BEYOND GROWTH - Nachhaltige Entwicklung versus Wirtschaftswachstum

Tagungsberichte

Internationale Konferenz

BEYOND GROWTH - Nachhaltige Entwicklung versus Wirtschaftswachstum
Berlin, 24. - 26. Oktober 1999

Tagungsbericht von Bettina-Johanna Krings, ITAS

Nach wie vor gilt Wirtschaftswachstum als zentrales Ziel und scheinbar wesentliche Grundlage jeglicher Politikstrategien. Die Bewältigung der Probleme um Themen wie Arbeit, Sozialstaat, Finanzen und Wirtschaftspolitik stützt sich noch immer auf ökonomisches Wachstum als unverzichtbare Grundlage gesellschaftlicher Entwicklung. Aber nicht nur das Wachstum der Wirtschaft, sondern auch das Wachstum der Lebensqualität gelten weiterhin als normatives Ziel. Die ökologischen und sozialen Probleme, die aus diesen Wachstumsstrukturen entstehen, sind bekannt, und schon seit den 70er Jahren werden die Grenzen des Wachstums öffentlich diskutiert.

Die Debatte um "Nachhaltigkeit" knüpft an diesen Diskussionen an. Die Studie "Zukunftsfähiges Deutschland" des Wuppertal-Instituts machte beispielsweise deutlich, dass der Übergang zu einer langfristig tragfähigen Entwicklung Veränderungen sowohl im Konsumverhalten als auch in den Produktionsverfahren erforderlich machen. Ein erster Schritt wird im Begriff des "nachhaltigen Wachstums" gesehen, d.h. einer drastischen Senkung des Umweltverbrauchs, bzw. der Senkung des Material- und Energiedurchsatzes. Allerdings zeigt die bisherige Erfahrung, dass Effizienzgewinne durch weitere Wachstumseffekte wieder aufgefressen werden und das Spannungsfeld zwischen "Nachhaltigkeit" und Wirtschaftswachstum weiter wächst.

Dieses Spannungsfeld war Ausgangspunkt einer Internationalen Konferenz vom 24. - 25. September in Berlin, die von der Heinrich Böll Stiftung, in Zusammenarbeit mit dem Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, der Vereinigung für Ökologische Ökonomie (VÖÖ), der European Society for Ecological Economics (ESEE), der International Society for Ecological Economics (ISEE) veranstaltet wurde. In der Darstellung geht es mir im folgenden weniger darum, alle Beiträge im einzelnen nachzuvollziehen, als vielmehr darum, die Aufmerksamkeit auf die inhaltlichen Tendenzen der Nachhaltigkeitsdiskussion zu lenken, wie sie im Rahmen dieser Konferenz zur Sprache kamen.

Wie der Titel des Kongresses anzeigt, ging es den Veranstaltern in erster Linie darum, Alternativen zu den normativen Vorstellungen eines permanenten Wirtschaftswachstumes zu diskutieren. Die Ausgangsthese für diese Diskussionen wurde von Hermann E. Daly, Professor an der Universität von Maryland und einer der Mitbegründer der ISEE, in der Aussage formuliert, dass sich das Verhältnis zwischen wirtschaftlichem Wachstum und gesellschaftlichem Wohlstand umgekehrt hat. Wirtschaftliches Wachstum ist in diesem Sinne kontraproduktiv für die gesellschaftliche Entwicklung geworden, d.h. die negativen Konsequenzen wie soziale und ökologische Kosten dominieren inzwischen die Leistungen des Wachstumsmodells. Die Erfahrung des "uneconomic growth" resultiere aus vier Entwicklungen:

  1. Alternativlosigkeit des ökonomischen Sektors,
  2. ungleiche Verteilung des Kapitals,
  3. (intendierte) Schaffung von Arbeitslosigkeit,
  4. gesellschaftliche Lösungsstrategien basieren auf Wachstumsorientierung.

Daly teilte mit allen Referenten und Referentinnen die Vorstellung, dass das Prinzip Wirtschaftswachstum keine befriedigenden Lösungen der derzeitigen gesellschaftlichen Probleme bereitstelle und dass darüber hinaus in der Politik, der Ökonomie und der Gesellschaft ein Perspektivenwechsel stattfinden müsste. Dieser Perspektivenwechsel solle vor allem die Beziehung zwischen Ökonomie und ihrem Kontext neu organisieren, d.h. die wirtschaftliche Entwicklung solle wieder verstärkt in einen sozialen, kulturellen und ökologischen Kontext eingebettet werden.

