Meeting Report

Emotionale Bindungen zu Robotern – who cares?

Niklas Ellerich-Groppe, Abteilung Ethik in der Medizin, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Ammerländer Heerstraße 114–118, 26111 Oldenburg, DE (niklas.ellerich-groppe@uni-oldenburg.de) 0000-0002-0234-0506

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TATuP (2021) Bd. 30 Nr. 2, S. 75–76, https://doi.org/10.14512/tatup.30.2.75

Received: Jun. 01, 2021; revised version accepted: Jun. 15, 2021; published online: Jul. 262021 (editorial peer review)

Der Workshop „Social robotics and the good life. The normative side of forming emotional bonds with robots” fand vom 13. bis 14. Mai 2021 online am Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW) in Tübingen statt. Organisiert wurde die Veranstaltung von Wulf Loh, Regina Ammicht Quinn, Janina Loh und Charles Ess. Sie widmete sich einem Themenbereich, der in den kommenden Jahren zunehmend diskutiert werden wird. So wird soziale Robotik verstärkt auch in besonders sensible gesellschaftliche Bereiche Einzug halten. Während unumstritten ist, dass Menschen auch zu nicht-menschlichen Entitäten wie Robotern emotionale Bindungen aufbauen, besteht mit Blick auf deren ethische Dimension noch Klärungsbedarf. Inwiefern sind solche emotionalen Bindungen manipulativ oder drohen „echte“ Bindungen zu ersetzen? Wodurch zeichnen sich diese emotionalen Bindungen aus und welche Konsequenzen haben sie für ein gutes Leben in einer zunehmend technisierten Gesellschaft? Fragen wie diese erhalten gerade mit Blick auf romantische Liebesbeziehungen, den Bildungssektor und die Altenpflege moralische Brisanz.

Ethische Dimensionen

Imke de Maur (Universität Osnabrück) argumentierte im ersten Vortrag gegen einen Einsatz von Robotern für die Pflege. So bedeute Pflege nicht nur das Ausführen bestimmter Tätigkeiten, sondern auch, die Gepflegten als Personen und damit als einzigartige, wertvolle Individuen wahrzunehmen – etwas, das Roboter zwar teilweise simulieren, nicht aber tatsächlich leisten können. Ein Einsatz von Robotern für die Pflege objektifiziere deswegen Menschen schlussendlich, da wesentliche Aspekte ihres Menschseins vernachlässigt würden. Dieses anspruchsvolle Pflegekonzept und die Frage nach der Objektifizierung auch durch Menschen in der Pflege waren im Anschluss wichtige Aspekte in der Diskussion.

Eva Weber-Guskar (Ruhr-Universität Bochum) diskutierte anhand der Chatbot-App Replika die Frage der emotionalen Wechselseitigkeit. Sie zeigte auf, inwiefern Chatbots zumindest bis zu einem gewissen Grad bestimmte Beziehungsgüter herstellen können, auch wenn sie selbst nicht mit emotionalen Fähigkeiten aufwarten können. Wie in anderen Beziehungen, z. B. zwischen Kindern und ihren Eltern, fehle die emotionale Wechselseitigkeit. Dieses Fehlen sei aber nicht der entscheidende Punkt, vielmehr gebe es andere Einwände gegen affektive emotionale Beziehungen mit Chatbots. Die nur partielle Realisierung von Beziehungsgütern auch in Mensch-Mensch-Beziehungen kam ebenfalls in der nachfolgenden Diskussion zur Sprache. Ebenso wurde der Wert menschlicher Interaktionspartner:innen deutlich, die im Gegensatz zu Chatbots eine kritische Haltung einnehmen und gerade dadurch Beziehungen bereichern können.

Matthew Dennis (University of Technology, Eindhoven) setzte sich in seinem Vortrag mit Fragen der Verkörperung von Robotern auseinander. Dazu verfolgte er die These, dass nicht verkörperte Roboter am ehesten zu einem digitalen guten Leben beitragen könnten. So ließen sich in ihrem Fall wichtige ethische Herausforderungen hinsichtlich der Körperlichkeit von Robotern umgehen. Zudem böten sie praktische Vorteile wie geringere Kosten, eine höhere Zugänglichkeit und eine umfassendere Verfügbarkeit. Dass eine solche Schlussfolgerung auch Probleme schafft, wurde in der folgenden Diskussion deutlich. Dabei spielte die Frage nach der Bedeutung der stets leiblichen Existenz des Menschen für die Interaktion ebenso eine Rolle wie die, ob es überhaupt nicht verkörperte Roboter geben könne, da auch eine Künstliche Intelligenz stets auf eine Form der Materialisierung angewiesen sei.

Niklas Ellerich-Groppe, Merle Weßel und Mark Schweda (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg) setzten in ihrem Vortrag an der Erkenntnis an, dass in Mensch-Technik-Interaktionen dieselben sozialen Kategorien wirksam werden wie in Mensch-Mensch-Interaktionen. Ausgehend von einer ethischen Analyse der Stereotypisierung von Robotern zur Akzeptanzsteigerung diskutierten sie, inwiefern ein Queering, also die Dekonstruktion normalisierender Kategorien und die flexible Anwendung sozialer Zuschreibungen in der Robotik zu einem guten Leben für Menschen in der Altenpflege beitragen könnte. Lag im Vortrag der Fokus auf den Kategorien Alter und Geschlecht, wurde in der folgenden Diskussion die Notwendigkeit einer Berücksichtigung weiterer Kategorien wie Ethnizität und Klasse sowie einer intersektionalen Herangehensweise deutlich, um Robotik in der Altenpflege wirklich diversitätssensibel zu gestalten.

