T. Lemke: Die Natur in der Soziologie. Gesellschaftliche Voraussetzungen und Folgen biotechnologischen Wissens

Rezensionen

Gesellschaft, Natur und Biosozialität

T. Lemke: Die Natur in der Soziologie. Gesellschaftliche Voraussetzungen und Folgen biotechnologischen Wissens. Frankfurt a. M.: Campus 2013, 204 S., ISBN 978-3-593-39862-4, Euro 29,90

Rezension von Ulrich Dolata, Universität Stuttgart

Seit den Enthüllungen Edward Snowdens ist viel von den Schattenseiten neuer Informations- und Kommunikationsmedien im Allgemeinen und des Internets im Besonderen die Rede, deren gewaltige Potenziale zur privatwirtschaftlichenBeobachtung und staatlichen Überwachung von Nutzern und Nutzergruppen mittlerweile aucheiner breiteren Öffentlichkeit bekannt sind. Demgegenüber steht der zweite große soziotechnische Umbruch, der unsere Gesellschaften seit den 1980er Jahren nachhaltig verändert, heute weit weniger im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit: die Etablierung und Folgen bio- und gentechnologischer Methoden und Verfahren, die die gezielte Analyse und Rekombination natürlicher Prozesse ermöglichen und seither das Verhältnis von Gesellschaft und Natur neu definieren.

Von diesen Veränderungen und den damit verbundenen Problemen handelt der schmale Band von Thomas Lemke, Soziologieprofessor an der Universität Frankfurt. Er bringt einen Originalbeitrag und sechs weitere, bereits publizierte Texte zum Thema zusammen, die für die vorliegende Veröffentlichung überarbeitet und aktualisiert worden sind. Die Texte sind teils theoretisch, teils problemorientiert angelegt und beschäftigen sich durchweg kritisch mit konzeptionellen Ansätzen zum Verhältnis von Sozialem und Natur bzw. mit negativen sozialen Folgen, die die Anwendung biotechnologischer Methoden und Verfahren mit sich bringen. Ihnen gemein ist die Annahme, „dass die Genese, Zirkulation und Anwendung biowissenschaftlichen Wissens und biotechnologischer Innovationen zu einer Neukonfiguration gesellschaftlicher Verhältnisse führt“ (S. 15).

Den Ausgangspunkt der einzelnen Beiträge bildet das in der Einleitung zum Ausdruck gebrachte und berechtigte Unbehagen darüber, dass die Natur (ebenso wie die Technik) bzw. das Verhältnis von Natur und Gesellschaft in weiten Teilen der Soziologie noch immer unterthematisiert sind. Werden sie überhaupt Gegenstand der Forschung, dann erfolge das entweder über naturalistische Konzepte, die sich in einer umweltdeterministischen Perspektive auf Anpassungsleistungen der Gesellschaft an ihre äußere Umwelt konzentrierten, oder im Rahmen soziozentrischer Ansätze, in denen Prozesse der sozialen Konstruktion der natürlichen Umwelt durch gesellschaftliche Wahrnehmungsformen im Mittelpunkt des Interesses stünden. Demgegenüber plädiert Lemke für einen „‚dritten Weg‘ jenseits von Naturalismus und Soziozentrismus“ (S. 14), der allerdings weder in der Einleitung noch in einem der anschließenden Aufsätze systematisch entwickelt und ausargumentiert wird.

1    Biopolitik, Biosozialität und politische Ökologie

Im Zentrum der eher theoretisch angelegten Aufsätze steht stattdessen die Darstellung und Auseinandersetzung mit verschiedenen konzeptionellen Ansätzen, die das durch biotechnologisches Wissen und Innovationen veränderte Verhältnis von Gesellschaft und Natur in der einen oder anderen Weise thematisieren: etwa mit der Actor-Network-Theory und dem Entwurf einer politischen Ökologie von Bruno Latour, mit Konzepten der Biopolitik und Biosozialität oder mit dem Begriff der biologischen Bürgerschaft. Darüber hinaus finden sich in dem Band auch Aufsätze, die konkreter auf problematische Folgen biotechnologischen Wissens und praktizierter Verfahren eingehen – so etwa zur genetischen Diskriminierung oder zu DNA-Abstimmungsgutachten in Einwanderungsverfahren.

Wenn von der Aufhebung von Dualismen und der Erfassung von symmetrischen Verhältnissen zwischen Sozialem, Technik und Natur die Rede ist, dann ist die Actor-Network-Theory (ANT) von Bruno Latour in der Regel nicht fern. Ein Aufsatz befasst sich denn auch mit dessen Vorstellungen von einem Parlament der Dinge und kann als gute, konzise und kritische Einführung in die ANT und deren Inkonsistenzen gelesen werden. Lemke kritisiert überzeugend deren begriffliche Unschärfen, die letztlich mangelnde Symmetrie zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren, deren signifikante Unterschiede dort nicht berücksichtigt würden und zu einer Nivellierung distinkter Handlungstypen führten sowie deren verkürzte Fassung des Politischen, in der Konflikte, Auseinandersetzungen und Machtfragen weitgehend ausgeblendet blieben.

