EURAM’15 – Uncertainty is a Great Opportunity
Responsible Innovation erreicht Managementforschung
Bericht von der Konferenz „EURAM’15 – Uncertainty is a Great Opportunity“ der European Academy of Management
Warschau, Polen, 17.–20. Juni 2015
von Karsten Bolz, Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS), Karlsruhe, Bergische Universität Wuppertal, Schumpeter School of Business and Economics
1 Die Relevanz der EURAM’15 für die TA-Community
Die jährlich stattfindende Konferenz der European Academy of Management (EURAM) ist eine der größten Managementkonferenzen in Europa. Doch warum ist sie für die TA Community von Bedeutung? Dieses Jahr stand – neben vielen weiteren spannenden Themen – das Konzept der Responsible Innovation auf der Agenda. Somit war die EURAM’15 die erste große Management und Business Konferenz die diese Thematik explizit behandelte. Während sich die bisherigen Aktivitäten zu dem Konzept auf eine politische und sozioethische Perspektive von akademischen Forschungs- und Entwicklungsprozessen konzentriert (Lettice et al. 2013; Blok/Lemmens 2015), wurde die Rolle von Unternehmen bislang weitgehend ignoriert. Es scheint allerdings besonders wichtig zu sein, Responsible Innovation auch in diesem Kontext zu diskutieren, da (oft) Unternehmen neue Technologien in den Markt einführen, der breiten Gesellschaft verfügbar machen und somit mögliche Folgen herbeiführen. Zudem ist der Punkt an dem Unternehmen neue Technologien in den Markt einführen oftmals Auslöser der öffentlichen Debatte über eben diese. Dies ist möglicherweise aus der Tatsache zu begründen, dass erst zu diesem späten Zeitpunkt die Gesellschaft mit der Neuentwicklung oder neuen Technologie in Berührung kommt bzw. konfrontiert wird (Sutcliffe 2011, S. 8).
2 Die EURAM’15
Die EURAM’15 fand mit circa 900 Teilnehmern unter dem Slogan „Uncertainty is a Great Opportunity“ in Warschau statt. Dabei lag ein gewisser Fokus auf der Frage, ob und wie sich Unsicherheit auf Unternehmen und unternehmerisches Handeln auswirkt – eröffnet sie neue Möglichkeiten oder stellt sie eher eine Gefahr dar – und wie damit umgegangen werden kann.
Neben den zahlreichen parallel stattfindenden Vorträgen gab es auch einige gemeinsame Veranstaltungen wie Gastvorträge von Lech Wałęsa (Nobelpreisträger und ehemaliger Präsident von Polen) und Lila Tretikov (Executive Director der Wikimedia Foundation) oder gesellschaftliche Veranstaltungen wie beispielsweise ausgedehnte Pausen oder Abendessen mit der Möglichkeit sein Netzwerk in der Wissenschaft zu erweitern. Besonders interessant für Doktoranden war das Doktorandenkolloquium, welches im Vorfeld der Konferenz stattfand. Dies gab Doktoranden die Möglichkeit, ihre Arbeit in kleinen Gruppen vorzustellen, intensiv zu diskutieren und von bereits erfahrenen Wissenschaftlern zu lernen sowie tiefer in die wissenschaftliche Community einzutauchen. Ergänzt wurden diese Aktivitäten durch das „Early Career Colloquium“, welches Wissenschaftlern in einer frühen Phase ihrer Karriere, wie beispielsweise Assistenzprofessoren/innen oder Post-Docs, eine Plattform bot, sich auszutauschen.
Neben der Vernetzung mit Kollegen/innen aus ganz Europa und darüber hinaus gab es zudem die Möglichkeit, mit Verlagen in Kontakt zu kommen. Auf dem „Publishers Plaza“ präsentierten sich einige renommierte Verlage, wie z. B. Cambridge University Press, Harvard Business Publishing, Oxford University Press, Wiley oder Springer.
