Praxis
Responsible Research and Innovation (RRI) beinhaltet das Ziel, alle gesellschaftlichen Akteursgruppen aus Politik, Wissenschaft, Industrie und Zivilgesellschaft in Technik- und Innovationsprozesse kontinuierlich einzubeziehen. Zur Berücksichtigung von Bedürfnissen und Werten sollen insbesondere Akteure eingebunden werden, die klassischerweise nicht an F & E-Prozessen beteiligt werden, beispielsweise zivilgesellschaftliche Organisationen oder die „breite Öffentlichkeit“. Doch welchen Vorteilen, aber auch Herausforderungen sehen sich diese dabei gegenüber, wenn sie sich beteiligen wollen? Wie verstehen zivilgesellschaftliche Akteure und BürgerInnen selbst ihre Rolle in Forschungs- und Entwicklungsprozessen und wie werden sie von Politik, Forschung oder dem privaten Sektor eingebunden?
Gesellschaftliche Beteiligung unter RRI wird vor allem als eingeladene Partizipation verstanden, was auch eine frühzeitige und kontinuierliche Debatte und die Berücksichtigung der Ergebnisse in Forschungs- und Innovationsprozessen beinhaltet. In neun Fallstudien in den Forschungsbereichen Gesundheit und Ernährung, Nanotechnologie sowie Synthetische Biologie wurden Erfahrungen und Perspektiven verschiedener zivilgesellschaftlicher Organisationen zur Beteiligung in Forschungs- und Innovationsprozessen untersucht. Um auch das Interesse einer breiten Öffentlichkeit an unterschiedlichen Beteiligungsformaten abzuschätzen, wurden zusätzlich BürgerInnen-Panels in fünf europäischen Ländern (Bulgarien, Deutschland, Österreich, Großbritannien, Portugal) durchgeführt.
Aus der Analyse der Fallstudien und der BürgerInnen-Panels ergeben sich sechs Faktoren, deren (Nicht-)Erfüllung die Möglichkeiten und das Interesse von zivilgesellschaftlichen Akteuren an Beteiligung in Forschungs- und Innovationsdebatten beeinflussen: die Relevanz der Beteiligungsprozesse für eigene Interessen; die konkrete Wirkung auf politische oder gesellschaftliche Entscheidungen; das Vertrauen in die Organisation von Beteiligungsprozessen oder auch generell in (politische) Eliten; die Kenntnisse und Fähigkeiten auf inhaltlicher oder kommunikativer Ebene, um sich nach eigener Einschätzung (v. a. von BürgerInnen) „adäquat“ beteiligen zu können; die notwendigen Ressourcen für gesellschaftliche Beteiligung; und die wahrgenommene Legitimität des Prozesses bzw. der eigenen Beteiligung daran.
In Zusammenarbeit mit ExpertInnen und Stakeholdern aus Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft wurden diese Ergebnisse validiert, zu Empfehlungen für politische EntscheidungsträgerInnen, Forschungsförderungsorganisationen, wissenschaftliche Einrichtungen und zivilgesellschaftliche Organisationen weiterentwickelt und letztlich im PROSO Support Tool publiziert. Dabei zeigte sich, dass eine zunehmende Beteiligung von BürgerInnen und zivilgesellschaftliche Organisationen an Forschung und Innovation die simultane Umsetzung von Maßnahmen auf unterschiedlichen Ebenen erfordert. Kurzfristig sind vor allem Transparenz in Bezug auf Rollen und Verantwortlichkeiten in sowie Zweck und Auswirkung von Prozesse notwendig; außerdem muss Ergebnisoffenheit der Beteiligungsprozesse garantiert werden. Mittelfristig steht vor allem eine Anpassung und Weiterentwicklung von Forschungsförderungspolitik und -programmen im Vordergrund; dazu beitragen könnten unter anderem die Öffnung von Beratungsgremien von Fördereinrichtungen für zivilgesellschaftliche Organisationen. Langfristige Maßnahmen beziehen sich auf eine Normalisierung der gesellschaftlichen Beteiligung und folglich auf einen Wandel des Wissenschaftssystems und der Wissenskultur; Strategien zur Umsetzung beinhalten etwa den Aufbau und die Bereitstellung von Kompetenz in Forschungsorganisationen, um gesellschaftliche Beteiligung zu einem integralen Bestandteil zu machen. Die im Titel gestellte Frage ist somit mit Ja zu beantworten. Allerdings ist verantwortungsvolle und gelingende Beteiligung sehr voraussetzungsvoll.
Bogner, A.; Bauer, A.; Fuchs, D. (2018): Partizipation als große Herausforderung. Neue Formen der Öffentlichkeitsbeteiligung im Kontext von „Responsible Research and Innovation“. In: Decker, M. et al. (Hg.), NTA7-Proceedings: Grand Challenges meistern – der Beitrag der Technikfolgenabschätzung); Baden-Baden: Nomos/edition sigma, S. 109–120.
Mehr Information zum EU-Projekt PROSO (PROmoting SOcietal Engagement under the terms of RRI, 2016–2018) und die finalen Empfehlungen finden sich unter: proso-project.eu/prososupporttool/ und im ITA-Dossier Nr. 32: epub.ac.at/ita/ita-dossiers/ita-dossier032.pdf.
Mit einer kostenpflichtigen Veröffentlichung in dieser Rubrik informieren NTA-Mitglieder über ihre Aktivitäten und unterstützen TATuP. Sie möchten sich beteiligen? Sprechen Sie uns einfach an unter redaktion@tatup.de.