Systemforschung und Technikfolgenabschätzung in der Helmholtz-Gemeinschaft

Schwerpunktthema - Systemanalyse und Technikfolgenabschätzung als Politikberatung in Deutschland. Versuch einer Würdigung von Reinhard Coenen

Systemforschung und Technikfolgenabschätzung in der Helmholtz-Gemeinschaft

von Armin Grunwald, ITAS

Systemforschung und Technikfolgenabschätzung sind in Deutschland in der Helmholtz-Gemeinschaft (HGF) institutionell stabilisiert worden und haben aus der HGF heraus ihren Weg in breitere Felder von wissenschaftlicher Forschung und Beratung gemacht. Im Rahmen der programmorientierten Förderung der HGF kommen neue Aufgaben auf die Systemforschung zu, die es erwarten lassen, dass Systemforschung und Technikfolgenabschätzung zu integralen Bestandteilen des Helmholtz-Profils werden.

1     Die Ausgangssituation

Die Etablierung von Systemforschung und Technikfolgenabschätzung (TA) in der deutschen Forschungslandschaft und in der Politikberatung seit den siebziger Jahren ist im Wesentlichen aus den Helmholtz-Zentren (den früheren Großforschungszentren) heraus erfolgt. Andere außeruniversitäre Einrichtungen dieser Art wurden erst erheblich später gegründet oder haben sich - wie die Universitäten - erst spät mit Fragen der TA befasst. Dass die heutigen Helmholtz-Zentren (vor allem die Forschungszentren Karlsruhe und Jülich sowie das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt, DLR) die Keimzellen von Systemforschung und Technikfolgenabschätzung in Deutschland bildeten, erscheint nicht überraschend (Grunwald und Lingner 1999): 

Auf diese Weise wurden Systemforschung und Technikfolgenabschätzung in einigen Helmholtz-Zentren (vor allem wiederum in den Forschungszentren Jülich und Karlsruhe sowie im DLR) ausgebaut und konnten zu einer teils beträchtlichen Außenwirkung führen. Als wissenschaftliche Politikberatung dient sie vor allem zur Bereitstellung von entsprechender Expertise für EU-Kommission sowie Ministerien und Behörden auf nationaler und Landesebene. Auch das Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB), die sichtbarste TA-Einrichtung auf nationaler Ebene, wird seit ihrem Bestehen 1990 von einem Helmholtz-Zentrum (Forschungszentrum Karlsruhe) betrieben.

2     Das Helmholtz-Nachhaltigkeitsprojekt 1998 - 2002

In der Nachhaltigkeitsforschung haben sich die Systemanalyse und Technikfolgenabschätzung aus Helmholtz durch das Verbundprojekt „Global zukunftsfähige Entwicklung - Perspektiven für Deutschland“ national und international einen Namen gemacht und die Helmholtz-Gemeinschaft als einen zentralen Akteur in der Nachhaltigkeitsdiskussion etabliert. Das (in vorangegangenen Heften dieser Zeitschrift häufig erwähnte) Projekt (1999-2002 mit Vorarbeiten in 1998) hatte für die Systemanalyse-Einrichtungen in der HGF eine außerordentlich wichtige Funktion: 

Dieses Projekt übersetzte die Diagnose, dass gegenwärtiges Wirtschaften teilweise massive Defizite in Bezug auf Zukunftsfähigkeit zur Folge hat, in ein Forschungsprogramm zur Konkretisierung des Leitbilds der Nachhaltigkeit für Deutschland. Antworten auf folgende, wissenschaftlich und gesellschaftlich umstrittene Fragen sollten gegeben werden (vgl. http://www.itas.fzk.de/zukunftsfaehigkeit/ )

Der Komplexität dieser Fragen angemessen, gestalteten sich die Zusammenarbeit und das Zusammenführen der Teilergebnisse aus den beteiligten Einrichtungen nicht immer einfach. Die Rolle des Koordinators, die Reinhard Coenen hierbei innehatte (vgl. den Beitrag von Klann und Nitsch zu einem ganz wesentlichen Teilthema dieses Projektes) war daher für den Erfolg des Gesamtprojekts von entscheidender Bedeutung, wie dies auch am Schluss der Präsentation der Projektergebnisse im Mai 2003 in Berlin gewürdigt wurde. Der letztendliche (nicht von allen Seiten erwartete) Erfolg des Projekts ist ganz wesentlich dem Wirken von Reinhard Coenen zu verdanken - einem Wirken, das in dem bescheidenen Wort „Koordinator“ nur höchst unzureichend erfasst wird.

