Jahrestagung des European Parliamentary Technology Assessment Network (Tagungsbericht)

Veranstaltungen

Jahrestagung des European Parliamentary Technology Assessment Network

Berlin, 9. - 10. November 2000

Tagungsbericht von Leonhard Hennen, Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag

Technikfolgenabschätzung für das Parlament hat sich in Europa in vielen Ländern mittlerweile fest etabliert. Fünfzehn Mitglieder zählt das im Jahre 1990 gegründete Netzwerk von TA Einrichtungen, die in ihren jeweiligen Ländern politikberatend für das nationale Parlament tätig sind. Das nunmehr zehnte "Annual Meeting" der im European Parliamentary Technology Assessment (EPTA) Network zusammengeschlossenen TA-Einrichtungen fand in diesem Jahr auf Einladung des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) im Reichstag und in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften statt.

EPTA Council Meeting

Unter dem Vorsitz der diesjährigen EPTA-Präsidentin, Ursula Burchardt, MdB, trafen sich die EPTA Einrichtungen am 9. November im Reichstag zur jährlichen Sitzung des EPTA-Council. Die im EPTA-Council vertretenen Parlamentarier und Direktoren der neun sogenannten Vollmitglieder des Netzwerks sowie Vertreter der fünf assoziierten Mitglieder konnten in diesem Jahr ein weiteres Mitglied aufnehmen: Die in diesem Jahr gegründete norwegische Einrichtung "Teknologiradet", die TA-Untersuchungen für das norwegische Parlament durchführt, wurde als 15. Mitglied in das EPTA-Netzwerk aufgenommen.

Im kommenden Jahr wird das Netzwerk voraussichtlich um eine TA-Einheit beim flämischen Parlament erweitert werden, die zur Zeit im Aufbau ist.

Auf Anregung der Präsidentin fand ein kurzer Gedankenaustausch über die Möglichkeiten einer Intensivierung der Kontakte zwischen den bei den jeweiligen Parlamenten mit TA befassten Parlamentariern statt. Während sich die Kooperation auf der Arbeitsebene unter den Wissenschaftlern in den jeweiligen TA-Einrichtungen in den letzten Jahren recht gut entwickelt hat bleibt der Austausch zwischen den TA-interessierten Abgeordneten mehr oder weniger auf die jährlich stattfindenden Council-Sitzungen beschränkt. Es wurde allgemein als wünschenswert angesehen, ein von den EPTA-Einrichtungen gemeinsam bearbeitetes TA-Projekt zu einer übergreifenden europäischen Thematik zu definieren. Die im EPTA-Council vertreten Abgeordneten würden hierbei die Funktion eines Steering Committee übernehmen, was auch die Arbeitskontakte der Abgeordneten intensivieren würde.

Die vom TAB neu eingerichteten EPTA Internetseiten
( http://www.eptanetwork.org/ )
sowie eine für TA-Interessierte offene E-Mail-Liste
( eptamail∂eptanetwork.org )
wurden auf der Council Sitzung präsentiert. Die Nutzung dieser neuen Kommunikationsmedien dürfte die Möglichkeiten des Austausches innerhalb des Netzwerkes weiter verbessern. Gegenstand einer während der Sitzung nicht abgeschlossenen und nun via E-Mail fortzuführende Diskussion war das zunehmende Interesse, das EPTA außerhalb Europas entgegengebracht wird (so z. B. aus Japan und Korea). Eine Internationalisierung des Netzwerkes über Europa hinaus scheint auf der einen Seite wünschenswert, um die außerhalb Europas unternommenen Anstrengungen zur Etablierung parlamentarischer TA-Einrichtungen zu unterstützen. Auf der anderen Seite bietet aber gerade der europäische Fokus des Netzwerkes gute Voraussetzungen zum weiteren Ausbau der Arbeitsbeziehungen im Sinne gemeinsamer TA-Projekte zu europäischen Themen.

Die Bestätigung der Übernahme der EPTA-Präsidentschaft für das kommende Jahr durch die TA-Einrichtung des finnischen Parlamentes (Finish Committee for the Future) bildete den Abschluss des offiziellen Teils des diesjährigen Council Meetings. Die finnischen Kollegen luden anschließend zu einem Empfang in der Botschaft von Finnland.

