100 Jahre Deutsche Gesellschaft für Soziologie

Tagungsberichte

100 Jahre Deutsche Gesellschaft für Soziologie –

Selbstreflexionen eines Fachs und aktuelle Perspektiven der Transnationalisierung
Bericht vom 35. Kongress der DGS
Frankfurt a. M., 11.–15. Oktober 2010

von Linda Nierling, Simon Pfersdorf und Anna Schleisiek, ITAS

Konflikte und Kontroversen gehören immer zur Soziologie. Dies legte nicht nur der Eröffnungsvortrag von Hans Georg Soeffner, sondern auch die Vielzahl von aktuellen Diskussionen und Debatten auf dem diesjährigen Jubiläums-Kongress zum hundertjährigen Bestehen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) nahe. Dieser fand in Anknüpfung an den Veranstaltungsort des ersten Kongresses 1910 in Frankfurt am Main statt. Dieser Tagungsbericht skizziert einerseits die historische Referenz der Veranstaltung und geht andererseits auf Tagungsbeiträge mit fachlicher TA-Relevanz ein.

In unterschiedlichen Plenen, Foren, Sektionsveranstaltungen, Ad-hoc-Gruppen und Vorlesungen fanden rund 600 Vorträge statt, die sich sowohl dem übergeordneten Kongressthema „Transnationale Vergesellschaftungen“ widmeten, als auch die Gastländer USA und Frankreich in ihren langen soziologischen Traditionen würdigten. Darüber hinaus gab es während der fünftägigen Kongresswoche mit ca. 3.000 Besuchern und Besucherinnen eine Reihe von Veranstaltungen, die, dem Festanlass gerecht werdend, eine historische Perspektive auf die Soziologie als relativ junge Wissenschaftsdisziplin richteten. Hierbei ist insbesondere der kenntnisreiche Rückblick von M. Rainer Lepsius (Heidelberg) auf die Rolle von Max Weber für die Begründung der Soziologie als wissenschaftlicher Disziplin zu erwähnen.

Lepsius stellte in seiner Vorlesung zu „Max Weber und die Gründung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie“ heraus, dass die Anfänge der Soziologie als eigenständige Disziplin nicht ohne eine Vielzahl von kontroversen Diskussionen, Spannungen und Streitigkeiten zu denken wären. Diese konflikthaften Ursprünge prägten auch die weitere, durchaus wechselhafte Geschichte der DGS, die mehrere Brüche aufweise. Dieses Ergebnis verdeutlichte das Forum „Soziologische Zeit-Spiegelungen – die Frankfurter Soziologentage in Retrospektive“ unter Leitung von Karl-Siegbert Rehberg. Eine solche Zäsur vollzog sich z. B. 1968. In dem damaligen Kongress spiegelten sich die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen dieser Jahre. So kam es wiederholt zu „tumultartigen“ Störungen der Veranstaltungen durch Studierende, die sich v. a. gegen die professoral geprägten, elitären Diskussionskulturen richteten und thematisch auf eine umfassende Kapitalismuskritik abzielten, wie Claus Offe lebhaft, auch auf Basis eigener Erfahrungen schilderte. Diese Störungen entfachten eine Vielzahl von internen Diskussionen zur Selbstvergewisserung des Fachs. Dies führte dann letztendlich auch zu einem sechsjährigen Zerwürfnis der DGS. Solche selbstkritischen Reflexionen über das Fach waren in diesem Jahr genauso Thema der einzelnen Sessions wie soziologische Gegenwartsanalysen über neue Formen transnationaler Vergesellschaftung.

Die Wahl dieses Oberthemas sollte der Analyse gegenwärtiger gesellschaftlicher Problemlagen einer Weltgesellschaft geschuldet sein, deren globale Verwobenheit nicht zuletzt durch die Finanzkrise in den letzten drei Jahren überdeutlich wird. Auf dem Kongress sollten transnationale Ordnungen einheitlich in der Definition von Ludger Pries als „Prozess der Herausbildung relativ dauerhafter und dichter pluri-lokaler und nationalstaatliche Grenzen überschreitender Beziehungen von sozialen Praktiken, Symbolsystemen und Artefakten“ verwendet werden (Pries 2007, S. 44). In Zeiten, in denen nationalstaatliche Grenzen immer durchlässiger würden und weltweit agierende Unternehmen und Banken Regulationsfunktionen übernähmen oder wirtschaftliche Verflechtungen über den Personalbedarf internationaler Wertschöpfungsketten und durch Arbeitsmigration zunähmen, seien neue Qualitäten transnationaler Vergesellschaftung entstanden, so Pries. Hans-Georg Soeffner hub in seinem Eröffnungsvortrag die besondere Herausforderung hervor, die in der genauen analytischen Berücksichtigung dieser Prozesse durch die Soziologie lägen.