Ähnlich verfährt Lemke in seiner Auseinandersetzung mit dem Begriff der Biosozialität, der Anfang der 1990er Jahre von Paul Rabinow in die Diskussion gebracht worden ist. Mit ihm sollte zum einen zum Ausdruck gebracht werden, dass sich insbesondere mit dem Human Genome Project ein epochaler Bruch ankündige, dessen Signatur eine immer stärkere Durchmischung von Lebensprozessen und Gesellschaft sei. Und zum anderen führe biologisches Wissen zu neuen Formen sozialer Identitäten, die sich aus dem zunehmenden Wissen über genetische Merkmale ergäben. Am Beispiel von Selbsthilfegruppen und Patientenvereinigungen kritisiert Lemke, dass Prozesse der Identitätsbildung dort nicht nur von Vorstellungen einer eindeutigen und fixen Biologie bestimmt würden, sondern zudem maßgeblich durch von Experten oder Medien transportierte Deutungsangebote geprägt seien, die dann von Individuen und Gruppen aufgegriffen würden.

2     Biologische Bürgerschaft, genetische Diskriminierung und DNA-Abstammungsgutachten

Darüber hinaus setzt sich Lemke, ebenfalls am Beispiel von Patientenvereinigungen und Selbsthilfegruppen, kritisch mit Konzepten der biologischen Bürgerschaft auseinander, „die Ansprüche auf Teilhabe an sozialen und politischen Prozessen und die Anerkennung individueller oder kollektiver Identitäten bezeichnen, deren konstitutive Grundlage in spezifischen biologischen und genetischen Merkmalen gesehen wird“ und die mit der „Einforderung von Rechten aufgrund biologischer Besonderheiten“ einhergehen (S. 41). Lemke weist auch hier überzeugend auf die damit verbundenen Gefahren hin: etwa auf neue Möglichkeiten der Stigmatisierung und Exklusion, neue medizinische Klassifikationssysteme, die Verwehrung von Versicherungsoptionen oder Lebenschancen auf der Grundlage genetischer Anomalien, der Re-Medikalisierung und Biologisierung menschlichen Verhaltens oder auf Tendenzen zur Individualisierung von Gesundheitsverhalten oder Reproduktionsentscheidungen.

Diese Kritik an den negativen Folgen biotechnologischen Wissens und biotechnologischer Verfahren wird in zwei weiteren problemorientierten Aufsätzen fortgeführt. Zum einen beschäftigt sich Lemke mit der Frage genetischer Diskriminierung, also der Ungleichbehandlung von Menschen aufgrund spezifischer genetischer Eigenschaften, und unterscheidet plausibel drei Dimensionen voneinander: erstens organisationale Diskriminierung, die etwa von Versicherungen, Arbeitgebern oder Behörden ausgeübt wird. Zweitens interaktionelle Diskriminierung, die die Betroffenen im Alltag als Ausschluss, Missachtung und Benachteiligung erfahren. Und drittens institutionelle Diskriminierung, die sich über hegemoniale gesellschaftliche Normen und Werte konstituiert und sich beispielsweise in Lebenswertzuschreibungen oder gesellschaftlichen Erwartungen an die Lebensführung der Individuen niederschlägt.

Zum anderen untersucht Lemke die Auswirkungen von DNA-Abstammungsgutachten in Einwanderungsverfahren und geht der Frage nach, wie sich ein derart auf die biologische Abstammung fokussiertes Prüfverfahren auf das Verständnis von Familie und Verwandtschaft auswirkt. Er zeigt, dass Immigranten, die einen Antrag auf Familiennachzug stellen, bei aller formellen Freiwilligkeit faktisch gezwungen werden, sich auf ein DNA-Abstammungsgutachten einzulassen und wie dadurch ihr Recht auf informationelle Selbstbestimmung zugunsten einer Fremdkontrolle ihrer genetischen Daten ausgehebelt wird. Darüber hinaus kritisiert er, dass damit der Familienbegriff in der Einwanderungspraxis wieder auf biologische Merkmale und auf längst überwunden geglaubte Vorstellungen von einer Abstammungsgemeinschaft reduziert wird.

Alle theoretischen bzw. problemorientierten Texte, die der Band versammelt, sind jeder für sich interessant und gut lesbar – auch, weil Lemke es versteht, sowohl die aufgegriffenen Konzepte etwa der Biopolitik, Biosozialität und politischenÖkologie als auch konkrete Probleme wie das der genetischen Diskriminierung nicht nur luzid darzustellen, sondern zugleich einer systematischen und gut nachvollziehbaren Kritik zu unterziehen. Was freilich fehlt ist ein bilanzierender und weiterführender Schlussaufsatz, der auf der Grundlage der in den Aufsätzen ausgelegten Fährten die eingangs angemahnte Entwicklung eines dritten Weges der Integration von Gesellschaft und Natur jenseits naturalistischer und sozio-zentrischer Herangehensweisen genauer theoretisch-konzeptionell ausgearbeitet hätte. So bleibt es bei durchaus interessanten Puzzleteilen aus Konzepten, Problemen und Kritik, die auch am Schluss nicht zu einem Gesamtbild zusammengefügt werden.