Institut für Weltwirtschaft: Moderne Biotechnologie in Deutschland: Zukunft ohne Grenzen?

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Institut für Weltwirtschaft: Moderne Biotechnologie in Deutschland: Zukunft ohne Grenzen?

Seit geraumer Zeit klagen Unternehmensvertreter und Forscher über die Qualität des Standorts Deutschland in der modernen Biotechnologie. Der Gesetzgeber hat auf diese Klagen im Jahr 1993 mit einer Lockerung des Gentechnikgesetzes reagiert. Ob die Wettbewerbsposition Deutschlands in der modernen Biotechnologie in der Tat Anlaß zur Sorge gibt und inwieweit die Änderung des Gentechnikgesetzes die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Forschung und Unternehmen erhöhen kann, war Gegenstand einer Analyse des Instituts für Weltwirtschaft.

Hohe Innovationsfähigkeit, aber mangelhafte Umsetzung

Die Analyse des Autors verdeutlicht, daß der Standort Deutschland, gemessen an den Patentanmeldungen, eine hohe Innovationsfähigkeit in der modernen Biotechnologie aufweist. Eine eher schleppende Umsetzung anwendungsnaher Forschungsergebnisse in wirtschaftlich verwertbare Produktionsmethoden und Produktlinien, eine im internationalen Vergleich unterdurchschnittliche Spezialisierung auf den Bereich der modernen Biotechnologie sowie Forschungs- und Produktionsverlagerungen deutscher Unternehmen in das Ausland weisen jedoch auf einzelne Standortschwächen hin.

Gemessen an den Patentanmeldungen pro Million Erwerbstätige nimmt Deutschland eine Spitzenstellung in der modernen biotechnologischen Forschung und Entwicklung ein. Diese erwies sich in den achtziger Jahren als innovationsfähiger als etwa die in den Vereinigten Staaten, in Japan oder in dem Vereinigten Königreich. Jedoch zeigt ein Blick auf die Patentanmeldungen in den Technologiefeldern auch außerhalb der Biotechnologie, daß sich die Forschung in Deutschland bei weitem noch nicht so stark auf den Bereich der modernen Biotechnologie spezialisiert hat, wie es in den Vereinigten Staaten und im Vereinigten Königreich der Fall ist. Vor allem weist Deutschland noch in den Technologiefeldern eine ausgeprägte Spezialisierung auf, die weltweit bereits unter einem starken Substitutionsdruck der modernen Biotechnologie stehen (Pharmazeutika, Agrarchemie, sonstige Chemikalien). Offensichtlich bereitet hier der Übergang von den konventionellen zu den technisch fortgeschrittenen Technologiefeldern Schwierigkeiten. Dies wird auch daran deutlich, daß alle wissenschaftlichen Entdeckungen und Entwicklungen, die allgemein als "Durchbrüche" in der gentechnologischen Forschung gewertet wurden, ihren Ursprung in den Vereinigten Staaten oder im Vereinigten Königreich hatten.

Die amerikanische Überlegenheit findet ihr Spiegelbild in der wirtschaftlichen Umsetzung anwendungsbezogener Forschungsergebnisse. Im Pharmabereich der Vereinigten Staaten, auf den sich etwa zwei Drittel der amerikanischen biotechnologischen Forschungsaufwendungen konzentrieren, befinden sich 130 im Inland entwickelte gentechnologisch produzierte Medikamente in der klinischen Testphase. In Japan sind es 80, in Deutschland ganze 4 Medikamente. Auch im Landwirtschafts- und Nahrungsmittelsektor zeigt sich ein ähnliches Bild. Denn auf der wichtigsten Entwicklungsstufe vor der Marktreife, den Freilandversuchen, nehmen die Vereinigten Staaten und Kanada eine dominierende Position ein. Während in den Vereinigten Staaten bisher etwa 360 und in Kanada etwa 320 Freisetzungen registriert wurden, sind es in den führenden europäischen Ländern - Belgien, Frankreich, den Niederlanden und dem Vereinigten Königreich - insgesamt nur ungefähr 230. In der Bundesrepublik gibt es bisher gar nur drei Freilandversuche. Bedenklich im Hinblick auf die Wettbewerbsposition des Standorts Deutschland stimmt auch die Tatsache, daß 75 vH aller Investitionen deutscher Unternehmen im Bereich der modernen Biotechnologie im Ausland getätigt werden. Vor allem Standorte in der Nähe renommierter Universitäten in den Vereinigten Staaten üben eine magische Anziehungskraft auf deutsche Unternehmen aus.