1     Globale Mikrostrukturen und ihr Beitrag zu transnationaler Vergesellschaftung

In einem gemeinsamen Plenum der Sektionen „Methoden der Qualitativen Sozialforschung” und „Wissenschafts- und Technikforschung” wurden Mikrostrukturen transnationaler Vergesellschaftung in den Blick genommen. Ziel war es, konkrete Orte transnationaler Vergesellschaftung zu identifizieren und praktische Bezüge zum Thema zu erfassen.

Karin Knorr-Cetina (Konstanz) thematisierte in ihrem Vortrag mit dem Titel „Synthetische Weltgesellschaft? Globale Mikrostrukturen als Herausforderung“ globale soziale Formen, die durch Mikrostrukturen „aufgespannt“ seien, und in denen Interaktion und Integration auf transnationaler Ebene stattfinden. Ein Beispiel für Mikrostrukturen seien Börsen, bei denen Händler zwar an verschiedenen Orten säßen, aber über Bildschirme mit anderen Händlern transnational interagierten. Transnationale Zusammenhänge von Märkten würden so durch „globale Mikrostrukturen“ zusammengehalten. Elektronische Medien leisteten hierzu einen Beitrag. Medien, wie die Bildschirme, vor denen Börsenhändler weltweit arbeiten, betrachtete Knorr dabei als skopische Medien, als ein Arrangement von Hardware, Software und Inhalt, das einen Beitrag zur Handlungskoordination leiste. In diesem Sinne fungierten Medien als generative Elemente globaler Mikrostrukturen. Eine mögliche Konsequenz der medienvermittelten Integration über globale Mikrostrukturen sah sie darin, dass sich hier Einstellungen entkoppelt von gesellschaftlichen Strukturen entwickelten und Parallelwelten entstehen ‑ so z. B. die Entkopplung von gesellschaftlich geteilten Werten in Finanzmärkten, was letztlich zum Crash dieser Märkte geführt habe. Die Untersuchung solcher Situationsarchitekturen wie den Börsen, ist für Knorr-Cetina dann auch eine zukünftige Aufgabe für soziologische Analysen. An diesen eher konzeptionellen Vortrag schlossen weitere Vorträge an, in denen Phänomene transnationaler Vergesellschaftung auf mikrostruktureller Ebene v. a. anhand von Fallstudien thematisiert wurden.

Matthias Grundmann und Iris Kunze (Münster) nahmen in ihrem Vortrag „Transnationale Vergemeinschaftungen: Interkulturelle Formen der sozial-ökologischen Gemeinschaftsbildung als Globalisierung von unten?” lokale Gemeinschaftsprojekte in den Blick. Diese seien als intentionale Gemeinschaften beschreibbar, die sich dadurch auszeichneten, dass sie von den Akteuren gewollt und zur planvollen Umsetzung von Gemeinschaft gegründet werden. Diese Gemeinschaften vernetzen sich weltweit, z. B. im „Global Ecoville Network” und bilden so lokal-globale Orte der Vergemeinschaftung in postmodernen Gesellschaften.

In seinem Vortrag „Wären die Autos nicht sicher, müssten wir ja handeln - Eine politische Soziologie des Crashtest” betrachtete Jörg Potthast (Siegen/Berlin) den Prozess der Risikotransformation an der Schnittstelle zwischen Politik und Forschung und stellte sich die Frage, wie Wissenschaft in die Politik komme und umgekehrt. Dies untersucht er am Beispiel der Forschung zu Verkehrssicherheit.

Schließlich nahm Heike Greschke (Bielefeld) mit ihrem Vortrag zu „Wie ist globales Zusammenleben möglich? Die ,Transnationalisierung’ der unmittelbaren sozialen Beziehungen und ihre methodologische Reflexion“ ein von Exil-Paraguayanern genutztes Internetforum in den Blick. In diesem Forum führen die Akteure einen alltagsweltlichen Austausch über einen langen Zeitraum und würden so zu einer globalen Lebensgemeinschaft. Anhand dieses Beispiels stellte Greschke die Grundbegriffe der klassischen Interaktiontheorie wie den der räumlich gebundenen Ko-Präsenz in Frage. Das Beispiel des Internetforums zeige, wie im Kontext transnationaler Migration Globalität hergestellt werde.

