TA-Fokus

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TATuP Bd. 30 Nr. 1 (2021), S. 6–8

 

Meldungen

NETZWERK

Zuwachs für die „NTA-Familie“

Das Netzwerk Technikfolgenabschätzung (NTA) ist seit Dezember 2020 um ein institutionelles Mitglied reicher. Neu im Kreis der deutschsprachigen TA-Einrichtungen ist das Science, Technology and Society Unit (STS Unit) der Technischen Universität Graz. Die interdisziplinäre Arbeitsgruppe ist im Jahr 2018 aus dem Grazer Standort des Instituts für Technik- und Wissenschaftsforschung der Universität Klagenfurt hervorgegangen. Aktuell beschäftigen sich dort 14 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Forschung, Lehre und Politikberatung auf dem Feld von TA, Science and Technology Studies, Nachhaltigkeitsforschung sowie der sozialwissenschaftlichen Technikforschung. „Die TU Graz sieht in der Technikfolgenabschätzung eine wichtige komplementäre Perspektive für technische und naturwissenschaftliche Studienfächer und Forschungsaktivitäten“, so Armin Spök, der das STS Unit beim Jahrestreffen des NTA im Dezember 2020 vertreten hatte. Die Mitgliedschaft, so Spök, solle nun helfen, Erfahrungen in Forschung und Lehre auszutauschen und Kooperationen vorzubereiten.

sts.tugraz.at

 

MONITORING

Barrierefreie Fachinformationen

Über 100 Profile zu Zukunftstechnologien haben das Institut für Technikfolgen-Abschätzung (ITA) in Wien und das Austrian Institute of Technology (AIT) bereits für das österreichische Parlament erstellt. Zusammen mit den Forschenden bereitet die Parlamentsdirektion nun ausgewählte Themen speziell für die Öffentlichkeit auf und hat dazu die Plattform „Fachinfos zu aktuellen Parlamentsthemen“ ins Leben gerufen. Dort geht es insbesondere um Technik und ihre Auswirkungen auf unseren Alltag, wie zum Beispiel Lichtverschmutzung, Nebenfolgen von 5G oder künstliche Intelligenz im Gesundheitswesen. Die Beteiligten haben die Inhalte in „Infogrammen“ zusammengefasst. Das sind barrierefreie Grafiken mit knappen Beschreibungen, die mit den jeweiligen Texten aus dem Monitoringbericht verknüpft sind. Dessen nächste Ausgabe erscheint Anfang Juni 2021.

fachinfos.parlament.gv.at

PUBLIKATION

Buchreihe zu wissenschaftlicher Politikberatung

Forschungsthemen aus der wissenschaftlichen Politikberatung widmet sich seit dem vergangenen Jahr die Buchreihe „Research for Policy“. Die Initiative dazu kommt vom Netherlands Scientific Council for Government Policy (WRR), einem unabhängigen Beratergremium für die niederländische Regierung, das sich mit strategischen Themen von großer gesellschaftlicher Relevanz beschäftigt. Die Reihe untermauert den Anspruch des WRR, nicht ad hoc, sondern langfristig und mit einer dezidiert wissenschaftlichen Herangehensweise zu beraten. Insgesamt vier Studien des WRR sind bereits Open Access erschienen. Die Analysen und Erkenntnisse sollen durch die Veröffentlichung auch zur politischen Debatte in anderen Ländern und in internationalen Organisationen beitragen. Herausgeber der bei Springer erschienenen Reihe sind Frans Brom, Direktor des WRR und Professor für Normativity of Scientific Policy Advice an der Universität Utrecht, sowie Corien Prins, Vorsitzende des WRR und Professorin für Law and Information Technology an der Universität Tilburg.

www.springer.com/series/16390

WETTBEWERB

Ansporn zum Klimaschutz

Wie könnte eine Zukunft aussehen, in der Maßnahmen gegen die Klimaerwärmung konsequent umgesetzt werden? Für den Kreativwettbewerb „FutureFiction“ suchen Forschende des Instituts für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) Texte und Videos von jungen Menschen, die eine positive Vision für den Klimaschutz beschreiben. „FutureFiction ist aus der Beobachtung heraus entstanden, dass negative Schlagzeilen und dystopische Zukunftsvisionen den öffentlichen Diskurs dominieren“, erklärt Annika Fricke, die das Projekt mit Kolleginnen und Kollegen am ITAS organisiert. „Wir sind überzeugt: Es sind Geschichten über eine positive Zukunft, die unser gegenwärtiges Handeln verändern können“, ergänzt Helena Trenks, ITAS-Wissenschaftlerin und Mitorganisatorin. Die Jury von FutureFiction vereint Aktivistinnen und Aktivisten lokaler 4Future-Gruppen mit Autorinnen, Verlegern, Journalistinnen, Forschenden und Museumsmacherinnen aus ganz Deutschland. Der Wettbewerb richtet sich an junge Menschen zwischen 13 und 23 Jahren, Einsendeschluss ist der 18. April 2021.