Der zentrale Punkt für eine Neu-Organisierung der Beziehung zwischen Ökonomie und Gesellschaft ist die Frage der Bewertung bzw. der Zielsetzung wirtschaftlichen Handelns. Auf welche Ziele kann sich die Gesellschaft einigen? Wie kommen diese Ziele zustande? Wer ist an diesen Zielen maßgeblich beteiligt? Diese Fragen werden zwar seit einigen Jahren im Rahmen der Diskussion um eine nachhaltige Entwicklung diskutiert, aber selbst in der wissenschaftlichen Debatte hinten angestellt.

1. Die Re-Regionalisierung lokaler Märkte

Sabine O'Hara vom Green Mountain College, USA, wies hierbei in besonderem Maße auf den Perspektivenwechsel hin, der zwar verstärkt in der Theorienbildung der Ökologischen Ökonomie vorgenommen werde, die Wertediskussion jedoch ebenfalls ausspare. Nach ihrer Vorstellung solle die Debatte einer nachhaltigen Entwicklung nicht auf eine technische Debatte reduziert werden, sondern sie solle eine komplexe Wertediskussion umfassen, die die Diskussion um soziale und ökologische Werte möglichst vieler gesellschaftlicher Gruppen genauso berücksichtigt wie die Diskussion um Lebensqualität. Wird die Diskussion um diese Faktoren erweitert, so entstehe ein komplexeres Bild der Bewertung, das unterschiedliche Perspektiven von Lebenswelten spiegelt. Sie exemplifizierte ihre Überlegungen an Forschungsprojekten in Troy (USA), wo sich Regionen, aus denen sich Firmen zurückgezogen haben, in hoffnungslose Stätten der Arbeitslosigkeit verwandelt hätten. Hier sollten, mit Hilfe von wissenschaftlichen Bestandsaufnahmen der regionalen Bedürfnisse, nachhaltige Strukturen aufgebaut werden. Diese Projekte entwickelten sich zu langwierigen und komplexen Verfahren, die jedoch auch von wissenschaftlicher Seite neue methodische Ansätze erforderlich machten, sollten die beteiligten Gesellschaftsgruppen, die "non-credential experts", wirklich gehört und beachtet werden. Hier musste das Verhältnis von Expertenwissen und Alltagswissen, das Verhältnis von Wertereduktion und Komplexität sowie das Verhältnis von Effizienz und Muße ebenfalls neu definiert und ausgehandelt werden.

Die Erfahrungen mit lokalen Agenda-21-Prozessen in der Region Ulm und in Sachsen-Anhalt zeigten ähnliche Ergebnisse. Heidrun Heidecke, bis 1998 Umweltministerin in Sachsen-Anhalt, beschrieb den Prozess der Schaffung nachhaltiger Strukturen in der Region Niederelbkreis (Sachsen-Anhalt) ebenfalls als eine Entwicklung, die aus der "Not geboren wurde". Als nach dem Zusammenbruch der DDR die genossenschaftlich organisierte Landwirtschaft und die Betriebe aufgelöst wurden, standen die politisch Verantwortlichen vor der Frage, wie diese Region wirtschaftlich und kulturell gestaltet werden könnte. Wachstumskonzepte (Autobahn, Chemiewerk, Industrieparks) schienen zunächst die Diskussion zu bestimmen. Inzwischen entstanden jedoch schon in der Region kleinere Netzwerke (Verein für eigenständige Regionalentwicklung) mit entgegengesetzten Konzepten wie Eigenversorgung, regionale Wirtschaftskreisläufe und nachhaltige Lebens- und Produktionsstile, die sich, mit politischer Unterstützung der einschlägigen Behörden, festigen und weiterentwickeln konnten. Als entscheidend für diesen Prozess beschreibt Heideke ebenfalls die Frage der Bewertung sowie die Frage, welche gesellschaftlichen Gruppen an solchem Prozess überhaupt beteiligt sind. In der Region Niederelbkreis wurde der Versuch unternommen, das Wissen um neue Lebens- und Produktionskonzepte umzusetzen. Entscheidend war hier, politische, ökonomische und soziale Rahmenbedingungen zu schaffen, die möglichst viele Handlungsoptionen offen halten.

