TA-Fokus

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TATuP (2021) Bd. 30 Nr. 2, S. 6–9

 

Meldungen

PARLAMENT

Wissenschaftsbüro für spanische Abgeordnete

Bald mit eigenem TA-Büro: der Palacio de las Cortes, Sitz des spanischen Parlaments (Quelle: Wikimedia/CC BY-SA 4.0)

Das spanische Parlament in Madrid erhält ein Büro für Wissenschaft und Technologie. Eine entsprechende Vereinbarung unterzeichneten im März 2021 die spanische Stiftung für Wissenschaft und Technologie (FECYT), die dem Ministerium für Wissenschaft und Innovation untersteht, und der Congreso de los Diputados, das Unterhaus des spanischen Parlaments. Ziel ist es, Abgeordneten den Zugang zu wissenschaftlichen Erkenntnissen und technologischen Entwicklungen zu erleichtern und sie bei der Entscheidungsfindung zu unterstützen. Dazu soll das Büro künftig unabhängige Berichte zu vom Parlament ausgewählten Themen erstellen. In seiner Verantwortung liegen zudem Aktivitäten, um die wissenschaftliche Gemeinschaft mit den Mitgliedern des Abgeordnetenhauses und der Gesellschaft zu verbinden. Die Idee eines parlamentarischen Büros für wissenschaftliche und technische Beratung geht zurück auf die Bürgerinitiative #CienciaenelParlamento, die im Jahr 2018 mit Veranstaltungen zum Thema große Resonanz unter Abgeordneten, Forschenden sowie Bürgerinnen und Bürgern hervorgerufen hatte.

https://www.fecyt.es/es/noticia/fecyt-y-el-congreso-de-los-diputados-firman-un-convenio-para-poner-en-marcha-la-oficina-de

https://cienciaenelparlamento.org/

TA-NETZWERK

HumTec als neues Mitglied aufgenommen

Um globale Herausforderungen zu meistern, müssen gesellschaftliche Prozesse Hand in Hand gehen mit maßgeschneiderten inter- und transdisziplinären Strategien für Forschung und Innovation. Eine solche Kultur integrierter Wissenschaft hat sich das Human Technology Center, kurz HumTec, auf die Fahnen geschrieben. Seit Mai 2021 ist die fakultätsübergreifende Einrichtung der RWTH Aachen neues institutionelles Mitglied des Netzwerks Technikfolgenabschätzung (NTA). „Die Aufnahme stellt sich für uns als große Ehre und auch Anspruch dar“, resümiert Stefan Böschen, HumTec-Sprecher und Professor für Technik und Gesellschaft an der RWTH. „Zugleich sind wir davon überzeugt, selbst auch wichtige Beiträge für das Netzwerk anbieten zu können.“ Hier haben Stefan Böschen und das HumTec-Team insbesondere „die Arbeit der Kontextualisierung“ im Blick. Diese müsse gegenwärtig in jedem TA-Prozess vielschichtiger denn je ausgeführt werden und mache eine verstärkte, institutionenübergreifende Kooperation erforderlich.

www.humtec.rwth-aachen.de

 

MEDIEN

TA-Institutionen starten Podcasts

„Wenden bitte!“ heißt es im neuen Audioangebot des Öko-Instituts das sich seit April 2021 mit nachhaltiger Transformation in den Bereichen Energie, Mobilität und Rohstoffe beschäftigt. In den Episoden ist jeweils eine Expertin oder ein Experte des Öko-Instituts zu Gast, um zu erklären, wie die jeweiligen „Wenden“ gestaltet, welche Herausforderungen gemeistert und wie die politischen Rahmenbedingungen formuliert werden müssen. In der ersten Episode „Warum ist Wasserstoff der Champagner der Energiewende?“ spricht Felix Matthes, Forschungskoordinator Energie- und Klimapolitik am Öko-Institut, über zentrale Fragen zur Nutzung von Wasserstoff als Energieträger. In einem weiteren Podcast-Projekt aus dem Feld der der Technikfolgenabschätzung steht der Themenkomplex aus Digitalisierung und Demokratie im Mittelpunkt. Initiatoren sind die Stiftung für Technologiefolgen-Abschätzung (TA-Swiss) und die schweizerische Vereinigung für Zukunftsforschung (swissfuture). Ihr im April 2021 gestarteter „Futurepodcast“ will insbesondere Denkerinnen und Denker aus der Schweiz zu Wort kommen lassen.