www.futurefiction-wettbewerb.de

 

5 Fragen an:
Judith Simon

Professorin für Ethik in der Informationstechnologie an der Universität Hamburg und Mitglied des Deutschen Ethikrats

Welche Berührungspunkte haben Sie mit der Technikfolgenabschätzung?

Einerseits habe ich bis 2014 am ITAS geforscht. Aber auch vor meiner Promotion in der Philosophie habe ich schon einmal in der TA gearbeitet. Damals haben wir zur Stammzellforschung eine Delphi-Studie und eine Konsensus-Konferenz durchgeführt.

Welche Forschungsfrage aus dem Feld interessiert Sie besonders?

Schon damals fand ich spannend, welche Auswirkungen Technologien – insbesondere Softwaresysteme – darauf haben, wie Wissensprozesse vonstattengehen. Dieses Interesse zieht sich bei mir bis heute durch.

Zukunftstechnologien werden oft gehypt. Welches Thema haben wir nicht auf dem Schirm?

Noch vor ein paar Jahren waren das Big Data und KI – jetzt sind das echte Hypethemen. Trotzdem glaube ich, dass die praktischen und realweltlichen Aspekte des Einsatzes von datenbasierten Systemen und KI in unserer Gesellschaft in Zukunft noch zentraler werden.

Welche Maßnahme stände als Wissenschaftspolitikerin oben auf Ihrer Agenda?

Interdisziplinäre Forschung wird ja immer stark propagiert. Da wäre es mir wichtig, für Leute, die nicht nur in Projekten, sondern tatsächlich langfristig interdisziplinär arbeiten, bessere Perspektiven zu schaffen. Außerdem eine Stärkung der Grundlagenforschung, wir brauchen auch Wissen, das auf den ersten Blick keine unmittelbare Relevanz für praktische Fragen hat.

An der Uni Hamburg sensibilisieren Sie Informatiker*innen für Ethikfragen. Was lernen Sie von dem Austausch?

Ziemlich viel! Weil ich von manchen Bereichen der Informatik wenig Ahnung habe, stelle ich häufig ganz grundlegende Rückfragen. Auch nach den Limitationen von Technik, was ist überhaupt möglich und was nicht. Das ist wichtig, wenn man zum Beispiel in der Politikberatung konkrete Vorschläge machen will.

 

AUSFÜHRLICHES VIDEO-INTERVIEW UNTER  www.tatup.de/youtube

[Bildquelle: UHH/Nicolai]

GRÜNDUNG

Akademie für Technikreflexion

ARRTI verspricht ethische Orientierung für technologische Entwicklungsprozesse (Quelle: ZAK/ARRTI)

Um ethische Überlegungen in Forschung, Lehre und Innovation stärker zu verankern, beschreitet das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) neue Wege. Ende 2020 hat dort die Academy for Responsible Research, Teaching, and Innovation, kurz ARRTI, ihre Arbeit aufgenommen. Ziel der Akademie ist es, angehenden genauso wie fertig ausgebildeten Wissenschaftlern und Ingenieurinnen neben fachlichen auch „technikreflexive“ Fähigkeiten an die Hand zu geben. Dabei sollen insbesondere Lehrende angesprochen werden, die dieses Wissen in der Breite vermitteln können. „Die Transformationen, die durch neue Technologien wie KI oder Genforschung auf uns zukommen, verursachen eine neue Qualität von Unsicherheit, die wir bewältigen müssen“, sagt Alexander Bagattini, Geschäftsführer von ARRTI. Erste Veranstaltungsformate, die die soziale Dimension technologischer Entwicklungen in den Fokus rücken, sind bereits angelaufen.

