Reflexionen · Bericht

Der lange Weg der Wissenschafts- und Technikforschung

Jubiläumstagung der GWTF, TU Berlin 16.–17. 11. 2017

Niels Taubert, Institute for Interdisciplinary Studies of Science (I²SoS), Postfach 100131, 33501 Bielefeld (niels.taubert@uni-bielefeld.de), orcid.org/0000-0002-2357-2648

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TATuP Bd. 27 Nr. 1 (2018), S. 69, https://doi.org/10.14512/tatup.27.1.69

Wer die Erwartung hatte, sich überblicksartig auf den Stand der Wissenschafts- und Technikforschung zu bringen, war bei der GWTF-Jubiläumstagung richtig. Im Unterschied zu anderen, meist thematisch fokussierten Veranstaltungen der Gesellschaft ging es den Organisatoren darum, einen Überblick über die vergangenen drei Dekaden zu geben und derzeitige Forschungsperspektiven zu versammeln. Dies gelang und die Bestandsaufnahme veranschaulichte vor allem dreierlei: Das Feld der Wissenschafts- und Technikforschung ist etabliert, zeichnet sich durch ein hohes Maß an Diversität aus und dies bei wechselseitiger Akzeptanz der verschiedenen Zugänge.

Vollzogene Institutionalisierung

Die Institutionalisierung der Wissenschafts- und Technikforschung findet ihren Ausdruck nicht nur in thematisch einschlägigen Stellenprofilen, Instituten und Einrichtungen, sondern auch in der Etablierung kognitiver Rahmen, die Forschungsaktivitäten orientieren. Darauf konzentrierten sich die meisten Vorträge der Tagung: Martina Merz skizzierte die Entwicklung des Laborkonstruktivismus und verwies auf zwei komplementäre Interpretationen. Während die Analogiethese (nothing epistemically special in the laboratory) erst umstritten war und mittlerweile weithin akzeptiert ist, gibt die Differenzthese (give me a laboratory and I will raise the world) eine Stoßrichtung vor, mit der nach den Gründen für den außerordentlichen Erfolg der Naturwissenschaften gefragt werden kann. Mit dem Stichwort der Realexperimente präsentierte Matthias Groß einen zweiten kognitiven Rahmen der Wissenschaftsforschung. Im Unterschied zu Merz fasste er den Experimentbegriff weiter und argumentierte, experimentelle Setups in und mit der Gesellschaft seien häufig dem Labor vorgelagert. Realexperimente bilden damit eine Formel, um äquivalente oder zumindest Experimentalanordnungen des Labors ähnliche Phänomene innerhalb der Gesellschaft zu analysieren. Nichtwissen, seine Ursprünge und gesellschaftlichen Auswirkungen bilden einen weiteren Forschungsschwerpunkt, der vor Peter Wehling vorgestellt wurde. Ihm zufolge entsteht Nichtwissen als undone science durch eine ungleiche Verteilung von Forschungschancen sowie durch „Nichtwissenskulturen“, deren Theorien und Denkstile sich durch Selektivität auszeichnen und deren Produkte innerhalb der Gesellschaft Nichtwissen permanent erzeugen. Anna Kosmützky und Georg Krücken fragten nach dem wechselseitigen Anregungspotential zweier gleichermaßen etablierter wie benachbarter Felder, der Wissenschafts- und der Hochschulforschung. Neben dem Vorschlag, international vergleichend vorzugehen, optierten sie für eine stärkere Berücksichtigung der organisationalen Dimension in der Wissenschaftsforschung. Im Bereich der Technikforschung stammten die wesentlichen Überblicksbeiträge von Roger Häußling und Michael Decker. Während Erstgenannter nach einem Durchgang durch das Gegenstandsverständnis der Techniksoziologie vor allem die Frage verfolgte, wie interdisziplinäre Forschung unter Beteiligung von Ingenieur- und Sozialwissenschaften möglich sei, systematisierte Letztgenannter das praxisorientierte Feld der Technikfolgenabschätzung.

Unterschiedliche Zugänge werden kaum noch im Grundsatz in Frage gestellt, stattdessen wird Pluralität anerkannt.

Diversität als Markenzeichen

Die Themen der Überblicksbeiträge deuten bereits den großen Fundus etablierter kognitiver Rahmen an, die im Zuständigkeitsbereich der GWTF anzutreffen sind und – wie Cornelius Schubert für die Organisatoren anmerkte – im Tagungsprogramm keineswegs vollständig repräsentiert waren. Es fehlten etwa Beiträge zur Gouvernementalität, zu Science and Technology Studies und zu sozialen Netzwerken sowie feministische Ansätze, während mit dem Vortrag von Laura Schnieder zur klinischen Versuchsperson zumindest eine kritische Perspektive vertreten war. Mehrere Beiträge sprechen dafür, dass sich diese Diversität künftig noch weiter erhöhen wird. Abzulesen war das am Vortrag von David Kaldewey, der sich für den semantischen Raum zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik interessiert und unter einer wissenssoziologischen Perspektive das wissenschaftspolitische Begriffsfeld untersucht. Als zweites Beispiel können Hilmar Schäfers Überlegungen zur Praxistheorie gelten, die ebenfalls auf eine Etablierung dieser Theorieperspektive in der Technikforschung abzielten. Auch mein eigener Beitrag zur Digitalität der Wissenschaft könnte hier genannt werden, der einen theoretischen Rahmen zur Analyse digitaler Infrastrukturen in der Wissenschaft anbot. Diese Zugänge sind vielleicht nicht völlig neu, bislang aber weniger etabliert.

Koexistenz als Haltung

Insgesamt zeigten die Diskussionen auf der Tagung eine gewisse Reife des Feldes auf. Die Zeiten der großen Fragen um die soziale Konstruktion von Wissenschaft und Technik, den epistemischen (Sonder-)Status von wissenschaftlichem Wissen und den Stellenwert von (Sach-)Technik innerhalb der Sozialtheorie scheinen erst einmal vorbei zu sein. Die verschiedenen Zugänge werden kaum noch im Grundsatz in Frage gestellt; stattdessen wird – in weiten Teilen – die Pluralität anerkannt. Auch diese Haltung mag ein Resultat eines mehr 30 Jahre langen Diskussionsprozesses über die gesellschaftliche Rolle von Wissenschaft und Technik sein.

Weitere Informationen

Tagungsprogramm: http://www.gwtf.de/2017-programm-GWTF.pdf