www.oeko.de/podcast

www.ta-swiss-futurepodcast.online

FILM

Projekt zu KI und Gesundheit auf re:publica

Patientin im Fokus von KI: Motiv aus dem Kurzfilm des Projekts „SMART/AI-Autonomy“ (Quelle: OTH Regensburg)

Kann Künstliche Intelligenz die Einwilligungsfähigkeit von Patientinnen und Patienten besser beurteilen als medizinisches Personal? Mit dieser Frage beschäftigen sich derzeit Forschende des Kooperationsprojekts „SMART/AI-Autonomy“, das im Auftrag der Volkswagen Stiftung vom Institut für Sozialforschung und Technikfolgenabschätzung der OTH Regensburg geleitet wird. Um ihre Fragen in die Öffentlichkeit zu tragen, haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Mai zu einer Veranstaltung auf der digitalen re:publica eingeladen und dafür einen Kurzfilm zu einem fiktiven Szenario im Jahr 2035 gedreht: Technischer Fortschritt hat den Einsatz von Künstlicher Intelligenz für medizinische Zwecke möglich gemacht, Algorithmen entscheiden über die Einwilligungsfähigkeit von Patientinnen und Patienten. Die Forschenden zeigen, wie sich aus den technischen Möglichkeiten zahlreiche Fragen ergeben – ethischer, rechtlicher, soziologischer und informatischer Art. Häufig, so kritisieren sie, würden diese Fragen erst gestellt, wenn die Praxis den Prozess einer gesellschaftlichen Konsensfindung bereits überholt hat.

www.re-publica.tv/de/partner/Smart-AI-Autonomy

 

5 Fragen an:
Markus Schmidt

CEO und Gründer von BIOFACTION, einem Unternehmen zwischen Kunst, Forschung und Wissenschaftskommunikation in Wien

Was verbindet Sie mit der Technikfolgenabschätzung?

Früher war ich am Institut für Risikoforschung der Universität Wien tätig. Dort beschäftigten wir uns zusammen mit österreichischen TA-Experten mit Risiko- und Sicherheitsfragen neuer Technologien. Darüber entstand der Kontakt zu europäischen Partnern, mit denen wir zu Themen wie Synthetischer Biologie oder Gentechnik arbeiten.

Ihre Arbeit verbindet Wissenschaft und Kunst. Was macht diese Schnittstelle aus?

Der Wissenschaft fehlt häufig der Blick für überfachliche Zusammenhänge. Kunstschaffende hingegen bewegen sich mühelos zwischen Themen und Disziplinen, interpretieren Verbindungen neu. Ihre fehlende wissenschaftliche Methodik wiederum können Forschende ausgleichen. Zusammen können sie so holistische Zugänge zu aktuellen Fragen finden.

Welche Rolle spielt Wissenschaftskommunikation in der Technikfolgenabschätzung?

Da geht es stark um eine Demokratisierung der Diskussion. Für inklusive Debatten müssen Bürger über einen Grundstock an Informationen verfügen. Angemessen aufbereitete Inhalte leisten einen wichtigen Beitrag zur Unterstützung des partizipativen TA-Ansatzes.

Welche Zukunftstechnologien haben wir nicht auf dem Schirm?

Ich habe den Eindruck, dass die Sammlung von Gensequenz-Daten wenig kritisch diskutiert wird. Firmen verkaufen heute Gensequenzierungen als Gimmick. Wenn die Sequenzierung einmal stattgefunden hat, ist die Information offengelegt und kann weder zurückgeholt noch gelöscht werden. Die Verwendung der Daten, auch in Kombination mit Big Data, wird uns in Zukunft ordentlich beschäftigen.

Seit zehn Jahren veranstalten Sie das BIO·FICTION Filmfestival zu Neuro- und Biotechnologien. Wann kommt der oder die erste „modifizierte“ Morderator*in?