www.arrti.kit.edu

JUBILÄUM

30 Jahre TA beim Deutschen Bundestag

Wie umsichtig und vorausschauend sind die Analysen des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB)? Anlässlich seines 30-jährigen Jubiläums im Jahr 2020 blickt das TAB in einer neuen Veröffentlichung zurück auf beispielhafte Fragestellungen, wichtige Diskussionslinien sowie auf Ergebnisse und Einschätzungen aus TAB-Projekten der letzten drei Jahrzehnte. In ihrem aktuellen TAB-Brief haben die Politikberaterinnen und -berater dazu Themen von anhaltender Aktualität ausgewählt, wie Human Enhancement, Optionen der CO2-Reduktion oder die Digitalisierung der politischen Öffentlichkeit. Darüber hinaus reflektieren die Autorinnen und Autoren auch ihre Aktivitäten im Bereich Diskurs und Dialog sowie beim Horizon-Scanning. Das TAB schaut aber auch nach vorne und diskutiert die Frage, welche Zukunftsperspektiven neue, insbesondere digitale Technologien für die praktische Arbeit der (parlamentarischen) Technikfolgenabschätzung eröffnen.

www.tab-beim-bundestag.de

 

Aus dem openTA-Kalender

22.–23. 04. 2021, FREIBURG (online)

Konferenz – Zivile Sicherheit im demokratischen Staat.

www.sifo-dialog.de/veranstaltungen/fachkonferenz-2021

01. 05. 2021, WIEN (Call)

Digital Humanism: How to shape digitalism in the age of global challenges? (IS4SI Summit, 12.–19. 09. 2021)

summit-2021.is4si.org

06.–08. 05. 2021, BERLIN (online)

Forum Citizen Science – Vertrauen, Wirkung, Wandel: Citizen Science als Antrieb von Veränderung?

www.buergerschaffenwissen.de/veranstaltungen/forum-citizen-science-2021

10. 05. 2021–12. 05. 2021, WIEN (online)

NTA9-TA21-Konferenz – Digital, direkt, demokratisch? Technikfolgenabschätzung und die Zukunft der Demokratie.

www.oeaw.ac.at/ita/veranstaltungen/aktuelle-veranstaltungen/nta9-ta21-konferenz

05.–09. 07. 2021, HAMBURG (online)

CEPE/IACAP Joint Conference 2021 – The Philosophy and Ethics of Artificial Intelligence.

www.inf.uni-hamburg.de/en/inst/ab/eit/cepe-iacap2021.html

23.–25. 08. 2021, WIEN

Soziologiekongress 2021 – Post-Corona-Gesellschaft? Pandemie, Krisen und ihre Folgen.

www.soziologie.de/aktuell/news/die-post-corona-gesellschaft-pandemie-krise-und-ihre-folgen

10.–15. 10. 2021, DUBROVNIK

16th Conference on Sustainable Development of Energy, Water and Environment Systems (SDEWES)

www.dubrovnik2021.sdewes.org

Weitere Termine unter   www.openta.net/kalender

PUBLIKATION

Gesellschaftliche Transformationen

Lindner, R.; Decker, M.; Ehrensperger, E.; Heyen, N.; Lingner, S.; Scherz, C.; Sotoudeh, M.; Gesellschaft – Technik – Umwelt (Hrsg.) (2021): Gesellschaftliche Transformationen. Gegenstand oder Aufgabe der Technikfolgenabschätzung? Baden-Baden: Nomos Verlag, 2021, 428 S., ISBN 9783848760350 [Bildquelle: Nomos]

Die Energiewende, autonomes Fahren oder auch der Umbau der Agrarsysteme verändern unsere Gesellschaft. Welche Rolle die TA bei der Analyse und Gestaltung dieser und anderer tiefgreifender Transformationen spielen kann, reflektierten Forschende bei der 8. Internationalen Konferenz des Netzwerks Technikfolgenabschätzung (NTA8). Nun ist der dazugehörige Konferenzband „Gesellschaftliche Transformationen: Gegenstand oder Aufgabe der Technikfolgenabschätzung?“ erschienen. Die Autorinnen und Autoren beschäftigen sich darin mit dem Begriff der Transformation und werfen einen Blick auf die Unsicherheiten und Folgen, die durch fundamentale Veränderungen ausgelöst werden. Immer wieder rückt dabei auch die Frage in den Mittelpunkt, ob Transformationen nur Gegenstand oder auch Aufgabe der TA sein sollten. Denn die TA, so die Herausgeberinnen und Herausgeber, spiele hier gewissermaßen eine „Doppelrolle“, indem sie einerseits Orientierungswissen über Chancen, Risiken sowie Folgen der Veränderungen generiert und andererseits über gesellschaftliche Akzeptanz sowie soziotechnische Entwicklungen reflektiert.