3 Responsible Innovation im Unternehmenskontext
Thematisch war die Konferenz durch die 13 Special Interest Groups (SIG) der Academy gegliedert, welche sich in der Forschung jeweils einem ausgesuchten Themenfeld widmen. Das Konzept der Responsible Innovation wurde von der SIG „Business for Society“ in die Agenda als eigene thematische Einheit aufgenommen und diskutiert. Innerhalb der Einheit sollen hier zwei Vorträge besonders hervorgehoben werden, da diese einen engen Bezug zu der von Schomberg vorgeschlagenen Definition der Responsible Innovation (Schomberg 2013) hatten. Andere Vorträge der Einheit beschäftigten sich zwar ebenfalls mit der sozialen und ökologischen Verantwortung von Unternehmen, doch bezogen sich diese weniger explizit auf das Konzept der Responsible Innovation.
Zuerst ist der Vortrag von Victor Scholten (Delft University of Technology) zu nennen. Er referierte über mögliche Chancen für kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die sich aus der Notwenigkeit eines verantwortungsvollen Innovierens ergeben. Verantwortungsvolles Innovieren sollte nicht ausschließlich als Herausforderung gesehenen werden, sondern gleichzeitig auch als Chance. Vor diesem Hintergrund stelle das Konzept der Responsible Innovation eine Möglichkeit dar, z. B. soziale Herausforderungen in neue Konzepte, Geschäftsmodelle oder neue Formen des Wirtschaftens zu übersetzen, und dadurch Unternehmen einen verantwortungsvollen Ansatz zu eröffnen, ohne dabei an Performance einzubüßen. Insbesondere wurden hier die „Grand Challenges“ der Europäischen Kommission[1] angeführt, welche neue Wege und Möglichkeiten eröffnen, Innovationen voranzutreiben und neue Geschäftsfelder zu erschließen. Durch die Suche nach Lösungen zu diesen Herausforderungen können z. B. neue Technologien, Produkte oder Services, Märkte, Business Modelle, aber auch effizientere Lösungen zur Ressourcengewinnung oder Energienutzung entstehen. Scholten betonte aber v. a. auch die Notwendigkeit, neue Innovationsparadigmen zu schaffen und von aktuellen Ansätzen abzuweichen, wozu ein Ausbruch aus dominierenden Denkweisen und Heuristiken über Lösungsfindung, Technologie und deren Anwendung notwendig sei. In diesem Wandel sieht Scholten die Chancen für KMUs, die sich durch die Umsetzung des Konzepts der Responsible Innovation ergeben können. Er argumentierte, dass sich KMUs, aufgrund ihrer besonderen Struktur, in einer günstigen Lage befänden, wenn es um die Umsetzung von Responsible Innovation gehe. Im Innovationsprozess kooperierten diese oftmals mit Partnern, was sie, bezüglich der Anpassung des Prozesses hin zu den Zielsetzungen der Responsible Innovation, besonders flexibel mache. Allerdings sei es für sie oftmals schwieriger Ressourcen (finanziell, personell, …) für Aktivitäten, wie der Beteiligung von verschiedenen Akteuren oder der Technikfolgenabschätzung, zur Verfügung zu stellen. Zudem wies Scholten darauf hin, dass es für KMUs, aufgrund einer fehlenden Wertschätzung und Wahrnehmung seitens der Bevölkerung, wenig Anreize hinsichtlich eines Reputationsgewinns gäbe das Konzept der Responsible Innovation in die Praxis umzusetzen. In dem Vortrag wurde die enge Verknüpfung der Responsible Innovation mit dem Konzept der nachhaltigen Entwicklung und der, von Elkington (1998) definierten, Triple-Bottom-Line deutlich. Responsible Innovation solle demnach zu Verbesserungen in allen drei Dimensionen – Ökonomie, Ökologie und Soziales – führen.
