Editorial

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TATuP Bd. 27 Nr. 1 (2018), S. 3, http://dx.doi.org/10.14512/tatup.27.1.3

Nachdem sich die letzten Ausgaben der TATuP mit neuen Angeboten und Herausforderungen von Open Science und modellgetriebener Simulation für die moderne Praxis der Technikfolgenabschätzung (TA) auseinandergesetzt haben, greift das aktuelle TATuP-Thema nun die Frage nach der Theorie der TA auf. Man mag hier kritisch fragen: Warum jetzt? Warum so spät? Und haben wir nicht schon bei Goethes Faust gehört, dass alle Theorie grau und somit lebensfern ist? Tatsächlich wird TA seit Jahrzehnten im Wesentlichen „einfach gemacht“; und das mit einigem Erfolg, ohne dass es hierzu einer umfangreichen, oder gar systematischen Theoriebildung der TA bedurft hätte.

Nach meinem Eindruck blieben bisherige Ansätze einer Theoriebildung erratisch und in der Community ohne breite Rezeption. Hierfür mögen verschiedene Gründe verantwortlich sein: Zunächst handelt es sich bei TA ganz praktisch um eine projektförmige Unternehmung – nicht um eine Disziplin mit hohem und exklusivem Theoriebedarf. Außerdem docken die verschiedenen Spielarten der TA an sehr unterschiedlichen Wissenschaftsdomänen und -traditionen mit jeweils disparaten Theoriegebäuden an. Schließlich mag man, neben weiteren Gründen für das Theoriedefizit der TA, auch den praktischen Beratungsauftrag der TA als hinderlich erkennen, der eine wissenschaftliche Theoriebildung der TA als obsolet erscheinen lässt.

Die Feststellung dieses Defizits impliziert nun, dass es gleichwohl einen (ungestillten) Theoriebedarf der TA gibt – und nicht allein bezüglich ihrer bisherigen Praxis und Fundierung: Das neue forschungspolitische Credo einer an Grand Challenges ausgerichteten Responsible Research and Innovation scheint das Programm der TA zu ignorieren, um es zugleich in einem anderen Gewand neu zu erfinden. Diese Usurpation kann – so meine Hoffnung – durch geeignete Theoriearbeit zum besseren Selbst- und Fremdverständnis der TA vermieden werden. Dabei wird TA sich insbesondere auch kritisch mit dem durchaus ambivalenten Konzept von Innovation sowie mit der normativen Klärung von Verantwortlichkeit in gesellschaftlichen Erneuerungs- und Transformationsprozessen auseinandersetzen müssen. Denn: Verantwortlichkeit ist schnell gefordert aber bei genauer Betrachtung nicht einfach unwidersprochen einzulösen. In diesem Zusammenhang wird TA auch um die kritische Beurteilung „großer gesellschaftlicher Herausforderungen“ als Rechtfertigung für etwaige „wünschbare“ Innovationen nicht herumkommen können. Da gibt es viel zu tun …

Ich denke, durch kritische Aufnahme dieser Punkte in die Theoriediskussion kann sich TA von den Moden der forschungspolitischen Debatte emanzipieren. Hierzu soll die vorliegende Ausgabe von TATuP beitragen.

Ich freu mich drauf

Stephan Lingner

Stephan Lingner

EA European Academy GmbH

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