technik.kontrovers – ITAS öffnet seine Türen für die Karlsruher Öffentlichkeit

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technik.kontrovers – ITAS öffnet seine Türen für die Karlsruher Öffentlichkeit

von Carmen Priefer, Julia Hahn und Alicia Gutting

Noch mal schnell durchatmen, ein paar zu gerade stehende Stühle verrücken und ein letzter Soundcheck des Kraftwerk Videos „The Man Machine“. Bereits um 17.45 Uhr beginnt sich das ITAS-Foyer mit den ersten Gästen zu füllen. Die Anspannung der letzten drei Monate fällt allmählich ab und macht Platz für eine freudige Erwartung, was in den nächsten zwei Stunden passieren wird. Natürlich kennen wir die Vorträge und insbesondere die Vortragenden, aber es lässt sich nicht vorhersagen, wie das Publikum auf das ungewöhnliche Vortragsformat reagieren wird. Die größte Angst, dass niemand kommen könnte, hat sich schnell erledigt. Das Thema Robotik scheint nicht nur eingefleischte Science-Fiction-Fans anzuziehen, sondern erweist sich als gute Wahl zum Start der öffentlichen Reihe „technik.kontrovers“ im November 2014. Mit vierteljährlich stattfindenden Themenabenden wagt das ITAS den Schritt raus aus dem Elfenbeinturm der Wissenschaft und rein ins Karlsruher Leben. Ziel ist es, gesellschaftlich brisante Themen, die am ITAS erforscht werden, einer interessierten Öffent-lichkeit vorzustellen und über die Präsentation kontroverser Standpunkte sowie die aktive Einbindung des Publikums einen lebhaften Dialog zu ermöglichen.

Wie alles anfing

Das ITAS blickt auf eine lange Tradition der Technikfolgenforschung zurück – problemorientierte Forschung in gesellschaftlicher Verantwortung ist schon seit über zwanzig Jahren Kern der täglichen Arbeit am Institut. Die verständliche Kommunikation von Forschungsergebnissen und das in Kontakt kommen mit Problemlagen, Meinungen, Wünschen und Befürchtungen in der Gesellschaft ist für viele von uns „TA’lern“ ein integraler Bestandteil der eigenen Tätigkeit. Als wir vor einigen Jahren als Wissenschaftler hier anfingen, fiel sofort auf, dass die Arbeit des Instituts trotz ihrer hohen gesellschaftlichen Relevanz in der Öffentlichkeit kaum bekannt ist. Das ITAS hatte durch seine Anbindung an den Campus Nord des KIT, mit Sitz in Eggenstein-Leopoldshafen fern allen städtischen Geschehens, nicht gerade die ideale Lage für einen Austausch mit der Öffentlichkeit. Doch das sollte sich mit dem Umzug in die Karlsruher Innenstadt ändern. Schon lange als vage Idee in unserem Kopf war hier das Umfeld geschaffen, um die Vorstellungen konkret werden zu lassen. Eine wichtige Erfahrung auf dem Weg zum Format „technik.kontrovers“ war für einige von uns die Durchführung der institutsinternen Reihe „Auf den Spuren der TA“, bei der Kolleginnen und Kollegen ihre Arbeit, individuellen Werdegänge und Sichtweisen auf TA vorgestellt und damit ein institutsweites Nachdenken über die Forschung am ITAS angeregt haben. Damit war der erste Schritt getan auf dem Weg von der Selbstreflexion zur Au-ßendarstellung.

Unser Interesse an einer Reihe wie „technik.kontrovers“ kam auch durch den Anspruch zustande, unsere Arbeit auf neue und zugängliche Weise einem breiten Publikum näher zu bringen. Als „TA’ler“ machen wir nicht nur „trockene Wissenschaft“, sondern wollen und müssen uns mit gesellschaftlich Relevantem beschäftigen und über Disziplinen und Bereiche hinaus denken. Somit war klar, dass dies ein Experiment werden sollte: Ein neuer Weg, unsere Erkenntnisse und Fragen zu präsentieren und zu diskutieren; vernetzend, interaktiv und vielfältig. ITAS-Experten stellen ihre Forschung vor, aber nahe am Alltag und inklusive schwieriger Fragen, auf die die Wissenschaft alleine nicht antworten kann. Was wollen wir eigentlich von neuen Technologien, und was nicht? Welchen Einfluss können wir auf die rasante Technikentwicklung nehmen? Mit dem Vorschlag für ein einjähriges Pilotprojekt für öffentliche Diskussionsabende zu einer Auswahl an Forschungsthemen mit dem Titel „technik.kontrovers“ stießen wir bei der Institutsleitung sofort auf Zustimmung und Unterstützung und bei den Kolleginnen und Kollegen auf großes Interesse. Wir hatten ein vages Bild vor Augen, aber was da kon-kret auf uns zukommen wird, wussten wir in diesem Moment noch nicht so ganz.