3     Systemforschung und Technikfolgenabschätzung 2004 - 2008

Gegenwärtig bilden - vorbereitet durch das erwähnte Nachhaltigkeitsprojekt - Systemforschung und Technikfolgenabschätzung ein eigenes Thema im Helmholtz-Programm „Nachhaltige Entwicklung und Technik“ (Grunwald 2003a, b). Grundgedanke dieses Programms ist, dass Technik nicht per se nachhaltig oder nicht (beziehungsweise weniger) nachhaltig ist. Vielmehr werden die Auswirkungen von Technik auf die Nachhaltigkeitsbilanz entscheidend in den Phasen ihrer Nutzung und ihrer Entsorgung beeinflusst. Wenn also Technik im Sinne von Nachhaltigkeit entwickelt werden soll, muss bereits in Forschung und Entwicklung eine Vorstellung davon bestehen, wie die spätere Nutzung aussehen kann oder wird. Wissen über die gesellschaftliche Konstellation, auf die Technik hin entwickelt wird, ist daher bereits zu einem frühen Zeitpunkt als Orientierungs- und Entscheidungshilfe erforderlich.

Aus diesem integrierten Ansatz ergeben sich spezielle Anknüpfungspunkte für Systemanalyse und TA. Die Gestaltung von Technik gemäß den Kriterien einer nachhaltigen Entwicklung erfordert spezifisches vorausschauendes Wissen über Technikfolgen, über systemische Verknüpfungen zwischen Gesellschaft und Umwelt sowie über Veränderungen in der Gesellschaft (etwa die Partizipation neuer Akteure). Dieses Wissen ist einerseits durch Unsicherheit und den Einfluss von Werten geprägt; andererseits muss es in politisch oder wirtschaftlich umsetzbare Handlungsstrategien übersetzt werden. Dies erfolgt in folgenden Hinsichten: 

Im Rahmen des Programms „Nachhaltige Entwicklung und Technik“ werden in den Bereichen der Wasserregenerierung, der Gaserzeugung aus Biomasse, der Baustoffe und der Abfallbehandlung in direkter Kooperation mit den technikorientierten Programmthemen Umwelt- und Sozialverträglichkeit, Wirtschaftlichkeit und die politisch-institutionellen Rahmenbedingungen betrachtet. Darüber hinaus werden grundlegende konzeptionelle und methodische Forschungsarbeiten zur Nachhaltigkeit und zu gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen über Technik als Eigenforschung und in Zusammenarbeit mit anderen Helmholtz-Forschungsbereichen durchgeführt.

Über das Programm „Nachhaltige Entwicklung und Technik“ hinaus werden vom DLR systemanalytische Arbeiten im Verkehrsbereich im HGF-Forschungsbereich Verkehr/Weltraum durchgeführt. Im Forschungsbereich „Energie“ gibt es - über die genannten Arbeiten hinaus, die im Programm „Nachhaltige Entwicklung und Technik“ angesiedelt sind - weitere Forschergruppen zur Energiesystemanalyse in den Programmen „Erneuerbare Energien“ (DLR) und „Fusion“ (Institut für Plasmaphysik/IPP). Im Forschungsbereich „Gesundheit“ existiert eine kleine Gruppe am Max-Delbrück-Zentrum für Molekulare Medizin (MDC Berlin), die sich mit prospektiven Analysen befasst. Im Forschungsbereich „Schlüsseltechnologien“ beteiligt sich ITAS mit einer kleinen Gruppe am Programm „Nanotechnologie“.