In diesem Plenum konnte zum einen verdeutlicht werden, dass sich Globalisierung bzw. Transnationalität auch in Mikrostrukturen vollzieht und mikrosoziologisch untersucht werden kann. Interessanterweise adressierten die Autoren v. a. den Beitrag von Mikrostrukturen zur transnationalen Vergemeinschaftung und nicht zu einer transnationalen Vergesellschaftung. Zum anderen wurde der Beitrag der Wissenschafts- und Technikforschung zur Analyse dieser Prozesse deutlich ‑ sowohl hinsichtlich der Analyse der Rolle von Technik in diesen Prozessen als auch hinsichtlich der Bedeutung techniksoziologischer Ansätze zu ihrer Erklärung. In diesem Sinne konnte das Plenum Einblicke in ein wichtiges und aktuelles Forschungsfeld, den Mikrostrukturen transnationaler Vergemeinschaftung gewähren, das weiterer, systematischer Untersuchung bedarf.

2     Transnationale Vergemeinschaftung im Internet?

Auf der zweitätigen Sektionssitzung der Wissenschafts- und Technikforschung standen Forschungsprojekte zur Web 2.0-Gesellschaft zur Diskussion. Der Untertitel des Veranstaltungstitels suggerierte die These, dass durch das Internet Formen transnationaler Gemeinschaft ermöglicht würden. Letztlich untersuchten die vorgestellten Projekte aber ganz unterschiedliche Phänomene, die mit dem Internet verknüpft seien. Diese werden im Folgenden exemplarisch vorgestellt.

Andreas Moellenkamp (Leipzig) erörterte in seinem Vortrag Motivationsstrukturen zur Partizipation in Wikipedia. Anhand von zehn Einzelbiographieanalysen von engagierten Usern arbeitete er drei Logiken heraus, die er zu Typen stilisierte. Der „Open-Content-Community-Typ“ zeichne sich u. a. durch eine starke Identifikation mit dem Wikiprojekt aus und verstünde seine Arbeit als zivilgesellschaftliches Engagement. Den „Bildungsbürger“ reizten u. a. die ernsthafte Auseinandersetzung mit den Themen und die damit einhergehende Verbesserung seines Bildungsniveaus. Unterhaltung und Spaß im Ausprobieren der Technik sowie den Wettbewerbscharakter beim Erstellen von Artikeln interessierten u. a. den „Spieler“ an der Onlineplattform.

Seine soziologischen Beobachtungen von „facebook“ stellte Andre Hoever (Berlin) vor. Die Besonderheit des Netzwerks liege darin, dass es sowohl Selbstdarstellung als auch Gemeinschaftseinbettung ermögliche. Einem ausgewählten Publikum würden Alltagserlebnisse präsentiert, deren Relevanz mit dem Klatsch und Tratsch von Prominenten vergleichbar sei. Man mache sich auf facebook zum Reporter in eigener Sache, dessen Zustimmung die Strukturen der Webseite begünstige. Bei entgegen der Erwartung ungünstigen Kommentaren zur Selbstinszenierung des Nutzers könnte dieser über die Löschung von Kommentaren oder die Verbannung des Störers aus dem eigenen Publikum durch Entfernung des Kontakts Sanktionen verhängen.

Sandro Gaycken (Stuttgart) reflektierte in seinem Vortrag einige aktuelle Ereignisse in der Onlinewelt. Seiner These zufolge entwickelten sich die Postulate, die eine studentische Hackerinitiative am MIT der 1970er Jahre an die damalig Universitätsleitung richtete, zu einer Ideologie des Web 2.0. Besonders die Forderungen „Information must be free!“ und „Don’t trust authorities!“ könnten als rechtfertigende Gründe für die Aktivitäten der Enthüllungsplattform Wikileaks, für die Erstellung meinungslastiger Artikel in der Wikipedia oder der Fälschung politischer Webseiten verstanden werden. Es fehle an ethischen Kodices und besonders an rechtlichen Regulierungen, die solchen Aktivitäten Einhalt geböten.

Niels Taubert (Bielefeld) zeichnete in seinem Vortrag die sozialen Dynamiken der Open-Access-Bewegung im Bereich wissenschaftlicher Publikationen nach. Die Triebkraft zur Veränderung läge in einer Krise des Bibliothekswesens der 1980er Jahre begründet. Diese führte zu ersten frei zugänglichen Plattformen, der ersten elektronischen Zeitschrift 1992, mehreren Deklarationen zum freien Publizieren zu Beginn der 2000er Jahre und letztlich der ersten Angebote großer Verlage 2005. Die Community erkenne in elektronischen Zeitschriften und der parallel stattfindenden Nutzung verbesserter Software beim Erstellen von Artikeln Vorteile, die die Entwicklung bestärkten. Taubert zufolge könnte die Open-Access-Bewegung als soziale Bewegung charakterisiert werden.