EPTA-Konferenz: Technology Assessment in Biomedicine and Health Care

Gelegenheit zum intensiven inhaltlichen Austausch zwischen den EPTA-Einrichtungen bot die am folgenden Tag in den Räumen der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften stattfindende Konferenz zum Thema "Technology Assessment in Biomedicine and Health Care". Das Thema Biomedizin - aktuell in vielen Ländern durch die Fortschritte der Humangenomforschung auf der politischen Tagesordnung - hat in den vergangenen Jahren unter verschiedensten Aspekten parlamentarische TA-Einrichtungen beschäftigt. Dies schlug sich in einer regen Beteiligung der EPTA-Einrichtungen durch Projektpräsentationen nieder. Den Schwerpunkt bildeten dabei die Themen Humangenomforschung (mit Beiträgen aus Großbritannien, den Niederlanden und Deutschland sowie aus dem Europarat) und Xenotransplantation (mit Beiträgen aus der Schweiz, Dänemark und Deutschland).

In jüngerer Zeit haben neben der Biomedizin auch andere Themen aus dem Bereich Medizintechnik parlamentarische TA-Einrichtungen beschäftigt, wie die Präsentation von TA-Projekten zum Einsatz von EPO bei der Behandlung von Tumoranämien (Österreich), zu den Gesundheitsrisiken von Silicon Implantaten (STOA/Europäisches Parlament) sowie zum Thema Telemedizin (Finnland) zeigten.

Technikfolgenabschätzung zur Medizintechnik hat sich seit Mitte der 70er Jahre zu einem Spezialgebiet der Technikfolgenabschätzung entwickelt. An Krankenhäusern und in medizinischen Forschungseinrichtungen wurden in vielen Ländern auf Health Technology Assessment (HTA) spezialisierte Einrichtungen aufgebaut. Die Verbindung zu den parallel in vielen europäischen Ländern entstehenden parlamentarischen TA-Einrichtungen war meist wenig ausgeprägt. Zwei Überblicksvorträge zum Thema TA in Biomedicine and Health Care - der eine aus der Perspektive parlamentarischer TA-Einrichtungen, der andere aus der Sicht eines Health Technology Assessment-Experten (Matthias Perleth, Medizinische Hochschule Hannover) - machten die Unterschiede in der Herangehensweise an das Thema deutlich. Sowohl HTA als auch Technikfolgenabschätzung im parlamentarischen Kontext zielen auf die Bereitstellung möglichst umfassenden entscheidungsrelevanten Wissens über Rahmenbedingungen und Folgen des Einsatzes neuer Technologien ab. HTA konzentriert sich dabei aber auf Aspekte, die durch den klinischen Kontext (Arzt - Patient) bestimmt sind. Im Zentrum stehen dabei Fragen der medizinischen Wirksamkeit, der Kosteneffektivität, der Risiken für den Patienten oder der Auswirkungen auf seine Lebensqualität. Demgegenüber wurden - wie ein Überblick zu den von EPTA-Einrichtungen bearbeiteten Projekten aus dem Themenfeld Gesundheit/Medizin zeigte - von den parlamentarischen TA-Einrichtungen weitergehende gesellschaftliche Aspekte und Folgen des Einsatzes neuer Medizintechniken untersucht. Entsprechend waren es in den letzten Jahren auch vorwiegend in der Öffentlichkeit kontrovers bewertete und mit ethischen Debatten einhergehende biomedizinische Themen wie genetische Tests und Klonierung, die die parlamentarischen TA-Einrichtungen vorwiegend beschäftigt haben.

Angesichts der zunehmenden Zahl spezieller biomedizinischer Anwendungen und der wachsenden Probleme des öffentlichen Gesundheitssystems wurde von beiden Seiten eine Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen parlamentarischer bzw. politikberatender TA und dem mehr auf medizinische Fragen ausgerichteten Health Technology Assessment für wünschenswert und notwendig erachtet. Die Tagung in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften kann als Schritt in Richtung einer Verbesserung der Kooperation angesehen werden.

Kontakt

Leonhard Hennen
Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS)
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
Karlstr. 11, 76133 Karlsruhe
Tel.: +49 228 30818-34
E-Mail: leonhard hennen∂kit edu