"Erhalt und Neunutzung ehemaliger Werkstattanlagen aus dem Bergbau - ein Modell der Produktdauerverlängerung als Baustein für nachhaltige Regionalentwicklung" - Projekt an der Fachhochschule Merseburg

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Erhalt und Neunutzung ehemaliger Werkstattanlagen aus dem Bergbau - ein Modell der Produktdauerverlängerung als Baustein für nachhaltige Regionalentwicklung

von Annette Henn und Renate Patz, Fachhochschule Merseburg

Sanierung und Rekultivierung der Bergbaufolgelandschaften in den neuen Bundesländern vollzieht sich unter einem Zeitdruck, der weder Entwicklungsabläufen in Natur und Landschaft angemessen ist noch Alternativoptionen zur Wiedernutzung der hinterlassenen Anlagen und Einrichtungen genügend Raum gibt. Das Vorhaben Maschinenhalle Braunsbedra im Geiseltal kann insofern als Modell für einen ressourcenschonenden und nachhaltigen Umgang mit verbliebenen Anlagen aus dem Bergbau gelten, als es nicht nur auf den Erhalt eines Gebäudes zielt, sondern auf eine auch dem Bauwerk angemessene Neunutzung als regionales Impulszentrum und Lern- und Experimentalstätte.

Dem Bergbau, speziell dem Braunkohletagebau ist eigen, dass er exemplarisch und zugespitzt den Umgang mit den natürlichen und kulturellen Ressourcen widerspiegelt. Langanhaltend und tiefgreifend sind die Auswirkungen, wenn es vor dem Bergbau um die Entscheidung dafür oder dagegen geht und nach dem Bergbau, wenn es darum geht, wie die hinterlassene Bergbaufolgelandschaft rekultiviert werden soll. Unstrittig ist: An die Sanierung und Restrukturierung der Bergbaufolgelandschaften werden Hoffnungen und Visionen geknüpft, zumal hier sichtbar wird, wie sich der Prozess der Zerstörung und des Abbaus von Landschaft umkehrt, aus Brachen neue Natur- und Lebensräume entstehen.

Der Zeitrahmen, der für die Sanierung vorgegeben ist und in dem die erforderlichen finanziellen Mittel bereitstehen, ist allerdings in der Regel so knapp bemessen, dass nur ein geringer Spielraum für Alternativen zur Sanierung nach geotechnischen Gesichtspunkten bleibt, die zudem den Rückbau nahezu aller Bergbauanlagen und Einrichtungen unabhängig vom Erhaltungszustand und historischen Wert einschließt. Diese Vorgehensweise wird zunehmend in Frage gestellt, vgl. beispielsweise (Ganser 1998), neue Wege werden konzipiert und im Rahmen von Modellvorhaben erprobt (dem gemäße Beispiele sind in den Jahrbüchern des Dachverbandes Bergbaufolgelandschaft dokumentiert). Grundkonsens besteht gemeinhin, auf das Leitbild der Nachhaltigkeit zu bauen, auf die im ganzheitlichen Sinne zu berücksichtigenden technischen wie auch ökologischen, ökonomischen und sozialen Aspekte. Dies erfordert zugleich einen die Sanierung begleitenden umfassenden Diskurs, in den alle Beteiligten und Betroffenen einzubeziehen sind. Hier erschließt sich ein breites Feld für TA-relevante Projekte, so für die Ermittlung, Erprobung und Bewertung von Gestaltungsoptionen in Verbindung mit der Diskussion zur Zielrichtung, wie sich die zukünftige neue Kulturlandschaft definieren soll.

Projiziert man einen solchen Anspruch auf konkrete Regionen, Objekte oder Vorhaben, so bestätigt sich aufs Neue das Dilemma, dass die Formel "Sustainable Development" kein Real-Modell ist (Borner 1996), sondern "nur" Ansprüche ableitet, Sachzwängen der Umwelt geschuldet und von der Notwendigkeit ausgehend, den Antagonismus von nachhaltiger Naturorganisation und entropischer Kultur- und Wirtschaftsorganisation auszutragen. Hierin liegt nach wie vor die Herausforderung, ökonomische Zielvorgaben so in das für eine nachhaltige Entwicklung notwendige komplexe Gefüge von Ökologie und sozialem Umfeld einzufügen, dass Stabilität und Entwicklungsfähigkeit gewahrt bleiben. Rentabilitätsrechnungen im klassischen Sinne reichen dafür nicht aus, ihrer Eigenlogik genügend beweisen sie eher die Nicht-Tragfähigkeit nachhaltiger Projekte, schon allein, weil sich ökonomische und ökologische Organisationsprinzipien grundsätzlich voneinander unterscheiden (vgl. Ring 1994).