Gentechnikgesetz ist nicht alles

Diese Probleme des Standorts Deutschland werden in der wirtschaftspolitischen Diskussion häufig auf ein Übermaß staatlicher Regulierungen in der biotechnologischen Forschung und Produktion zurückgeführt. Insbesondere das Gentechnikgesetz aus dem Jahr 1990 wird als Hemmschuh der biotechnologischen Entwicklung angesehen. Von der im Jahr 1993 vorgenommenen Änderung des Gentechnikgesetzes erhoffte man sich daher eine Belebung der biotechnologischen Aktivitäten in der Bundesrepublik.

Stehn zeigt jedoch, daß die Änderung des Gentechnikgesetzes lediglich eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für eine Verbesserung der Wettbewerbsposition Deutschlands in der modernen Biotechnologie darstellt. Denn der Wettbewerbsvorsprung der Vereinigten Staaten in der Umsetzung grundlegender Forschungsergebnisse in wirtschaftlich nutzbare Anwendungsverfahren und Produkte ist nicht ausschließlich auf eine geringere Regulierungsintensität im Bereich der modernen Biotechnologie zurückzuführen. Entscheidenden Anteil hieran haben vor allem kleinere gentechnische Unternehmen, die zumeist von ehemaligen Wissenschaftlern renommierter Forschungsinstitute gegründet wurden. Für die Entwicklung spielen, neben dem relativ leichten Zugang zu Risikokapital, vor allem die Anreizstrukturen in der amerikanischen Hochschullandschaft eine bedeutende Rolle. Aufgrund der hohen Abhängigkeit der Hochschulforschung von Stiftungsgeldern und Drittmitteln aus der Industrie und der daher nur in begrenztem Ausmaß zur Verfügung stehenden Planstellen an den staatlichen Universitäten bestehen dort hohe Anreize, eine selbständige Unternehmertätigkeit auf Basis der eigenen Forschung der Universitätslaufbahn vorzuziehen. Ein deutlicher Ausdruck für diese Entwicklung sind die im Umfeld der renommierten Universitäten aus dem Boden schießenden Technologieparks. Zu beachten ist auch, daß die auf Einzelgesetzen beruhende Regulierungspraxis in den Vereinigten Staaten zwar die Errichtung von Produktionsanlagen und die Freisetzung von gentechnisch veränderten Organismen weniger behindert als die Vollzugspraxis des Gentechnikgesetzes in der Bundesrepublik, aber diese Vorteile durch das strenge amerikanische Produkthaftungsrecht zumindest teilweise kompensiert werden.

Die Vollzugspraxis der gentechnologischen Verordnung durch die Bundesländer und der Grad der gesellschaftlichen Akzeptanz der Gentechnologie werden neben der Ausgestaltung der deutschen Forschungslandschaft letztlich darüber entscheiden, welchen Platz Deutschland im weltweiten Wettbewerb in diesem relativ jungen Technologiefeld einnehmen wird.

(Quelle: Kieler Kurzberichte aus dem Institut für Weltwirtschaft, Juli 17/95)

Bibliographische Angaben

Jürgen Stehn: "Moderne Biotechnologie in Deutschland: Zukunft ohne Grenzen?". In: Die Weltwirtschaft, 1995, Heft 2. Insgesamt ca. 100 S., DM 30,--. Verlag J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), Postfach 2040, D-72010 Tübingen.