ESTO-Projekt zur Wechselwirkung von Europäischer Währungsunion und elektronischen Zahlungssystemen abgeschlossen

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ESTO-Projekt zur Wechselwirkung von Europäischer Währungsunion und elektronischen Zahlungssystemen abgeschlossen

Die Verbreitung des elektronischen Handels im Internet wird, national gesehen, nicht wesentlich durch das Fehlen geeigneter Zahlungssysteme gehemmt und, international gesehen, deckt die Zahlung mit Kreditkarte ein breites Spektrum ab. Der grenzüberschreitende Internethandel von kleinpreisigen Gütern - vor allem digitalen Produkten und Dienstleistungen - steht allerdings vor erheblichen Problemen. Diese werden mit der Euro-Einführung und den damit verbundenen Erwartungen der Bürger an die Vorteile der Währungsunion auch politisch virulent. Zu diesem Ergebnis kommt ein jüngst abgeschlossenes Projekt des European Science and Technology Observatory (ESTO), das gemeinsam mit dem Institute for Prospective Technological Stu dies (IPTS) der Gemeinsamen Forschungsstelle der Europäischen Kommission, Sevilla, durchgeführt und vom ITAS koordiniert wurde. Das ITAS zeichnet auch für den vor kurzem vorgelegten Abschlussbericht verantwortlich.

Angestoßen wurde das ESTO-Projekt mit dem Titel "EMU and Information Society: Key Questions About the Opportunity to Combine the Introduction of the Euro with New Electronic Payment Technology Options" durch eine Anfrage an das IPTS vom Ausschuss für wirtschaftliche und währungspolitische Angelegenheiten und Industriepolitik des Europäischen Parlaments. Das Europäische Parlament berät zur Zeit eine Richtlinie zur "Aufnahme, Ausübung und Beaufsichtigung der Tätigkeit von E-Geldinstituten" und der Ausschuss formulierte zur Verbesserung seiner eignen Informationslage einen Fragenkatalog, der einen roten Faden für die ESTO- und IPTS-Aktivitäten im Rahmen des Projekts darstellte. Das IPTS führte eine umfangreiche schriftliche Expertenbefragung zum Katalog des Europäischen Parlaments durch, während das ESTO-Netzwerk Fallstudien über den gegenwärtigen Stand von elektronischen Zahlungssystemen und das Umfeld und die Verbreitung des elektronischen Handels in insgesamt zehn europäischen Ländern (Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Norwegen, Spanien, Schweden und dem Vereinigten Königreich) erstellte. Beteiligt am Projekt waren acht Einrichtungen bzw. Einzelexperten, die zum Abschluss dieses Beitrags aufgeführt werden.

Die einzelnen Fallstudien befassten sich mit folgenden Themenkomplexen:

Zahlungskulturen und nationale Rahmenbedingungen

Die jeweiligen "Zahlungskulturen" der einzelnen Länder sind das Ergebnis einer langjährigen Entwicklung und sie unterscheiden sich zum Teil beträchtlich voneinander. Die Fallstudien unternehmen nicht den Versuch, diesen historischen Prozess jeweils zu rekonstruieren, sondern begnügen sich mit einer Momentaufnahme. Zu diesem Zweck werden vorherrschende Zahlungsmuster, die Rahmenbedingungen und die gegenwärtige Struktur, insbesondere die Selbststeuerungsform und Regelungsinstrumente, des Banken- und Finanzdienstleistungssektors beschrieben. Dabei wird deutlich, dass nicht zuletzt das bestehende Angebot an Zahlungssystemen und seine Akzeptanz durch die Bankkunden die Durchsetzungschancen innovativer elektronischer Zahlungssysteme beeinflussen.

Nach den bisher üblichen Unterscheidungskriterien werden die meisten europäischen Länder den "Scheckländern" (Großbritannien, Frankreich, Italien) oder den "Giroländern" (alle übrigen in die Untersuchung einbezogenen Länder) zugeordnet. Obwohl zumindest alle EU-Länder nicht mehr den "Bargeldländern" zugeordnet werden, spielt in allen untersuchten Ländern im Alltag das Bargeld nach wie vor eine herausragende Rolle. Sogar in Finnland, das als technisch besonders innovationsfreudig gilt, werden 80 Prozent aller Zahlungen der Privathaushalte mittels Bargeld vorgenommen. Die Mehrzahl dieser Zahlungen hat einen Wert von weniger als 10 Euro, was auf ein großes Einsatzpotenzial für "elektronische Geldbörsen" (electronic purses) hinweist: Das Aufbewahren, Sichern und der Umlauf von Bargeld gelten nämlich als sehr kostspielig für alle Beteiligten.

