Herausforderungen an die Technikfolgenforschung durch Liberalisierung - das Beispiel der Strommärkte

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Herausforderungen an die Technikfolgenforschung durch Liberalisierung - das Beispiel der Strommärkte

von Martin Weisheimer, Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH)

Auf der Fachtagung "Zehn Jahre TA in den neuen Bundesländern" am 7. / 8. November 2000 in Chemnitz hat der Vortrag zum oben genannten Problem eine breite Resonanz gefunden. Am Beispiel der liberalisierten Strommärkte (in Deutschland und international) wird demonstriert, welche komplexen technisch-technologischen, ökonomischen, ökologischen und sozialen Folgen mit der Veränderung institutioneller Rahmenbedingungen einhergehen. Da sich der Trend zur Liberalisierung der Wirtschaft - in Einheit mit der Deregulierung und Privatisierung / Internationalisierung - fortsetzt, handelt es sich um eine zukunftsträchtige Aufgabe der Technikfolgenabschätzung. Sie bietet den Vorzug, den Übergang vom technik- zum probleminduzierten Ansatz zu fördern, weitgehend direkt Unternehmen anzusprechen und im Prozess technischer Entscheidungen recht frühzeitig gesellschaftliche Folgewirkungen zu antizipieren.

1     Charakterisierung des Problems

Wie in anderen Staaten der Welt vollzieht sich auch in der deutschen Wirtschaft der Trend zur Liberalisierung. Dabei geht - dank der Intensivierung des branchenbezogenen Wettbewerbs - die Überwindung des Monopolcharakters mit der Deregulierung sowie Privatisierung und Internationalisierung der Wirtschaft einher. Oft entstehen erstmals Märkte für die Beschaffung und den Absatz. Sie sind für mehrere Anbieter von Gütern und Dienstleistungen offen und ermöglichen dem Verbraucher die freie Auswahl ihrer Lieferanten.

Beispiele für solche geschaffenen liberalisierten (freien geöffneten) Märkte sind bisher die Telekommunikations-, Strom- und Gasbranche sowie das Luftverkehrs- und Eisenbahnwesen, demnächst vermutlich das Postwesen, die Wasserversorgung sowie die Abfallentsorgungswirtschaft. Das heißt, es handelt sich um eine breite Palette von Wirtschaftsbereichen mit bemerkenswerten Leistungs-, Investitions-/Kapital- und Beschäftigungs- sowie sonstigen Potentialen.

Wie weltweit die hierbei gewonnenen praktischen Erfahrungen zeigen, bringen diese neuen institutionellen Rahmenbedingungen gravierende Veränderungen in den jeweiligen Branchen sowie bei den vor- und nachgelagerten Partnern mit sich. In diesen Komplexen bleibt nichts wie es bisher war. Durch den Wettbewerb kommt es in erster Linie zu Rationalisierungen, Modernisierungen und Innovationen sowie zu durchgängigen Preisreduzierungen. Aufgrund der veränderten Markt- und Bewertungsverhältnisse folgen daraus vielfältige, technische/technologische, ökonomische, ökologische und soziale Konsequenzen.

In Deutschland macht das die Liberalisierung der Branchen Telekommunikation (ab Januar 1998) und Stromversorgung (ab April 1999) besonders deutlich. Anhand der deutschen Elektrizitätswirtschaft werden im Folgenden Implikationen und Schlussfolgerungen für die Technikfolgenabschätzung näher behandelt. 

2     Veränderungen auf der Angebotsseite

Seit anderthalb Jahren werden die deutschen Stromverbraucher nicht mehr von überregionalen, regionalen und kommunalen Monopolen versorgt. Die Elektrizität wird nun von mehreren Lieferanten für alle Kunden auf dem Markt frei zur Auswahl angeboten. Neben den bisherigen Versorgern kommen neue Akteure (unabhängige Erzeuger, Stromhändler, Broker, Importeure etc.) als mögliche Lieferanten in Frage. Außerdem nehmen die Strombörsen (für den Spot- und Terminmarkt) und der Internet-Einkauf (e-commerce) an Bedeutung zu.

Allerdings fungieren die überregionalen, regionalen und örtlichen Netze der Stromversorgung nach wie vor als natürliche Monopole. Ihre allgemeine Benutzung zur diskriminierungsfreien Durchleitung von Fremdstrom ist erforderlich, um dennoch den Wettbewerb und die konkurrierende Belieferung bis zum Verbrauchsort zu realisieren. Zur Vermeidung von Interessenkonflikten setzt das zugleich eine buchhalterische bzw. sogar organisatorische Trennung bisher eng verbundener Geschäftsbereiche (wie Erzeugung, Transport, Verteilung und Verkauf) voraus.