Wir hatten bereits einen Sprecher mit Cochlea-Implantat vorgesehen. Er bezeichnet sich selbst als „Cyborg“ – ein organisch-maschinelles Mischwesen. Vielleicht wird genetische Modifizierung am Menschen noch in diesem Jahrhundert normal, das kann ich nicht sagen. Ob es dann allerdings noch unser Festival gibt …

 

AUSFÜHRLICHES VIDEO-INTERVIEW UNTER  www.tatup.de/youtube

GRÜNDUNG

Zentrum für Digitalität in Düsseldorf

Den Menschen und seine unmittelbare, durch Technik unterstützte Lebenswelt will die Hochschule Düsseldorf mit ihrem neuen Zentrum für Digitalisierung und Digitalität (ZDD) in den Blick nehmen. Die Verantwortlichen des im Mai 2021 gegründeten ZDD sprechen von einem „Leuchtturmprojekt“ mit dem Ziel, Lösungsoptionen für die gesellschaftlichen Herausforderungen der Digitalisierung zu erarbeiten. Es soll nicht nur die interdisziplinäre Forschung zu Themen wie Data Science, Digitale Gesundheit, Mensch-Technik-Interaktion, Künstliche Intelligenz und Technikfolgenabschätzung beflügeln, sondern auch der Lehre neue Impulse geben: Neben zwei Bachelorstudiengängen startete dafür bereits im Sommersemester 2021 der Master-Studiengang „Transforming Digitality“. Mit ihm will die Hochschule Düsseldorf „Digital-Generalisten“ ausbilden, die sich mit einem entsprechenden Methodenwissen schnell auf neue Herausforderungen einstellen und zielorientiert ganzheitliche Lösungen entwickeln können.

zdd.hs-duesseldorf.de

PROJEKT

Empfehlungen zu Lieferdrohnen und Flugtaxis

Staus, überfüllte Bahnen und Busse, fehlende Haltemöglichkeiten für Lieferdienste – städtische Verkehrssysteme kommen an ihre Grenzen. Kann die Nutzung des urbanen Luftraums dieses Problem lösen? Zum Abschluss ihres Forschungsprojekts Sky Limits haben Wissenschaft im Dialog (WiD) und die Technische Universität Berlin Handlungsempfehlungen zum Umgang mit Lieferdrohnen und Flugtaxis präsentiert. Die Forschenden kritisieren, dass die aktuelle Debatte von Akteurinnen und Akteuren aus der Wirtschaft dominiert wird. Vor allem die politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger seien in der Pflicht, eine mögliche Einführung von Lieferdrohnen und Flugtaxis zukünftig stärker mit der unmittelbar betroffenen Bevölkerung zu diskutieren. Das Projektteam empfiehlt, bei der Weiterentwicklung der Technologie die von der Gesellschaft gewünschten Grenzen der Nutzung mitzudenken. So war eine repräsentative Bevölkerungsumfrage Teil des Projekts. Diese zeigt, dass die Mehrheit der Deutschen den Einsatz von Lieferdrohnen (55 Prozent) und Flugtaxis (62 Prozent) grundsätzlich ablehnt. Lediglich bei medizinischen Notfällen kann sich eine Mehrheit der Befragten vorstellen, dass Drohnen Medikamente liefern (63 Prozent) oder Flugtaxis Kranke transportieren (65 Prozent).

www.skylimits.info

 

Aus dem openTA-Kalender

20. und 27. 07. 2021, KALRSRUHE (online)
Beyond Technology. Perspektivenwende in der Energietransformation
www.itas.kit.edu/veranstaltungen_2021_beyond_technology.php

12.–18. 09. 2021, WORLDWIDE (online)
IS4SI 2021 Conference, Information study for the benefit of humanity. Learning from the past and building the new normal
is4si.org

05.–10. 10. 2021, KARLSRUHE (hybrid)
Science Week „Der Mensch im Zentrum Lernender Systeme“
www.scienceweek.kit.edu/index.php

06.–09. 10. 2021, TORONTO (online)
4S Annual Meeting, Good relations. Practices and methods in unequal and uncertain worlds
www.4sonline.org/meeting

10.–14. 10. 2021, DUBROVNIK (hybrid)
16th Conference on sustainable development of energy, water and environment systems (SDEWES)
www.dubrovnik2021.sdewes.org

18.–19. 11. 2021, o. O. (hybrid)
Forum Privatheit 2021, Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz auf Demokratie und Privatheit
www.forum-privatheit.de/veranstaltungen/jahreskonferenz-2021