Zahlungskarten und elektronische Geldbörsen

Für Summen oberhalb einer gewissen Grenze finden in allen europäischen Staaten zunehmend bargeldlose Zahlungsverfahren Verwendung. Dabei unterscheiden sich die Präferenzen für bestimmte Zahlungsinstrumente noch beträchtlich von Land zu Land: Ist der Scheck nach wie vor in Großbritannien, Frankreich und Italien noch weit verbreitet, so ist er in manchen nordischen Ländern fast völlig verschwunden. Fast überall auf dem Vormarsch sind Zahlungskarten mit Debit- oder Kreditfunktion. Diese ersetzen allmählich das Bargeld bei größeren Beträgen an der Ladenkasse (Point of Sales Terminal). Die als Kleingeldersatz konzipierten elektronischen Geldbörsen haben sich dagegen auch dort noch nicht durchgesetzt, wo sie seit geraumer Zeit zur Verfügung stehen. Dies hängt nicht zuletzt mit der mangelnden Kundenakzeptanz, den recht hohen Transaktionskosten und der noch ungeklärten Aufteilung dieser Kosten unter den Beteiligten zusammen. Da die Transaktion zudem länger dauert als mit Bargeld, werden sie eher an Automaten als an der Ladenkasse zum Einsatz kommen.

Grafik 1: Internethandel 1998 in Euro pro Kopf der Bevölkerung (in Bearbeitung)

Falls mehr als eine Angabe verfügbar war, werden der größte und der kleinste Schätzwert angeführt.

Internetzahlungssysteme und elektronischer Handel

Der Anteil der Bevölkerung mit Zugang zum Internet in den untersuchten Ländern schwankte zwischen etwa vier Prozent (Italien) und über dreißig Prozent (Finnland, Schweden, Norwegen). Für die zuletzt genannten Länder ist dieser Anteil durchaus vergleichbar mit dem der Vereinigten Staaten. Allerdings etabliert sich auch dort der elektronische Handel langsamer als vielfach erwartet und von seinen Förderern erhofft wird (vgl. Grafik). Die genauen Gründe dafür bedürfen einer gründlicheren Untersuchung als im Rahmen des ESTO-Projekts möglich gewesen wäre. Es liegt aber auf der Hand, dass nicht alle Waren sich gleichermaßen für den elektronischen Handel eignen und dass es noch ungeklärte rechtliche und technische Probleme bezüglich Datenschutz, Sicherheit, und der vertraglichen Situation gibt.

Am Fehlen geeigneter Zahlungsmittel scheitert der elektronische Handel in den seltensten Fällen: Im internationalen Verkehr ist die Kreditkarte das bevorzugte Zahlungsinstrument, während im inländischen Handel, bei dem Käufer und Verkäufer im selben Land ansässig sind, die dort im Alltag bewährten Verfahren eingesetzt werden: Lieferung gegen Rechnung, Lastschriftverfahren, Nachnahme, Scheck usw. Eine echte "Lücke" gibt es lediglich im Niedrigpreisbereich, aber auch hier gibt es Alternativen: Werbeeinnahmen, Inkassoverfahren der Diensteanbieter, oder Zahlung außerhalb der Netzumgebung. Eine Vielzahl von Verfahren wird zwar für den Zweck kleiner Zahlungen angeboten, doch ist keines der Verfahren bisher über das Versuchsstadium hinaus gekommen und einige Verfahren wurden nach Pilotversuchen wieder eingestellt.

Bedarf nach einer einheitlichen europäischen Infrastruktur

Eine mögliche Lösung für dieses Problem und insbesondere auch für den grenzüberschreitenden Verkehr, der mit der Einführung der einheitlichen europäischen Währung nach vielfacher Erwartung einen erheblichen Schub erfahren sollte, ist die Schaffung einer Infrastruktur, die statt eine einheitliche Technologie zu erzwingen, die Interoperabilität alternativer und konkurrierender Zahlungsverfahren ermöglicht. Dies könnte für die zahlreichen Zahlungsverfahren für Kleinstbeträge gelten, aber auch für die allmählich überall in Europa angebotenen Geldbörsen, die bereits Gegenstand von Standardisierungsbemühungen sind. Die Schaffung einer Infrastruktur, die den Einsatz solcher Börsen gestattet, könnte helfen, die "Zahlungslücke" zu schließen und hätte für die Anbieter den Vorteil, dem Nutzen der Geldbörsen auf dem Markt Vorschub zu leisten.

Beteiligte Einrichtungen und Einzelpersonen: Anna Backlund (NUTEK, Technology Policy Studies, Stockholm); Piero Bucci (Rome); Morten Falch (Center for Tele-Information, Technical University of Denmark, Lyngby); Charles Goldfinger and Philippe Herbin (Global Electronic Finance Management, S.A., Brussels); Oliver Steeley (Consult Hyperion, Guildford); Mildo van Staden and Jos Leyten (TNO Strategy, Technology and Policy, Delft); Jaume Valls and Anna Arbussà (University of Girona, E.I. Department). Das ITAS, vertreten durch Knud Böhle, Michael Rader und Ulrich Riehm, koordinierte das Projekt. Betreut wurde es von Dr. Demosthenes Papameletiou, IPTS.

Bestellhinweis:

Der ESTO-Bericht kann als pdf-File vom ITAS-Server herunter geladen werden: http://www.itas.fzk.de/deu/projekt/pez/emuis.htm

Eine Papierversion in englischer Sprache erscheint demnächst und kann beim ITAS bestellt werden: Böhle, Knud; Rader, Michael; Riehm, Ulrich:
Electronic Payment Systems in European Countries.
Country Synthesis Report. Karlsruhe: Forschungszentrum Karlsruhe, 1999
(Wissenschaftliche Berichte FZKA 6386)

Kontakt

Dr. Michael Rader
Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS)
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
Postfach 36 40, 76021 Karlsruhe