Die dargestellten Erfahrungen bei der Ausrichtung der gesellschaftlichen Entwicklung auf Nachhaltigkeit zeigen sehr deutlich, dass sich das Konzept im gegenseitigen Austausch mit den beteiligten gesellschaftlichen Gruppen bewähren muss. Erst hier werden Schwächen und Stärken des Konzeptes transparent. Nur hier kann es, unter Einbezug der Betroffenen, weiterentwickelt werden. Auf diese Art und Weise können die Erfahrungen, die auf der lokalen Ebene gemacht werden, wieder in die konzeptionellen Ansätze eingespeist werden.

Ansätze von "unten", sogenannte "bottom-up"-Ansätze, haben die Diskussion im Rahmen der Konferenz zum Teil sehr heftig belebt, da hier relativ schnell die sozialen Konfliktlinien hervortreten und deutlich machen, dass das Konzept noch erprobt und praktiziert werden muss. Als wichtige Ergebnisse des bisherigen Agenda-21-Prozesses können folgende Punkte zusammengefasst werden: 

2. Nationale Strategien für eine nachhaltige Entwicklung

Eine Form nachhaltiger Ansätze ist die Re-Regionalisierung der Märkte, die jedoch mit den nationalen und internationalen Rahmenbedingungen verknüpft werden muss. Nationale als auch internationale Politik haben angesichts der globalen Märkte und ihrer sozialen Konsequenzen nicht an Bedeutung verloren. Im Gegenteil: hier entstehen ganz besondere Herausforderungen für eine nachhaltige Politik. Auch hierin herrschte im Rahmen der Konferenz Einigkeit, dass ein Perspektivenwechsel vonnöten ist, es fehle jedoch insgesamt an Mut. Zu sehr werde an dem überkommenen Konzept "Wirtschaftswachstum" festgehalten, obgleich seine destruktiven Folgen nicht mehr von der Hand zu weisen seien. Der jüngste Bericht des United Nation Environmental Program (UNEP), der von Klaus Töpfer, Executivdirektor des UNEP, skizziert wurde, ließ keinen Zweifel daran, dass sich die Probleme, wie Verstädterung, Waldsterben, Rückgang der Artenvielfalt sowie der Ackerfläche, Erwärmung der Atmosphäre, in den nächsten Jahren verdoppeln und verdreifachen werden. Diese Probleme hätten schon jetzt katastrophale Auswirkungen, vor allem in weiten Regionen in den Ländern der Dritten Welt. Solange jedoch, nach Töpfer, die reichen Industriestaaten an diesem Konzept festhielten und keine Vorbilder abgäben, würden die Länder der Dritten Welt erst recht daran festhalten, da nur von diesem Konzept kurzfristige und schnelle Gewinne sowie Wachstumsraten zu erwarten seien. Das rasante Anwachsen der südostasiatischen Märkte gelte in diesem Zusammenhang für viele Länder (beispielsweise China) eher als Vorbild als die abstrakten Konzepte nachhaltiger Entwicklung.

Charakteristisch für den Prozess der Globalisierung ist die schnelle Überwindung von Zeit und Raum. Dies zeigt sich faktisch in der Entwicklung der globalen Finanzmärkte, die nach Elmar Altvater von der Freien Universität Berlin sowie Wolfgang Sachs vom Wuppertal-Institut, die Entwicklung von Krisen vor allem in den armen Ländern der Welt fördern. Das Primat der Ökonomie bzw. der Wachstumsideologie schaffe einen enormen Konkurrenzdruck auf die nationalen Märkte, die darauf mit weitreichenden Kompromissen in der sozialen und ökologischen Entwicklung reagieren. Das gelte nicht nur für die Länder der Dritten Welt, sondern auch für die Volkswirtschaften der Industriestaaten. Nur seien die Auswirkungen für die Länder der Dritten Welt ungleich weitreichender. Die Negativentwicklung in den Ländern Afrikas und Lateinamerikas haben sich in den letzten Jahren drastisch verschärft, es entstehen neue Wertschöpfungsketten, die den reichen Ländern erlaubten, ihre Probleme bei den armen Ländern anzusiedeln. Hier entstehe ein direkter Zusammenhang von Schuldenkrise und ökologischer Zerstörung, der viele Länder des Südens in ihrer "Substanz" bedrohe. Unter Druck verkaufen sie zu Niedrigpreisen beispielsweise weiterhin Rohstoffe, Seerechte, Rechte auf biologische Vielfalt u.a., wodurch sich die ungleiche Entwicklung, die Kluft zwischen arm und reich, noch vertieft.

