, Ursachen und Wirkungen des Klimawandels sowie Szenariostudien interessant darzustellen – in einem großen Zelt mit einem Beamer, der mit Solarstrom betrieben wurde. Die Mischung aus theoretischen Betrachtungen, wie z. B. soziologischen und ökonomischen Perspektiven, künstlerischer Aufarbeitung, Gesprächspanels mit vielfältigen Akteuren, von Gewerkschaftsvertreter/-innen, Umweltaktivist/-innen aus verschiedenen Ländern weltweit, politisch Tätigen (z. B. aus Spanien, Griechenland und Lateinamerika) und universitären Beiträgen (z. B. von Niko Paech, Universität Oldenburg, und Barbara Muraca, Oregon State University) charakterisierte die Diskussionen im Hauptzelt. Das (selbstorganisierte) Übersetzungsangebot in Englisch, Deutsch, Französisch und Spanisch sollte allen Teilnehmer/-innen hier einen guten Zugang ermöglichen.

Das Herzstück waren mehrtägige Kurse von zwei bis fünf Tagen Dauer. Besonders gefragt und entsprechend überlaufen waren die Veranstaltungen zu aktuellen Forschungsthemen wie „Macroeconomic conditions for post-growth societies“ (Steffen Lange und Kai Kuhnhenn, beide Konzeptwerk Neue Ökonomie) und „Technik, Degrowth und das Gute Leben“ (Andrea Vetter, HU Berlin, und Brigitte Kratzwald, Commons-Aktivistin). Auch praktische Kurse wurden stark nachgefragt, etwa „Schneller und besser die Welt retten?! Mit welchen Mustern reproduzieren wir die Wachstumslogik?“, organisiert durch Impuls e.V. – Agentur für angewandte Utopien. Darin erforschten die Teilnehmer/-innen innere und äußere Widerstände gegen suffizientes Handeln und erkundeten durch intensive Gespräche und Zuhören eigene Möglichkeiten, der Steigerungs- und Wachstumslogik zu entkommen.

In einem bemerkenswerten Vortrag nahm der „konkret“-Autor Peter Bierl rechte und konservative Formen der Wachstumskritik ins Visier. Er kritisierte, dass Teile der Degrowth-Bewegung bspw. annehmen, es gebe so etwas wie ursprüngliche Kulturen, deren Eigenheit und Vielfalt analog zur Biodiversität erhaltenswert sei, und er zeigte auf, dass dieser Argumentationsstrang auf eine „Blut und Boden“-Argumentation rekurriere. Die rassistische Schweizer Initiative „Ecopop“ und Veröffentlichungen von Meinhard Miegel machten deutlich, dass Konservative und Rechte sich in die Degrowth-Diskussion einbringen und diese eventuell vereinnahmen oder sogar dominieren könnten.

In den Workshops und Diskussionen wurde die drohende Spaltung zwischen sozialen und ökologischen Themen (z. B. in Hinblick auf die Position von Gewerkschaften, aber auch von NGOs in armen Ländern) sichtbar. Ein Konsens konnte nicht immer gefunden werden, auch wenn die Bedenken der jeweils anderen Seite durchaus zur Kenntnis genommen und aufgegriffen wurden. An anderer Stelle, wie etwa bei der Betrachtung der Bergbaupraxis in Südafrika und der Geschehnisse um den Gewaltausbruch um die Marikana-Mine, wurden aber auch die im Degrowth-Konzept angelegten Gemeinsamkeiten mit globaler Gerechtigkeit und Klimagerechtigkeit deutlich. Diese Gemeinsamkeiten liegen im Abschied von extraktivistischen[2] Wirtschaftsformen, der Kritik an der Verengung der Klimadiskussion auf CO2 und der Notwendigkeit einer tiefgreifenden Systemtransformation.

Durch die Vermischung von Veranstaltungsangeboten der Summer School und des Klimacamps war nicht immer klar, was von wem angeboten wurde. Die meisten Kurse der Summer School basierten auf eigenständiger Forschung, manche arbeiteten bei der praktischen Übersetzung wissenschaftlicher Grundlagen jedoch auf selektive und plakative Weise. Einige Angebote und Diskurse auf der Summer School waren bewusst utopisch, weit über Tellerränder oder derzeit Bestehendes hinausdenkend – dies war im Rahmen des Klimacamps angemessen und kam auch durch die stark von linken und emanzipatorischen Gruppen geprägte Kommunikationsstrukturen in dem Camp zum Ausdruck.

