Editorial

Editorial

Im Fokus dieses Heftes stehen Diskurse, und zwar besonders solche, die sich risikobehafteten Technologien widmen. Zugleich geht es aber auch um die Risiken der Diskurse selbst. Wie funktioniert dabei die Kommunikation der am Diskurs Beteiligten, z. B. in wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskursen über neue, sich entwickelnde Technologien, in politischen Diskursen (beispielsweise zur Kernenergie), in den Diskursen um den menschgemachten Klimawandel, in Regulierungsdiskursen (beispielsweise zur Nanotechnologie), in Mediendiskursen (beispielsweise zur Grünen Gentechnik)? Wird von Gefahren oder von Chancen gesprochen? Wie kommt das (Noch-) Nicht-Gewusste auf den Verhandlungstisch? Unter der Prämisse, dass Sprache nicht nur das Medium für den Transfer, sondern auch für die Genese von Wissen ist, wird im Themenschwerpunkt „Risikodiskurse/Diskursrisiken“ gefragt, welche Folgen die jeweilige Kommunikation von und über Risiken für die Entwicklung neuer Technologien haben kann.

Wenn alle darüber sprechen, ist es aber noch lange nicht besprochen… Als besprochen dürfen Technologierisiken erst gelten (allerdings nicht im Sinne einer „Schlussstrich-Debatte“!), wenn alle gesellschaftlichen Akteure, die etwas sagen möchten, dazu auch die Möglichkeit bekommen. Eine weitere Voraussetzung ist, dass alle am Kommunikationsprozess Beteiligten grundsätzlich bereit sind, aufeinander zu reagieren. Diese Bereitschaft zeigt sich in eindrücklicher Weise in den sog. „Bürgerdialogen“, wie sie das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) von 2011 bis 2013 zu Zukunftstechnologien und -themen durchführte. Wie Christoph Braß, damaliger BMBF-Unterabteilungsleiter, im Interview mit ITAS-Kollegen schildert, verstand sich das Ministerium als „echter“ Dialogpartner, der sich zu Beginn des Dialogprozesses zunächst selbst fragte: Sind wir bereit, „uns auf einen solchen Dialog und seine Ergebnisse einzulassen und diese ernst zu nehmen?“. Das BMBF habe „eine Chance gesehen, das direkte Gespräch mit Bürgerinnen und Bürgern zu führen, im Sinne von Wahrnehmen, von Rückfrage, Einwänden und Kritik, also ein echter Austausch“.

Der Abdruck eines Interviews stellt für diese Zeitschrift ein Novum dar. Wir denken, dass das Interview eine sehr geeignete Textsorte für die Vermittlung von TA-relevanten Perspektiven und Einschätzungen (v. a. in Beratungsprozessen) darstellt. Es ermöglicht einerseits, das vom Hörensagen her Bekannte nochmal schwarz auf weiß nachzulesen. Andererseits zeigt die interviewte Person, indem sie Rede und Antwort steht, eine Offenheit, die man sich für alle an TA-Prozessen Beteiligten wünscht. Wir dürfen als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht der Gefahr erliegen, unsere Erkenntnisse nur im Schutz der (eigenen) wissenschaftlichen Community zu debattieren. Ebenso wenig dürfen wir als Bürgerinnen und Bürger die Verantwortung über risikobehaftete Zukunftsentscheidungen in die Sphäre einer von der Wissenschaft beratenen Politik abschieben. Aus dem Alltag wissen wir, dass Gespräche auch mal aus dem Ruder laufen können. Und wer hat zum Beispiel in der „Endlager-Debatte“ nicht auch mal gedacht: „Nicht schon wieder…“?

Die Diskurse, wie sie in den einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen geführt werden ernst zu nehmen und – wie im vorliegenden Themenschwerpunkt geschehen – vergleichend gegenüberzustellen sowie eine Debatte in Wissenschaft wie in Gesellschaft und Politik konsequent zu führen, kann zweifelsohne anstrengend und manchmal auch riskant sein. Sich dem Austausch zur verschließen, wäre aber riskanter.

(Constanze Scherz)