Welches die Reibungspunkte, Einflüsse, Gestaltungsoptionen im Detail sind, welche Zwänge und Folgewirkungen sich bei realen Vorhaben einstellen, sei am Vorhaben Erhalt und Neunutzung der Zentralwerkstatt der ehemaligen Brikettfabrik Braunsbedra skizziert. Dieses als Maschinenhalle Braunsbedra bekannte Gebäude zählt zu den wenigen noch erhaltenen Bauwerken von einst 8 Brikettfabriken im Geiseltal (die letzten wurden 1992 außer Betrieb genommen). Seit 1994 wird alljährlich vom Institut für ökologische Ästhetik an der Hochschule für Kunst und Design Burg Giebichenstein, Halle, ein internationales Entwurfs- und Gestaltungsseminar im Geiseltal durchgeführt. In die Arbeiten wurde auch die Maschinenhalle einbezogen. Der von Jahr zu Jahr beobachtbare Prozess des voranschreitenden Verschwindens von Anlagen und Einrichtungen des Bergbaus einerseits - auch die Maschinenhalle stand trotz Denkmalstatus bereits auf dem Abrissplan -, die andererseits entstandenen Entwürfe für Nachfolgenutzungen führten zu einer Intervention gegen den Abriss, woraus unmittelbar die Forderung nach einer Trägereinrichtung und einem tragfähigen Nutzungskonzept resultierte.

Dies als Gestaltungsaufgabe - im Sinne von Technikgestaltung - annehmend, wurden im Rahmen einer vom Umweltministerium des Landes Sachsen-Anhalt geförderten Studie Erfolgsaussichten und Realisierungsbedingungen untersucht. Im Ergebnis zeigte sich, dass im Gegensatz zur Null-Option Abriss - was einer beschäftigungswirksamen Maßnahme von ein bis zwei Monaten gleichgekommen wäre und dem unwiederbringlichen Verlust einer materiellen und ideellen Ressource - die Option Erhalt und multifunktionale Neunutzung der Halle unvergleichlich höhere, langfristig anhaltende Effekte für die Region erwarten ließ. Das abgeleitete Konzept ging davon aus,

Die Akzeptanz der Ergebnisse der Studie hatte zur Folge, dass die LMBV Lausitzer Mitteldeutsche Bergbauverwaltungsgesellschaft mbH die Mittel für den Erhalt und Umbau nach dem Nutzungskonzept bereitstellte. In der Konsequenz haben die Initiatoren und weitere regionale und internationale Partner den Förderverein Zentrum für Zukunftstechnologie, Kunst und Design - Zentralwerkstatt Pfännerhalle Geiseltal gegründet, der seitdem Träger für das Gesamtvorhaben ist. Die Folge ist, er wird damit zur Übernahme der Verantwortung für die Halle verpflichtet, was letztlich entgegen den ursprünglichen Intentionen darin mündet, sich zu einer unternehmerisch agierenden Einrichtung zu entwickeln mit dem Problem, dass sich Prognosen für den dauerhaft wirtschaftlichen Erfolg des Vorhabens nur unter großer Unsicherheit treffen lassen. Diese Unsicherheiten in der Absatzfähigkeit des Produktes "Zentralwerkstatt Pfännerhalle" am Markt lassen sich durch folgende Schritte reduzieren:

Beiträge zur Einbeziehung der soziokulturellen Entwicklung in die Planung der Nutzungskonzeption liefern der bereits vorliegende Masterplan zur Revitalisierung des Geiseltales und vor allem eine Studie des Institutes für Produktdauer-Forschung Genf (Stahel 1998), in der untersucht wurde, ob es für die gesamte Idee überhaupt verwertbares Potential in der Region gibt. Diese Studie kommt zu dem Schluss, dass die Aufgabenstellung, ein Nutzungskonzept für die Maschinenhalle Braunsbedra zu finden, ein gordischer Knoten ist, dessen Lösung in der Zukunft der Region Geiseltal liegt. Nur durch Beiträge an die Region kann die Maschinenhalle ihre Zukunft sichern, und nur durch das Aufblühen der Region kann sie ihre Aufgabe optimal erfüllen.

Als Zielgruppen kommen gewerbliche Nachbarn, Privatpersonen (Kinder, Jugendliche, Anwohner, Touristen), öffentliche Körperschaften, Kommunen der Region, Kreditgeber, Sponsoren, Stiftungen, Förderer, Geschäftspartner, Handwerk, Existenzgründer in Betracht. Im Rahmen einer detaillierten Akzeptanzstudie ist zu ermitteln, wie hoch die Bereitschaft der einzelnen Gruppen zur Teilhabe an der Nutzung der Halle ist. Das heißt, eigentlich nicht handelbare ethisch-moralische Grundsätze der Zielgruppen müssen zu Gunsten des Projektes ausgenutzt, Akzeptanz geschaffen und damit marktfähig gemacht werden.