Der Wettbewerb führt zwangsläufig sowohl auf der Angebots- als auch Nachfrageseite zu grundlegenden Implikationen (vgl. Tab. 1).

Tab. 1: Folgen des Wettbewerbs im Strommarkt

Angebotsseite Nachfrageseite
  • Kosteneinsparung / Rationalisierung / Umstrukturierung
  • Personaleinsparung / Qualifikationswandel
  • Produktionsreduzierung / -stilllegung
  • neue Technologien / Anlagen
  • Erhöhung des Stromimports und -handels
  • Hemmnis für regenerative Energien
  • Gewinneinbußen im Querverbund
  • Preissenkungen für Wirtschaft und Haushalte
  • Erschwernis für Strom- / Energie-einsparungen
  • Chancen für Elektrotechnologien, z. B. für Raumwärme
  • Akzeptanz für Lieferantenwechsel
  • organisatorische Veränderung, z. B. Bündelung

Auf der Angebotsseite kommt es zum Kampf um Kunden und Marktanteile, erst recht, wenn sich die Nachfrage allgemein nur wenig erhöht (in Deutschland maximal um 1,0 %/a) und Überkapazitäten (in Deutschland von etwa 10 %) bestehen. Stromverkaufsangebote müssen daher insbesondere billiger, besser (mit mehr Beratung und Service) und auf die spezifischen Bedürfnisse zugeschnitten flexibler werden. Durchgängige Rationalisierungen und Kosteneinsparungen in der Erzeugung, Produktionseinstellungen und zugleich neue flexible Produktionsanlagen mit billigeren Brennstoffen und effizienten Technologien/Techniken sind die Folge davon. Konkret reflektiert sich das insbesondere in der Tendenz der drastischen Reduzierung der Personalkosten mit deutlichen Einsparungen bei den herkömmlichen Arbeitsplätzen, des Ausbaus kleiner, billiger und flexibler arbeitenden Erzeugungsanlagen zulasten der bisherigen Großeinheiten, der verstärkten Substitution bisheriger Brennstoffe durch Erdgas sowie des Ausbaus von Kombiprozessen, da die gleichzeitige Erzeugung von Strom und Wärme effizient und umweltverträglich ist. Mithin kommt es zur Orientierung auf dezentrale gasgefeuerte Blockheizkraftwerke (BHKW) und Gas- und Dampfturbinen (GuD)-Anlagen als integrale Lösung.

Diese neue technische/technologische Entwicklungsrichtung passt sich dem nunmehr bestehenden Investitions-, Markt- und Preisrisiko flexibel an. Die spezifischen Anlagenkosten in DM/kW liegen weitaus günstiger (etwa bis zur Hälfte), so dass der Zeitbedarf für den wirtschaftlichen Rückfluss der Investitionen wesentlich kürzer (etwa zehn bis zwölf anstatt über zwanzig Jahre) wird. Die Erzeugung kann sich durch die Gasfeuerung und moderne Regelung kurzfristig (etwa in einer Stunde) an den zeitlich schwankenden Strombedarf anpassen. Durch Veränderung des variablen Stromfaktors kann in der Spitzenzeit der Stromanteil erhöht und damit ein wesentlich größerer Verkaufserlös erzielt werden.

Angesichts des eingesetzten Erdgases (anstelle von Kohle, Kernbrennstoff und Öl) sowie der höheren Brennstoffausnutzung und energetischen Wirkungsgrade ergibt sich, dass die Anlagen und Technologien außerdem die Umweltbelastungen (wie SO2, CO2 und NOx-Emission) relevant absenken.

Kurzum: Früher, unter den Bedingungen der Versorgungsmonopole (mit gesichertem Absatz, Kostenpreisen etc.), mussten die Elektrizitätsversorgungsunternehmen (EVU) die Risiken der Entwicklung nicht befürchten. Nunmehr initiiert die Liberalisierung veränderte Rahmenbedingungen, d. h. letztendlich veränderte risikobehaftete Anforderungen an die Art und Weise des Angebots und die hiermit verbundenen ökologischen, ökonomischen und sozialen Folgen (vgl. Tab. 2).

Tab. 2: Konsequenzen der Liberalisierung