Cordula Brand, Leonie Bossert und Thomas Potthast (IZEW, Tübingen) widmeten sich in ihrem Vortrag dem Affective Computing in sozialen Trainingsszenarios und damit Systemen, die das emotionale Befinden der Interaktionspartner:innen aufgreifen und darauf mit der Simulation passender Emotionen reagieren, um Interaktion zu vereinfachen. Als besonders relevante ethische Aspekte identifizierten sie neben hohen Sicherheits- und Privatsphäreanforderungen und der Autonomie der Beteiligten gerade für den Bildungsbereich die Notwendigkeit eines Fokus auf die Belange der schwächsten und ärmsten Nutzenden. Eine breite Diskussion über die Bildung der Zukunft sowie die Rolle von Robotern und Affective Computing in diesem Feld sei nötig, was auch nach dem Vortrag in verschiedenen Facetten weiter diskutiert wurden.

Darf man robotische Hunde treten oder Avatare foltern?

In seiner Keynote am Abend setzte sich Charles Ess (University of Oslo) mit der Tugendethik im digitalen Zeitalter auseinander. Ausgehend von der Feststellung, dass in jeder ethischen Tradition tugendethische Elemente ausgemacht werden könnten und diese dadurch für die ethische Erörterung der weltweiten Technisierung besonders vielversprechend erscheine, gelang es ihm eindrucksvoll, die Potenziale der Tugendethik aufzuzeigen. Dabei unterstrich er besonders die Vorteile einer Dezentrierung des Menschen, die einerseits dem Menschen als relationalem Wesen, das in Beziehung zu menschlichen und nicht-menschlichen Entitäten steht, besser gerecht werde, und andererseits auch der Robotik in der ethischen Auseinandersetzung einen neuen Platz zuweisen könne. Dies illustrierte er u. a. an den Fragen, inwiefern man robotische Hunde treten und Avatare foltern dürfe.

Im ersten Vortrag des zweiten Workshop-Tags argumentierte Michael Kühler (KIT, Karlsruhe), dass die Vorstellung einer romantischen Liebesbeziehung mit einem Roboter eine Illusion darstelle. Ausgehend von mehreren Konzeptionen einer romantischen Liebesbeziehung zeigte er, dass diese stets einen Personenstatus bei der geliebten Entität voraussetzen und insofern eine romantische Liebe mit einem Roboter nicht möglich ist. Sodann widmete Kühler sich dem epistemischen Problem, dass die liebende Person nicht weiß, dass die geliebte Entität ein Roboter ist. Erneut konnte er stichhaltige Argumente vorbringen, warum wir nicht von romantischer Liebe sprechen können, solange die Bedingungen des Personseins nicht auf beiden Seiten erfüllt sind. Welche Konsequenzen eine solche Illusion hat und wie sie zu bewerten ist, war ein Aspekt der anschließenden Diskussion.

Karen Lancaster (University of Nottingham) zeigte in ihrem Vortrag auf, wie Sexbots für ältere Menschen in Pflegeeinrichtungen eine Bereicherung sein könnten. Zunächst diskutierte sie, welche Vor- und Nachteile es jeweils birgt, wenn die sexuellen Bedürfnisse älterer Menschen durch die anderen Bewohner:innen der Einrichtung, das Personal, Sexarbeiter:innen, sexuelle Hilfsmittel oder eben Sexbots erfüllt werden. Zudem widmete sie sich prominenten Einwänden gegen Sexbots. Ihrer Analyse folgend könnten Sexbots besser als die Alternativen zu einem guten Leben vieler Menschen in Pflegeeinrichtungen beitragen. Hier sei wichtig, diese Zielgruppe in der Entwicklung der Robotik zu berücksichtigen. In der anschließenden Diskussion dieses häufig vernachlässigten Themas rückte sodann auch die Bedeutung von Wahlmöglichkeiten für ältere Menschen in den Blick.

Lily Frank (University of Technology, Eindhoven) sowie Sven Nyholm und Cindy Friedman (Universität Utrecht) widmeten sich im letzten Vortrag des Workshops ebenfalls dem Themenfeld humanoider Sex- bzw. Liebesroboter. Anhand dreier ethischer Fragen zeigten sie bestehende Ambivalenzen in der Diskussion auf. Hier rückten grundsätzliche Fragen der emotionalen Bindung an Roboter in den Blick und es zeigte sich, dass die Art und Weise, wie wir von Emotionen sprechen, einen erheblichen Einfluss darauf hat, wie wir emotionale Bindungen zwischen Menschen und Robotern mit all ihren Implikationen für den Wert der Emotionen und die menschliche Würde bewerten.

Wesentliche Erkenntnisse

Die Frage nach emotionalen Bindungen zwischen Menschen und Robotern verlangt nach Klarheit in mindestens drei Aspekten: Es ist zu klären, welche Roboter gemeint sind, von welchen Emotionen gesprochen wird und welche Bindungen in der Folge aufgebaut werden sollen. Zu allen drei Aspekten konnte der Workshop erhellende Impulse bieten. Zudem erwies sich die Mensch-Roboter-Interaktion als hilfreiche Kontrastfolie dafür, welche Maßstäbe wir auch an Beziehungen unter Menschen anlegen und inwiefern diese tatsächlich realisiert werden. So konnte der Workshop sowohl für die Technikentwicklung wichtige Anregungen bieten sowie Impulse für eine umfassendere Konzeptualisierung von Ethik geben, in der der Mensch als relationales Wesen in seiner technosozialen Umwelt zur Geltung kommen kann. Es wurde deutlich: Emotionale Bindungen mit Robotern gehen schon jetzt jede:n etwas an.

Weitere Informationen

Ein Sammelband mit den Beiträgen des Workshops und weiteren ausgewählten Beiträgen ist für den Sommer 2022 geplant.