Über 1000 Emails - nebenbei ziemlich viel zu tun

Das Ziel war also klar, der Weg dahin durch viel Brainstormen, Diskutieren und Organisieren geprägt. Von der Gruppenfindung und der Festlegung unseres Selbstverständnisses, über die Logo- und Postergestaltung, die Themenfokussierung und das Referenten-Briefing bis hin zur Koordination der Werbung war unser siebenköpfiges Team in vielen Bereichen gefragt. Neben der Vielfalt an Aufgaben waren auch die Themen der Abende abwechslungs-reich: Mensch-Maschine Interaktionen, Leben in der Datenwolke, Nahrungsmittel von morgen sowie intelligente Städte der Zukunft. Wie sich an den Besucherzahlen gezeigt hatte, allesamt gute Themen für die Diskussion mit der Öffentlichkeit und erst eine kleine Auswahl der vielfältigen Forschungsaktivitäten des ITAS. Trotz der zusätzlichen Arbeit für uns besonders motivierend war der Experimentierrahmen, in dem wir Erfahrungen mit Neuem machten durften, wie dem Vi-sual Recording, eine Art Live-Dokumentation der Veranstaltung. Und vor allem der Enthusiasmus der Vortragenden, die sich bereitwillig auf das Experiment eingelassen haben.

technik kontrovers – eine Erfolgsgeschichte?

Das Ziel, die Forschung des ITAS der Öffentlichkeit vorzustellen, in einen Austausch darüber zu kommen und das Institut in Karlsruhe bekannter zu machen, hat die Pilotphase durchaus erreicht - zumindest hat sie eine Basis geschaffen, auf die zukünftig weiter aufgebaut werden kann. Die Besucherzahlen haben sich von etwa 40, über knapp 60 bis auf fast 90 externe Gäste erhöht. Auch Pressevertreter und Fachleute fanden den Weg ins ITAS-Foyer. Selbst über einige Stammgäste darf sich das Institut freuen. Zudem war das Publikum, was das Alter angeht, durchmischt; der Altersdurchschnitt deutlich jünger als man das sonst im wissenschaftlichen Umfeld erwartet. Das Feedback, das wir über Fragebögen einholen konnten, hat auch von inhaltlicher Seite ein positives Bild auf die Veranstaltung geworfen. Die Verständlichkeit der Vorträge und der Verlauf der Diskussionen, die von Mal zu Mal lebendiger wurden, bekamen gute Bewertungen vom Publikum.

Teilweise waren die Besucher jedoch überrascht über die Art der Darstellungen, die nicht immer ins klassische wissenschaftliche Bild passten: Szenarien wurden vorgestellt, Videos gezeigt, Fragen aufgeworfen und Meinungen vertreten anstatt klare Antworten zu liefern. Das bedurfte einer gewissen Eingewöhnung. Für die Vortragenden wiederum war es mitunter schwierig, ihre Forschungsinteressen in einem offenen Format vorzustellen und sich tatsächlich darauf einzulassen. Diese Spannung hat sich darin gezeigt, dass manchmal in bekannte Rollen geschlüpft wurde, Experte auf der einen und Laie auf der anderen Seite. Die Erwartungen des Publikums, die Auswahl der Formate sowie die Weiterentwicklung des Konzepts werden uns auch in Zukunft vor Herausforderungen stellen. Alles in allem fällt das Fazit positiv aus: Wir haben einen Raum eröffnet, in dem Technikfolgenforschung und Gesellschaft zusammenkommen, um sich kennenzulernen und dringliche Fragen unserer Zeit zu besprechen, und das in einer Atmosphäre, die einen Austausch auf Augenhöhe ermöglicht.

Ein Abend auf Papier gebannt

Ein Abend auf Papier gebannt - Auch wenn noch nicht annähernd so komplex wie die Realität, zeigen die sogenannten Visual Recordings von Jens Hahn doch die Zusammenhänge und Ambivalenzen, die sich in den Diskussionen bei technik.kontrovers abgezeichnet haben. Foto: Bernardo Cienfuegos

 

Und wie geht’s weiter?

Das ITAS wird im kommenden Jahr vier weitere technik.kontrovers Veranstaltungen zu verschiedenen Forschungsthemen anbieten. Mit neuen Formaten und Präsentationsarten soll weiterhin experimentiert werden.

Mehr Infos unter: http://www.itas.kit.edu/technikkontrovers

Anregungen und Ideen: publicitas∂lists.kit.edu

 

Dies ist der zweite Beitrag in der Rubrik „TATuP-Labor“, unser Experimentalkasten für den im Zuge des 25-jähigen Bestehens der TATuP anstehenden Relaunch der Zeitschrift. Hierbei haben wir den Texttyp Reportage ausprobiert. Teilen Sie uns Ihre Meinung zu Inhalt und Gestaltung gerne mit! redaktion∂tatup-journal.de