Wie das Konzept der Responsible Innovation auf Business Modelle übertragen werden kann, damit beschäftigte sich der Vortrag von Alex Hope (Newcastle Business School). Ausgehend von der Sichtweise, dass heutzutage Unternehmen von der Gesellschaft eher als Verursacher sozialer und ökologischer Probleme wahrgenommen werden, vertrat er die Meinung, dass Unternehmen andererseits auch als eine Kraft gesehen werden können, die Gutes bewirken könne. Darin sieht Hope die Notwendigkeit für neue Business Modelle. Ähnlich wie bei Scholten seien Herausforderungen (z. B. Grand Challenges) oder Schocks (z. B. Wirtschaftskrise ab 2007) Möglichkeiten für Unternehmen, neue Wege zu beschreiten und innovative Lösungen zu generieren. Viele Unternehmen haben allerdings ein sehr enges bzw. eingeschränktes Verständnis von Innovation; dies sei meist sehr technokratisch geprägt. Diese technokratische Orientierung sieht Hope auch bei der aktuellen Diskussion um das Konzept der Responsible Innovation und macht deutlich, dass es bei Innovation nicht ausschließlich um technisches Design gehe, sondern diese sehr viel breiter gesehen werden solle und vor allem auch das dahinterstehende Geschäftsmodell in die Diskussion einzubeziehen sei. Es sei eine Sache, innovative und verantwortungsvolle Produkte und Services zu entwickeln, aber eine andere – und aus Sicht von Hope, die wohl wichtigere – zu gewährleisten, dass diese durch Geschäftsmodelle in den Markt eingeführt werden, welche ebenfalls den Prinzipien der nachhaltigen Entwicklung, der sozialen Verantwortung und ethischen Prinzipien folgen. Auch Hope hinterfragte aktuelle Innovationsparadigmen und forderte, Innovation nicht nur um der Innovation willen anzustreben, sieht aber gleichzeitig auch die Notwendigkeit für Unternehmen, weiterhin zu innovieren, um erfolgreich und profitabel zu bleiben. Es gehe also nicht darum Innovation per se zu hinterfragen, sondern vielmehr deren Zielsetzung, denn bei Innovation gehe es letztendlich darum, das Leben von Menschen zu verbessern. Man solle sich also die Fragen stellen: „Innovate for what? Innovate for whom?“ Deshalb schlug Hope vor die Prinzipien der nachhaltigen Entwicklung, der sozialen Verantwortung sowie ethische Grundsätze vor allem auch in das Business Modell von Unternehmen zu inkorporieren und somit auch die Frage nach deren Rolle in der Gesellschaft zu stellen. Dies sieht er als notwendigen Startpunkt für das „Responsible Innovation Movement“, wie er es nannte.
Beide Vorträge verbanden das Konzept der Responsible Innovation mit dem der nachhaltigen Entwicklung und der Trible-Bottom-Line. Eine weitere Gemeinsamkeit war, dass beide Vortragenden – ganz im Sinne der Responsible Innovation – aktuelle Innovationsparadigmen hinterfragten und die Erarbeitung neuer Innovationspfade forderten und auch für möglich hielten.
Anschließend folgten einige, von der Thematik der Responsible Innovation weiter entfernte, aber durchaus verwandte Vorträge, die sich mit neuen Wegen des Innovierens oder breiter gefasst des Wirtschaftens von Unternehmen beschäftigten, wobei neben ökonomischen auch explizit – und sicherlich mit einem Schwerpunkt – soziale und ökologische Aspekte berücksichtigt wurden. Hier sind insbesondere die eng miteinander verwandten Konzepte des Sustainability und Social Entrepreneurship zu nennen, welche in der Community der Wirtschaftswissenschaften stetig an Bedeutung gewinnen.
Generell ist jedoch festzuhalten, dass Aspekte der Verantwortung von Unternehmen gegenüber der Gesellschaft auf dieser Konferenz, aber vielleicht auch generell in den Wirtschaftswissenschaften, sehr stark im Kontext des Konzepts der Corporate Social Responsibility (CSR) diskutiert wurden bzw. werden. Eine Diskussion über die Abgrenzung von CSR zur Responsible Innovation im Unternehmenskontext soll an dieser Stelle nicht stattfinden. Jedoch wird die Meinung vertreten, dass CSR – jedenfalls wie es aktuell Anwendung findet – den Zielsetzungen der Responsible Innovation nicht gerecht wird und sich tiefgreifendere Konzepte hinsichtlich sozialer, ökologischer und ethischer Aspekte in den Wirtschaftswissenschaften entwickeln und etablieren sollten.