Ökologische Zielvorgaben realisieren sich zum einen nur in Kooperation mit den verschiedenen Interessengruppen (Beispiele: dauerhafte Anbindung der Region an das Nahverkehrsnetz, an Radwegesysteme, Naturlehr- und Wanderpfade). Zum anderen sind solche Öko-Zielsetzungen formuliert, die nicht unmittelbar auf den klassischen, von Institutionen zu regulierenden Umweltzielen wie Reduzierung des Schadstoffausstoßes oder Verringerung des Energieeinsatzes basieren. Vielmehr geht es darum, ein Gemeinschaftswerk (3. Sektor-Selbsthilfeprozesse) zu etablieren, in das die verschiedenen Anspruchsgruppen spezielle Leistungen einbringen, an denen andere wiederum partizipieren. Der Schwerpunkt liegt dabei auf ökologisch wertvollen Arbeitsweisen an vorhandenen Maschinen, alter Technik und künstlerisch-handwerklicher Arbeit. Im Nutzungskonzept weiterhin verankert ist, dass auf eine exzessive Nutzung von Ressourcen (Mobiliar, Ausstattung etc.) verzichtet wird. Durch Umbewertung der Ansprüche an den Betrieb eines modernen Zentrums werden in der Planung Konsumwünsche nach den sog. Zivilisationsprodukten weitgehend zurückgedrängt. Will heißen, die Wiederverwertung bzw. Nachnutzung möglichst vieler Ausstattungsobjekte wird angestrebt

In einer bereits durchgeführten Wirtschaftlichkeitsstudie, die teilweise wegen der noch nicht abschließend untersuchten möglichen Zielgruppen auf recht vagen Abschätzungen über die Höhe der zu erwartenden Rückflüsse beruht, wurde trotz Beschränkung des Ressourcenverbrauchs natürlich ein Finanzierungsbedarf offengelegt. Unter Berücksichtigung der sozialen und ökologischen Zielsetzungen (Problem der Internalisierung dieser externen Effekte!) kann dieser (eben nach klassischer Rentabilitätsberechnung) - weder in der Startphase noch im Betriebsgeschehen - gedeckt werden. Es geht also in den finanzwirtschaftlichen Überlegungen zunächst um die Anlauffinanzierung, sei es über die Beantragung von Fördermitteln, die Beteiligung an relevanten Wettbewerben u.dgl.. Die Partnerschaft mit den traditionellen Fremdkapitalgebern ist nahezu aussichtslos. Erfolgversprechender sind eher Möglichkeiten des Sponsoring (bereits unter Vertrag ist die Übernahme des Aufwands für die mediale Versorgung durch den örtlichen Versorger) oder Alternativen zu den herkömmlichen Kreditinstituten wie Umwelt- oder Ökobank, aber auch Stiftungsgelder.

Umgesetzt wird in der bis Ende 2000 dauernden Umbauphase das Modell einer "offenen Baustelle": auch während der Sanierungs- und Umbauarbeiten finden verschiedene Veranstaltungen in der Maschinenhalle statt. Motivierend, sich auf dieses Vorhaben einzulassen, ist letztlich auch die Erfahrung, dass Alternativen bzw. Visionen, wenn sie mit sichtbaren Ergebnissen korrespondieren, dazu führen, Vorbehalte und Skepsis umzuwandeln in Akzeptanz und Unterstützung.

Literatur

Borner, J., 1996: Zu den Schwierigkeiten des Umgangs mit Konzepten nachhaltiger Regionalentwicklung; In: Stiftung Bauhaus Dessau et al. (Hg.): Wirtschaft von unten. People's Economy; Dessau, S. 45-50

Ganser, K., 1998: Die IBA Fürst-Pückler-Land - kultivieren statt sanieren; In: Jahrbuch 1998 des Dachverbandes Bergbaufolgelandschaften; Dessau, S. 96-98

Ring, I., 1994: Marktwirtschaftliche Umweltpolitik aus ökologischer Sicht. Möglichkeiten und Grenzen; Stuttgart, Leipzig

Stahel, W. R.; Hirschberger, D., 1998: Spezifisches Nutzungskonzept zur Umgestaltung der Maschinenhalle Braunsbedra. Region Geiseltalsee - Nach dem Renaturieren das Revitalisieren; Institut für Produktdauerforschung Genf und INGENIUS Ingenieurgesellschaft für integrierten Umweltschutz Berlin; Abschlußbericht

Weizsäcker, E.U. v.; Lovins, A.B.; Lovins, L.H., 1994: Faktor Vier. Doppelter Wohlstand - Halbierter Naturverbrauch; München 1996

Kontakt

Dipl.-Kfr. (FH) Annette Henn
Dr. Renate Patz
Fachhochschule Merseburg
Geusaer Straße, 06217 Merseburg
und
Zentrum für Zukunftstechnologie, Kunst und Design
Zentralwerkstatt Pfännerhalle Geiseltal e.V.
Tel.: +49 3461 462907
E-mail: renate patzAnb9∂ltg fh-merseburg de