2     Die Summer School als emanzipatorisches Projekt

Die meisten Besucher/-innen zelteten und waren durch regelmäßige Treffen in ihrer Zeltnachbarschaft in die Entscheidungsstrukturen des Camps eingebunden, wobei ein Rotationsprinzip den Austausch zwischen den Kleingruppen aller Campbewohner/-innen sicherte und alle formulierten Anliegen in eine zentralen Struktur einspeiste. So konnten alle Teilnehmer/-innen ihre Bedürfnisse und Probleme artikulieren und das Camp als Institution seine Mikro-Regeln selbst entwickeln. Das Camp entschied sich zunächst dafür, Regeln zum Schutz mancher Gruppen zu definieren. Hunde auf dem Camp mussten an der Leine geführt werden, um Menschen mit Angst vor Hunden zu schützen. Trotz des heißen Wetters war es unerwünscht, sich das T-Shirt auszuziehen, weil dieses Recht zwischen Männern und Frauen gesellschaftlich ungleich verteilt ist und in anderen Zusammenhängen vor allem von Männern in Anspruch genommen wird. Das klingt restriktiv, war aber anscheinend für alle akzeptabel und für den Einzelnen sogar erfrischend, wenn man sonst z. B. nur Orte mit vorgefertigten Regeln kennt.

Künstlerische Angebote, Artistik, Jonglagen und Yoga, Meditation am frühen Morgen und spontan gebildete Workshops zu Tanz und Theater sowie Kinofilme ergänzten das Diskussions- und Workshopangebot. Uns beeindruckte die beleuchtete Bühne mit allabendlicher Livemusik, die einschließlich der Verstärker aus der autarken PV-Energieversorgung des Klimacamps gespeist wurde.

Ein DIY-Workshop mit 20 Teilnehmer/-innen baute während der Summer School eine Kleinwindkraftanlage mit 350-400 Watt Leistung, durch die etwa 10 Laptops gleichzeitig betrieben werden können. Die Werkstattarbeit fand parallel in unterschiedlichen Stationen statt, die sich der Herstellung des Rotors, der Elektronik etc. widmeten. Durch ein Rotationsprinzip ist theoretisch jede/r der Teilnehmer/-innen nun in der Lage, eine Windkraftanlage zu konstruieren und in Betrieb zu nehmen.

3     Ende Gelände

Nach der Summer School fand gemeinsam mit dem Klimacamp die große Massenaktion zur Blockade der Braunkohlebagger statt. Circa 1.500 „Aktivisten“ versuchten in die Grube zu gelangen, über 800 davon erfolgreich. Viele waren Teilnehmer/-innen der Summer School, Wissenschaftler/-innen, Journalist/-innen und Studierende, die teils zum ersten Mal an einer Aktion des zivilen Ungehorsams teilnahmen und mit aktiven Braunkohlegegner/-innen friedlich und entschlossen für wenige Stunden die Riesenmaschinen zum Stehen brachten. Die Plattform der Aktion war das Klimacamp, das organisatorisch nicht mit der Degrowth Summer School zusammen hing. Das Aktionsbündnis „Ende Gelände“ hatte über ein Jahr hin u. a. einen tragfähigen Aktionskonsens erarbeitet, der auch verlässlich eingehalten wurde. Zu diesem gehörte das klare Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit und gegen Akte der Sabotage.