Erfreulich ist, dass es Responsible Innovation auf die Agenda einer großen Managementkonferenz geschafft hat, was andeutet, dass das Konzept auch in den Wirtschaftswissenschaften an Relevanz gewinnt. Wünschenswert wäre es gewesen, mehr Vorträge explizit zu der Thematik der Responsible Innovation im Unternehmenszusammenhang zu hören. Generell wurde deutlich, dass es – insbesondere in den Wirtschaftswissenschaften – noch Forschungsbedarf gibt, um das Konzept weiterzuentwickeln, und es noch stärker an Gestalt gewinnen muss, um in der wirtschaftswissenschaftlichen Diskussion wahrgenommen zu werden. Doch vielleicht genügen auch die existierenden bzw. emergierenden Konzepte der Wirtschaftswissenschaften, um die Zielsetzungen der Responsible Innovation in der Community zu diskutieren.
4 Lech Wałęsa über moralische Werte in einer Marktwirtschaft des 21. Jahrhunderts
Während der Tage in Warschau sprach Friedensnobelpreisträger Lech Wałęsa zu den Teilnehmern über „Moral Values in a Market Economy of the 21st Century“ – sicherlich ein Höhepunkt der Konferenz. In seiner Rede schlug er den Bogen in die Vergangenheit und betonte die Rolle des Vorangehens, um Menschen in turbulenten politischen und ökonomischen Zeiten zu inspirieren, einen Wandel einzuleiten, sowie die Bedeutung der Entwicklung starker moralischer Werte für die Entscheidungsfindung. War es in der Vergangenheit die Annäherung von Ost und West, seien es heute die Vereinigung Europas und die fortschreitende Globalisierung, die starke moralische Werte bedürfen, um erfolgreich umgesetzt zu werden. Die damit verbundene Frage, auf welchen moralischen Werten zukünftig Institutionen und Systeme – insbesondere auch ökonomische – begründet sein sollten, ließ Lech Wałęsa für das Publikum als Denkanstoß offen. Er sieht in dem Handeln jedes Einzelnen und dem Dialog die Mittel, diese Institutionen und Systeme auf gemeinsamen Werten zu errichten und sie gemeinsam zu gestalten. Er betonte damit die Notwendigkeit der Kooperation und des gemeinsamen Gestaltens; zwei Elemente, die auch Kern der Responsible Innovation sind.
Anmerkung
[1] Die Europäische Kommission fokussiert sich in ihrem aktuellen Forschungsprogramm „Horizon 2020“ auf folgende „Grand Challenges“: health, demographic change and wellbeing; food security, sustainable agriculture and forestry, marine and maritime and inland water research, and the bioeconomy; secure, clean and efficient energy; smart, green and integrated transport; climate action, environment, resource efficiency and raw materials; inclusive, innovative, reflective and secure societies (http://ec.europa.eu/programmes/horizon2020/en/h2020-section/societal-challenges; download 19.10.15).
Literatur
Blok, V.; Lemmens, P., 2015: The Emerging Concept of Responsible Innovation. Three Reasons why it is Questionable and Calls for a Radical Transformation of the Concept of Innovation. In: Koops, B.-J.; Oosterlaken, I.; Romijn, H. et al. (Hg.): Responsible Innovation 2: Concepts, Approaches, and Applications. Berlin, Heidelberg, New York, S. 19–35
Elkington, J., 1998: Cannibals with Forks: The Triple Bottom Line of 21st Century Business. Gabriola Island, BC
Lettice, F.; Pawar, K.; Rogers, H., 2013: Responsible Innovation; What Challenges Does it Pose for the New Product Development Process? 19th International ICE & IEEE-ITMC International Technology Management Conference June 24–26, 2013. Den Haag
Schomberg, R. von, 2013: A Vision of Responsible Research and Innovation. In: Owen, R.; Bessant, J.; Heintz, M. (Hg.): Responsible Innovation – Managing the Responsible Emergence of Science and Innovation in Society. London, S. 51–74
Sutcliffe, H., 2011: A Report on Responsible Research and Innovation for the European Commission; https://ec.europa.eu/research/science-society/document_library/pdf_06/rri-report-hilary-sutcliffe_en.pdf (download 10.11.15)