KONFERENZ

TA und die Zukunft der Demokratie

Nachdem das Institut für Technikfolgen-Abschätzung (ITA) in Wien im vergangenen Jahr noch zur Absage gezwungen war, steht jetzt fest: Die 9. Konferenz des Netzwerks TA (NTA9) findet vom 10. bis 12. Mai 2021 als virtuelle Veranstaltung statt. Unter dem Titel „Digital, direkt, demokratisch? Technikfolgenabschätzung und die Zukunft der Demokratie“ stellt die internationale Tagung die Frage nach den Auswirkungen der Digitalisierung für die Demokratie. Diskutiert werden soll in diesem Kontext vor allem auch über Nutzen und Grenzen TA-spezifischer Demokratisierungsbestrebungen. Die Keynotes bei der Konferenz, die gleichzeitig die 21. TA-Jahrestagung des ITA ist, halten Philip Howard, Direktor des Oxford Internet Institute und Autor des Buchs „Pax Technica“, Julian Nida-Rümelin, Professor für Philosophie und politische Theorie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, die Leiterin des Centre for European Integration Research an der Universität Wien, Gerda Falkner, und der Präsident der TA-Swiss, Moritz Leuenberger.

www.oeaw.ac.at/ita/veranstaltungen/

 

Personalia

Doris Allhutter, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Technikfolgenabschätzung in Wien, ist mit dem Käthe-Leichter-Preis der österreichischen Arbeiterkammer geehrt worden. Die promovierte Politikwissenschaftlerin erhielt die Auszeichnung für ihre Arbeit zu Geschlechter-Technikverhältnissen und zur Einschreibung von sozialen Ungleichheiten in Informationstechnologien. Doris Allhutter ist Vorstandsmitglied von STS-Austria, der Österreichischen Gesellschaft für Wissenschafts- und Technikforschung. Jüngst präsentierte sie ihre Forschungsergebnisse zu Diskriminierungen durch maschinelles Lernen im Zusammenhang mit einem umstrittenen Algorithmus des österreichischen Arbeitsmarktservice. [Bildquelle: AKwien]

Armin Grunwald, Professor für Technikphilosophie und Technikethik am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), berät künftig als Mitglied des Deutschen Ethikrats die Bundesregierung und den Deutschen Bundestag. Die Berufung erfolgte im Februar 2021 durch den Bundestagspräsidenten auf Empfehlung der Bundesregierung. „Es ist für mich eine Ehre, dort mitarbeiten zu dürfen“, so der Leiter des Instituts für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) zu seiner Berufung. „Ich möchte mich in der Funktion vor allem dafür engagieren, dass der wissenschaftlich-technische Fortschritt verantwortlich gestaltet wird und dass seine Ergebnisse zu einer gerechten und solidarischen Gesellschaft beitragen, in Deutschland, aber auch weltweit.“ [Bildquelle: KIT/Göttisheim]

Patrizia Nanz ist seit Februar diesen Jahres neue Vizepräsidentin des Bundesamtes für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE). In ihrer neuen Funktion ist sie unter anderem für Beteiligungsformate im Suchverfahren für ein Endlager für hochradioaktive Abfälle verantwortlich. Die promovierte Politikwissenschaftlerin hat sich zuletzt als wissenschaftliche Direktorin des Instituts für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam mit Fragen der Inter- und Transdisziplinarität, Ko-Kreation und Bürgerbeteiligung befasst. Sie habe beeindruckt, wie sich das BASE in seinen Arbeitsfeldern auf Öffentlichkeitsbeteiligung ausrichte. Damit könne die junge Behörde Modellcharakter für andere Politikfelder entwickeln, so Nanz. [Bildquelle: Maurice Weiss/Ostkreuz]

Flurina Schneider wird zum 1. April 2021 neue wissenschaftliche Geschäftsführerin und Sprecherin der Institutsleitung des ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung. Sie tritt damit die Nachfolge von Thomas Jahn an, der das ISOE 1989 mitbegründet hat. Die Schweizer Geografin ist eine in der transdisziplinären Nachhaltigkeitsforschung ausgewiesene und international vernetzte Wissenschaftlerin mit Schwerpunkten im Bereich der Nachhaltigkeitstransformationen sowie der Governance und Nutzung von natürlichen Ressourcen. In Verbindung mit der wissenschaftlichen Geschäftsführung des ISOE übernimmt Flurina Schneider die erste deutsche Professur für Soziale Ökologie am Fachbereich Biowissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt. [Bildquelle: CDE/Manu Friederich]