Die Forderung, eine nachhaltige Entwicklung einzuleiten, wird von den Ländern des Südens als ein Versuch des Nordens verstanden, die Ungleichheit weiter auszubauen und zu manifestieren. Alle Referenten bekräftigten hier ihre Ansicht, dass die Forderung einer nachhaltigen Entwicklung von den Industriestaaten faktisch unterstützt werden muss, zum einen dadurch, dass die Länder eine Vorbildrolle einnehmen und Maßnahmenkataloge in ihren eigenen Ländern durchführen anstatt den Grundverbrauch weiter zu erhöhen. Zum anderen müssen internationale Vereinbarungen (z.B. Schuldenerlass), Handelsvereinbarungen und Wege des technologischen Transfers gefunden werden, die den Ländern des Südens überhaupt die Möglichkeit erst eröffnen, dieses Konzept für sich zu entwickeln und zu nutzen.

3. Resumé

Gesellschaftliche Konzepte jenseits von "Wachstum" bestehen aus vielen verschiedenen Ansätzen und setzen auf der lokalen, nationalen und internationalen Ebene gleichzeitig an. Gemeinsam ist ihnen zunächst lediglich die normative Vorstellung, dass Wege aus der Wachstumsdynamik gefunden werden müssen, da sich diese Dynamik selbst zu einem "uneconomic growth" entwickelt hat. Hierbei wäre es wichtig, die Diskussion über "Grenzen des Wachstums" zu führen und nicht weiter an einem Diskurs über "Wachstum" festzuhalten. Die verschiedenen Ansätze nachhaltiger Strategien sind notwendige und zum Teil weitreichende Versuche, einen gesellschaftlichen Prozess in Gang zu setzen, der Effizienzstrategien genauso mit einbezieht wie Suffizienzkonzepte, der verschiedene gesellschaftliche Bereiche wie Arbeit, Konsum- und Lebensmodelle, verändern und einen Paradigmenwechsel einleiten will. Die Politik sowie die Wissenschaft spielen in diesem Prozess eine entscheidende Rolle.

Effizienzstrategien sind politisch sehr wichtig. Hier könnte eine Politik eingeführt werden, die Zukunftsfähigkeit konsequent als Ziel definiert und in die verschiedenen Ressorts integriert. Hier wurden auf der Konferenz eine Reihe von nachhaltigen Politikstrategien aufgeführt wie: ökologische Steuerreform, marktwirtschaftliche Instrumente, Nutzung von Kreislaufwirtschaftsgesetzen für wirtschaftliches Handeln, Einführung eines nationalen Nachhaltigkeitsplans, Bereitstellung von mehr Geld für eine breite Bewusstseinsbildung, Integration von Zukunftsfähigkeit als Querschnittsaufgabe in alle Politikbereiche, um nur einige Beispiele zu nennen. Die Palette an wissenschaftlich ausgearbeiteten Konzepten ist sehr breit und sollte verstärkt genutzt und integriert werden.

Die Wissenschaft ist diejenige Instanz, die gesellschaftliche Prozesse spiegelt und analysiert, Optionen entwickelt, sich einen Schritt weiter wagt sowie neue Konzepte zur Disposition stellt. Hier sollte die Wertediskussion stattfinden und der Diskurs darüber, welche gemeinsamen Erfahrungen das Konzept eines "guten Lebens" bilden könnten. Diese Möglichkeiten werden nicht ausgeschöpft. Ein Blick über die Grenzen genügt, um festzustellen, dass beispielsweise in den Niederlanden oder Dänemark bisher unbekannte Wege eröffnet und ausprobiert werden.

Die einhellige Bestandsaufnahme der aktuellen Situation angesichts der sozialen und ökologischen Probleme war, dass momentan vor allem in der Politik ein Entwicklungsstau zu verorten ist. Das Konzept "Wachstum" hat ausgedient, neue Konzepte liegen vor, können jedoch zu sozialen Konflikten führen, die noch gescheut werden. Denn neue gesellschaftliche Modelle rufen auch neue Verteilungsprobleme hervor. Aber auch die Frage nach den Gewinnern und Verlierern bemisst sich an dem alten Konzept. Die Herausforderung eines Paradigmenwechsels wird auch darin bestehen, in einer gerechteren Verteilung der gesellschaftlichen und natürlichen Ressourcen die Zuversicht für die Zukunft zu entdecken.

Kontakt

Bettina-Johanna Krings
Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS)
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
Karlstr. 11, 76133 Karlsruhe
Tel.: +49 721 608-26347
E-Mail: bettina-johanna krings∂kit edu