Weitere Termine unter   www.openta.net/kalender

LEHRE

TA als Wahlpflichtfach in Karlsruhe

Ab kommendem Wintersemester können sich Studierende aus mehreren Bachelor-Studiengängen an der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) für Technikfolgenabschätzung als „Ergänzendes Wahlpflichtfach“ einschreiben. „Jetzt können wir die TA und ihre Forschungsaktivitäten noch stärker auf die akademische Ausbildung und Lehre ausrichten und eine Lücke zwischen akademischer und anwendungsorientierter Forschung schließen“, so Bettina-Johanna Krings, die das Lehrangebot am ITAS koordiniert und mitkonzipiert hat. „Die Verschränkung ingenieurswissenschaftlicher und technischer Beiträge mit gesellschaftlichen Fragestellungen wird immer relevanter“, so Krings. BA-Studierende am KIT gewinnen durch das neue Wahlpflichtfach, dem auch ein Angebot für Masterstudierende folgen soll, vertiefte Einblicke in die Art und Weise, wie technische und naturwissenschaftliche Innovationen gesellschaftliche Relevanz entfalten.

www.geistsoz.kit.edu/institute.php

PARTIZIPATION

Klimabürgerrat in Dänemark

Ein Klimabürgerrat aus insgesamt 99 Däninnen und Dänen hat im Mai über 100 Vorschläge für die zukünftige Klimapolitik des Landes vorgestellt. Konzipiert und organisiert wurde das Beteiligungsformat vom Danish Board of Technology (DBT), einer non-profit Organisation für Technikfolgenabschätzung. Die Einrichtung gilt international als Vorreiterin für partizipative Methoden zur Technikbewertung und Öffentlichkeitsbeteiligung bei Foresight-Prozessen. Unter anderem entwickelte das DBT die Methodik für World Wide Views mit der Bürgerinnen und Bürger weltweit an UN-Entscheidungen zur globalen Erwärmung, Biodiversität sowie Klima und Energie beitragen konnten. Das im August 2020 eingesetzte „Borgerting på Klimaområdet“ ist Teil des dänischen Klimaschutzgesetzes. Seine Mitglieder wurden zufällig ausgewählt, um die Gesellschaft möglichst gut zu repräsentieren. Die Empfehlungen an die dänische Regierung entstanden bei mehreren digitalen Wochenend- und Abendveranstaltung, unterstützt von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.

https://tekno.dk/project/citizen-assembly-at/?lang=en

PUBLIKATION

Handbuch für Technikfolgenabschätzung

Böschen, S.; Grunwald, A.; Krings, B.-J., Rösch, C. (Hg.):
Technikfolgenabschätzung. Handbuch für Wissenschaft und Praxis.
Baden-Baden: Nomos Verlag, 2021,
498 S.,
ISBN 9783848760701

[Bildquelle: Nomos Verlag]

Führende TA-Forschende haben eine neue und umfassende Darstellung ihres Forschungsfelds vorgelegt. Die Herausgeberinnen und Herausgeber möchten mit „Technikfolgenabschätzung. Handbuch für Wissenschaft und Praxis“ dem wachsenden Bedarf an wissensbasierter Bewertung und Beratung Rechnung tragen und zeigen, wie TA mit alternativen Zugänge und Perspektiven bei gesellschaftlichen Entscheidungen helfen kann. Das Handbuch eröffnet mit einer kritischen Rekonstruktion historischer Debatten, Probleme und Wirkungen von TA in Bereichen wie Mobilität, Energie und Digitalisierung. Es zeigt, in welchen Settings TA stattfindet und wie diese verschiedene Formen von TA prägen. Ein Augenmerk liegt auch auf den Herausforderungen problemorientierter Forschung. Ferner geben die Autorinnen und Autoren einen Überblick über qualitative und quantitative Methoden zur Bewertung und Gestaltung von Innovationen und beleuchten deren Zusammenspiel. Das Handbuch schließt mit einem Ausblick auf künftige Entwicklungspfade und Herausforderungen, wie die Menschenrechte, die Postwachstumsökonomie, aber auch die Internationalisierung und Wissenschaftskommunikation von TA.