Ein Ziel neben der Blockade war, ein öffentlichkeitswirksames Zeichen gegen den Abbau in Garzweiler zu setzen und die weitere gesellschaftliche Diskussionen und politische Meinungsbildung voran zu treiben. Ende Gelände war die bislang größte Aktion zivilen Ungehorsams gegen die Kohlewirtschaft hierzulande. Sie löste ein breites Presseecho aus und wurde selbst international (NY Times, Guardian) erwähnt. Das harte Vorgehen der Polizei (in irritierender Zusammenarbeit mit dem RWE-Wachschutz) wurde z. B. in der SZ, der ZEIT und der taz, aber auch u. a. in öffentlich-rechtlichen Medien (tagesschau.de) erwähnt. Jürgen Döschner kommentierte im WDR:

„Auf das abgesperrte Gelände der RWE-Braunkohlegrube zu laufen und sich vor die Bagger zu stellen, dürfte formal vermutlich den Tatbestand des Hausfriedensbruchs erfüllen. Aber dass RWE gemeinsam mit einem massiven Polizeiaufgebot versucht hat, seinen ,Hausfrieden‘ mit Schlagstöcken und Pfefferspray durchzusetzen, dass RWE nun mit Massenklagen gegen rund 800 Aktivisten und Journalisten versucht, diese zu kriminalisieren – das ist nicht nur unangemessen, sondern zutiefst absurd“.[3]

4     Fazit

Die vitale Vernetzung der akademisch geprägten Degrowth-Bewegung mit Formen des bislang kapitalismuskritischen und anarchistisch geprägten Aktivistenspektrums zeigte das große Erweiterungspotenzial der Degrowth- und der Anti-Kohle-Bewegung in weitere Teile der Gesellschaft auf. Die Summer School, Ende Gelände und das Klimacamp werden von den Veranstaltern und den Kommentator/-innen insgesamt als Erfolg gewertet. Verglichen mit den üblichen Kongressen, Konferenzen, Workshops und Summer Schools des Wissenschaftssystems ist die gesellschaftliche Wirkung der Degrowth Summer School enorm.

Jedoch ist die fachliche Resonanz (noch) vergleichsweise gering, auch gegenüber der Degrowth-Konferenz vor einem Jahr in Leipzig, die in zahlreichen Publikationen mündete. Das spricht dafür, dass bei wissenschaftlich-aktivistischen Veranstaltungen ein gewisses Dilemma zwischen diesen Polen besteht. Dennoch hat die dezentrale und selbstorganisierte Organisationsform erneut ihr großes Potenzial bewiesen, nicht nur eine professionelle Veranstaltung zu realisieren, sondern die transdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Aktivismus und Kunst zu ermöglichen – woran andere Tagungen etc. häufig scheitern. Man kann sich daher nur wünschen, dass das „Rezept“ der internationalen Degrowth-Veranstaltungen kopiert wird.

Eine Fortführung der Aktivitäten ist geplant: Ein großes offenes Planungstreffen findet am 6.–8. November in Leipzig statt und vom 30. August bis zu 3. September 2016 findet die 5. Degrowth-Konferenz in Budapest statt.

Anmerkungen

[1] Klimacamps sind ein Sammelpunkt der internationalen Klimabewegung und dienen der Vernetzung, Schulung, Sichtbarmachung und konzeptionellen Weiterentwicklung. Aus Protest gegen den unverminderten Braunkohleabbau, der im Abbaugebiet für den Tagebau Garzweiler noch bis 2045 geplant ist, fand dieses Jahr zum fünften Mal das „Klimacamp Rheinland“ statt. Organisiert hatte es ein Bündnis aus Aktivist/-innen der Klimabewegung, BUNDjugend NRW, ausgeCOhlt und zahlreichen Unterstützerorganisationen.

[2] (Neo-)Extraktivismus ist ein Entwicklungsmodell, das auf der Ausbeutung natürlicher Ressourcen zum Zweck ihrer Inwertsetzung beruht. Extraktivistische Industrien und Sektoren sind der Bergbau und fossile Energierohstoffe (Öl, Gas, Kohle), aber auch monokulturell angebaute Agrar- und Forstprodukte (Quelle: http://www.fu-berlin.de/vv/de/lv/87749?sm=62059).

[3] http://www.tagesschau.de/kommentar/kommentar-braunkohle-proteste-101.html

Redaktioneller Hinweis

Als Schwerpunkt der TATuP 2/2016 ist das Thema „Forschungsperspektiven für Postwachstumsstrategien zwischen Technik, Wirtschaft und Gesellschaft“ vorgesehen.