Dass Online-Communities nicht als Gemeinschaften, sondern als Formen kollektiver Wissensproduktion verstanden und untersucht werden müssten, legte Paul Eisewicht (Karlsruhe) in seinem Vortrag dar. Zwar zeichneten sich beispielsweise online agierende technikbezogene Netzwerke durch ein gemeinsames Interesse aus, doch wären soziologische Kategorien des Gemeinschaftskonzepts wie begrenzter Ort, wechselseitige Bezugnahme, geteilte Wertsetzung oder ein Gemeinschaftsgefühl nicht erfüllt. Möglichkeiten der soziologischen Beschreibung dieser spezifischen Formen sozialer Interaktion ergäben sich jedoch durch die Beobachtung der Art und Weise der Konstruktion gemeinsamer Wissensbestände. Hierbei seien deren Besonderheiten wie die Zugänglichkeit zu den jeweiligen Plattformen, der Ausgrenzbarkeit von Öffentlichkeiten, die zeitliche Erreichbarkeit von Informationen oder die spezifischen Bedingungen der Möglichkeit zur Kommunikation (wie z. B. Anonymität) zu beachten.

Abgesehen von Eisewicht thematisierte keiner der Vortragenden die These der Vergemeinschaftung über das Internet. Vielmehr zeigten die präsentierten Forschungsprojekte soziologisch – bis auf den philosophischen Beitrag Gayckens – relevante Analysen sozialer Phänomene mit unterschiedlichen Erkenntnisinteressen und boten daher ein heterogenes Bild. Deutlich wurde, dass nur weil eine Technik in unterschiedlichen Nationen zum Einsatz kommt, es sich dabei noch nicht um ein transnationales Phänomen handeln muss.

3     Fazit

Hinsichtlich der Wahl des Kongressthemas stellte sich die DGS einer herausfordernden Aufgabe. Sie wählte mit „Transnationalisierung“ ein Oberthema, das die internationale soziologische Gemeinschaft bereits intensiv diskutiert. Die Aufmerksamkeit der deutschsprachigen soziologischen Forschung auf dieses gesellschaftlich relevante Themenfeld zu richten, kann demnach als ein wichtiges Verdienst des diesjährigen Kongresses verzeichnet werden. Allerdings gibt das Gesamtbild der Beiträge auch Anlass zur Kritik. Die Transferleistung, Transnationalisierung analytisch zu begreifen, theoretisch in die unterschiedlichen Fachperspektiven zu integrieren und in empirischen Analysen zu operationalisieren, gelang nur selten. Auch blieb der Eindruck nicht verwehrt, dass bestehende Forschungsarbeiten (z. B. ländervergleichende Analysen) als Beitrag zur Diskussion im Sinne des Veranstaltungsthemas schlichtweg umgewidmet wurden. Der Kongress machte deutlich, dass die deutschsprachige Forschung zu Transnationalisierung, abgesehen von einigen positiven Ausnahmen, noch in ihren Anfängen steckt.

Die Beiträge der Wissenschafts- und Techniksoziologie verdeutlichten, dass Technologien viele Formen internationaler Vernetzung ermöglichen und damit als Medien grenzüberschreitender Vergesellschaftung gelten könnten. Der Schwerpunkt der Auseinandersetzung lag dabei auf dem Einfluss elektronischer Medien und des Internets. Darin spiegelt sich der Umstand wider, dass IuK-Technologien bei der räumlichen Ausdifferenzierung, die mit Prozessen der Transnationalisierung einhergehen können, eine hohe Bedeutung zukommt. Jedoch müssten zukünftige Forschungsthemen für ein umfassendes techniksoziologisches Verständnis des Phänomens der Herausbildung grenzüberschreitender Beziehungen nicht nur IuK-Technologien, sondern auch weitere Technologiefelder (wie Transporttechnologien oder Formen der autonomen Steuerung) in den Blick nehmen. Eine Vernetzung verschiedener soziologischer Perspektiven scheint notwendig, um übergreifende Aspekte wie Global Governance, Ereignisse in der internationalen Politik und den Umgang mit internationalen Krisen sowie die Rolle von Banken und Unternehmen analysieren zu können.

Abgesehen von den aufgezeigten Forschungslücken konnten die unterschiedlichen Schwerpunkte des Kongresses (das Kongressthema, die Gastländer Frankreich und USA, das Jubiläum) jeweils für sich und in einzelnen Verknüpfungen gemeinsam überzeugen. Zur angemessen Atmosphäre des Jubiläumskongress trug neben den fachlichen Vorträgen gerade das Rahmenprogramm des Kongresses bei, zu dem Ausstellungen zur Geschichte der Soziologie, Besichtigungen soziologischer Forschungsinstitutionen in Frankfurt und nicht zuletzt Gesellschaftskritik in Musik und Theater gehörten.

Literatur

Pries, L., 2007: Die Transnationalisierung der sozialen Welt. Sozialräume jenseits von Nationalgesellschaften. Frankfurt a. M.