4     Neue Anforderungen an die Systemforschung

Positiv bei den Gutachtern der Helmholtz-Evaluierung (vgl. Grunwald 2003a) und im Helmholtz-Senat wurden jedoch nicht nur diese konkreten Forschungsvorhaben aufgenommen, sondern auch strukturelle Elemente der Einbindung von Systemforschung und Technikfolgenabschätzung in die naturwissenschaftlich-technische Forschung zu Fragen von Nachhaltigkeit und Technik. Die wesentlichen Punkte sind: 

Zur Umsetzung dieser Empfehlungen wird zurzeit von den Beteiligten ein Strategiepapier über die zukünftige Rolle von Systemforschung und TA in der HGF erarbeitet. Auf Wunsch des Präsidenten der Helmholtz-Gemeinschaft wird die Entstehung dieses Papiers durch den Leiter des ITAS und Autor dieses Beitrages koordiniert (wir werden über die weitere Entwicklung berichten).

Dieses Strategiepapier wird sich mit den Möglichkeiten befassen, wie die Empfehlungen des Helmholtz-Senates umgesetzt werden können. Es wird darum gehen, die spezifischen Wissensbestände der Systemanalyse mit den Wissensbeständen der naturwissenschaftlich-technischen Einrichtungen zusammenzuführen, um die Orientierung der HGF an gesellschaftlichen Problemlagen zu verstärken, um zur Identifikation von Zukunftsthemen beizutragen, um die Helmholtz-Forschung besser in gesellschaftliche Debatten und Entwicklungen einzubetten, und um das „Agenda-Setting“ in der HGF auf eine möglichst robuste Wissensbasis zu stellen.

Offensichtlich ist, dass eine stärkere Befassung mit Methoden der Prospektion und des Technology Foresight erforderlich wird. Ein entsprechender erster Helmholtz-Workshop der beteiligten Einrichtungen fand bereits am 19. März 2004 unter großer Beteiligung am ITAS statt.

5     Systemforschung als integraler Bestandteil der HGF

Forschung in der Helmholtz-Gemeinschaft kann - in teilweiser Abgrenzung von den Spezifika der Forschung in anderen Forschungsorganisationen wie Fraunhofer- oder Max-Planck-Gesellschaft) - durch folgende spezifische Eigenschaften charakterisiert werden:

Wenn es darum geht, in dieser Weise Vorsorgewissen für Gesellschaft und Politik bereitzustellen und Entscheidungsprozesse zu unterstützen, dann sind Systemwissen, Orientierungswissen und Handlungswissen unverzichtbar (Grunwald 2004). Diese Konstellation beinhaltet spezifische Möglichkeiten und Herausforderungen an Systemforschung und TA. Sowohl Beiträge zu Agenda-Setting, Forschungsprospektion, Kontextanalysen, Nachhaltigkeitsbewertungen, Beiträge zum öffentlichen Diskurs als auch die Erarbeitung von Szenarien, das Monitoring gesellschaftlicher Veränderungen gehören zum Aufgabenspektrum einer Systemforschung, die 

In gewisser Weise kommt die Systemforschung dabei an ihre Ursprünge im Bereich der Forschungsprospektion und der Prioritätensetzung in der Forschungspolitik zurück, wenn sich auch Adressaten und Kontexte geändert haben.

Literatur

Bechmann, G., Frederichs, G., 1996:
Problemorientierte Forschung: Zwischen Politik und Wissenschaft. In: Bechmann, G. (Hrsg.): Praxisfelder der Technikfolgenforschung. Frankfurt: Campus, S. 1-27

Grunwald, A., 2003a:
Die Helmholtz-Evaluierung und ihre Auswirkungen auf ITAS. In: Technikfolgenabschätzung. Theorie und Praxis, Heft Nr. 3/4, 12. Jg., November 2003, S. 163-166

Grunwald, A., 2003b:
Das Helmholtz-Programm „Nachhaltige Entwicklung und Technik. In: GAIA 12(2003)2, S. 144-147

Grunwald, A., 2004:
Strategic Knowledge for Sustainable Development. In: International Journal of Foresight and Innovation Policy (in press)

Grunwald, A., Lingner, S., 1999:
Systembegriff und Systemanalyse. In: A. Grunwald (Hrsg.): Rationale Technikfolgenbeurteilung. Konzeption und methodische Grundlagen. Heidelberg: Springer, S. 132-156

Kontakt

Prof. Dr. Armin Grunwald
Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS)
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
Karlstr. 11, 76133 Karlsruhe
Tel.: +49 721 608-22500
E-Mail: armin.grunwald∂kit.edu