Schwerpunktthema: MULTIMEDIA

Schwerpunktthema: Multimedia

Überblick: MM + NII = IG: Versuch einer Annäherung an drei Unbekannte

von Knud Böhle (ITAS)

Selbst wenn man der Kürze wegen von Multimedia redet, ist stets mitzudenken, daß dieses Schlagwort nicht isoliert steht, sondern mit noch anderen daherkommt. Vor allem Nationale Informationsinfrastruktur und Informationsgesellschaft haben Konjunktur in der gegenwärtigen politischen und wissenschaftlichen Debatte. Nach der Formel MM + NII = IG werden Multimedia-Anwendungen zur technisch und ordnungspolitisch verstandenen Informationsinfrastruktur addiert und im Resultat erscheint die Informationsgesellschaft. Diese simplistische Gleichung ist zwar nicht belastbar, vermag aber die Breite des Schwerpunktthemas zu verdeutlichen. Der hier eingenommene spezifische Blickwinkel ist naheliegend auf TA- und verwandte Aktivitäten gerichtet. In dieser Einführung wird zu Beginn ein kurzer Überblick über die Beiträge zum Schwerpunktthema gegeben, bevor durch Zusammentragen einiger Beobachtungen versucht werden soll, einen ersten, subjektiv gefärbten Eindruck von der Multimedia-Diskussion, wie sie derzeit in der Fachöffentlichkeit geführt wird, zu vermitteln.

Überblick über die Beiträge zum Themenschwerpunkt

Zunächst werden Ergebnisse aus drei von parlamentarischen TA-Einrichtungen jüngst fertiggestellten Studien vorgestellt: Michael Norten von POST verdeutlicht die Spezifika der NII in Großbritannien, Ulrich Riehm (ITAS) präsentiert thesenhaft kritische Ergebnisse der TAB-Studie zu Multimedia und David Wye vom OTA schreibt zur Bedeutung "drahtloser" Kommunikationstechniken und dienste für die NII in den USA. Zu den unlängst von STOA (Scientific and Technical Options Assessment), der TA-Einrichtung des Europäischen Parlaments, ausgeschriebenen Projekten zur Informationsgesellschaft befragten wir Christine Wennrich, STOA-Scholar und derzeitige EPTA-Koordinatorin (European Parliamentary Technology Assessment).

Danach bleiben wir noch im parlamentarischen Raum, verengen den Blick allerdings auf die Bundesrepublik Deutschland. Gerhard Vowe von der Freien Universität Berlin, der schon über frühere Enquêtekommissionen geforscht hat, liefert eine Einschätzung der Möglichkeiten der Enquêtekommission "Zukunft der Medien in Wirtschaft und Gesellschaft - Deutschlands Weg in die Informationsgesellschaft", über deren Einsetzung der Deutsche Bundestag nach der Sommerpause beschliessen wird. Im Anschluß daran machen wir die Leser der TA-Datenbank-Nachrichten mit dem Fragenkatolog der öffentlichen Anhörung bekannt, die der Post- und Fernmeldeausschuß am 20.9.1995 veranstaltet - unsere Auswahl von 10 Fragen mag als Härtetest verstanden werden.

Dann verengen wir die Perspektive auf das Land Baden-Württemberg. Für einen Bericht zur dortigen Multimedia-Enquêtekommission, der auch eine erste Bewertung der Arbeit der Kommission enthält, konnten wir den Vorsitzenden der Enqu_etekommission, Hans Dieter Köder MdL gewinnen. Gerhard Fuchs und Hans-Georg Wolf von der Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg stellen die Konzeption der Begleitforschung zum Pilotprojekt "Multimediale Dienste in Baden-Württemberg", das voraussichtlich Anfang 1996 starten wird, vor. Welf Schröter, Leiter des Forum Soziale Technikgestaltung beim DGB Baden-Württemberg, skizziert das auf zwei Jahre angelegte Multimedia-Vorhaben "Datenautobahn Baden-Württemberg: Interessen und Chancen für Nutzer, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer". Wer die Artikel aufmerksam liest, wird feststellen, wie eng verzahnt die hier nacheinander angesprochenen Aktivitäten in Wirklichkeit sind.

Nach den Berichten aus der Region wird zum Schluß die Perspektive wieder aufs Äußerste geweitet, um den "Kulturraum Internet" in den Blick zu bekommen. Der Beitrag von Ute Hoffmann vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) thematisiert "Netzkultur und Selbstorganisationsprozesse im Internet" und gibt darüber hinaus Auskunft über die Vorhaben der Projektgruppe Kulturraum Internet.

Ergänzt werden die Artikel durch drei Rezensionen und eine Reihe neuerer Meldungen in der Nachrichtenrubrik. Wie jeder sich denken kann, der den Boom des Themas mitverfolgt, mit mannigfaltigen Aktivitäten auf allen Ebenen - von G7 bis SO36, von den "high level experts" bis zu den "grass roots" -, können in diesem Heft nur einige wenige, wie wir denken aktuelle, spannende und wichtige Ausschnitte beleuchtet werden.

Multimedia: Haßwort, Buzzword, Chiffre

Unlängst schrieb die Süddeutsche Zeitung "Kaum ein Wort wird derzeit so strapaziert, kaum eine Woche vergeht, in der nicht irgendwo eine Tagung dazu läuft - wie derzeit in Heidelberg" und kürte Multimedia kurzerhand zum "Haßwort der Woche" (SZ 135, 14/15.6.1995, S.40). Auslöser war der Deutsche Multimedia Kongreß '95, eine Galavorstellung des "Multimedia-Wanderzirkus", der sich inzwischen etabliert hat. Jürgen Rüttgers und Peter Glotz traten ebenso auf wie Hagen Hultzsch (Vorstand Telekom), Mark Wössner (Vorstandsvorsitzender Bertelsmann), Thomas Middelhoff (Vorstand Bertelsmann) und Hubert Burda, um nur einige zu nennen. Dieses Ereignis wird auch noch Stoff für die nachfolgenden Bemerkungen liefern.

In der Tat wird ein "buzzword" wie Multimedia schnell zum Haßwort. Aber das ändert wenig daran, daß selbst wenn aus dem Modewort demnächst die Luft raus ist, der sozio-technische Wandel für den es steht und die damit einhergehenden Problemstellungen, noch auf der politischen Tagesordnung stehen. Man tut also gut daran, Multimedia als Chiffre zu behandeln, ein Gebrauch übrigens, der wie Vowe und Beck in ihrem Gutachten für das TAB 1 herausstellen, auch die Multimedia-Berichterstattung in den Medien kennzeichnet. Es kommt allerdings darauf an, die Chiffre nicht einfach stehen zu lassen, sondern zu dechiffrieren, um Klartext zu bekommen.

Ob man das Wort nun haßt oder nicht, einige notwendige Differenzierungen sind anzubringen. Obwohl Medienintegration (mindestens ein dynamisches Medium sollte dabei sein) und interaktive Mediennutzung - beides durch den Computer ermöglicht - als harte Kriterien einer jeden Multimediadefinition weithin anerkannt werden, stößt man doch schnell auf Versuche, die Definition zu unterlaufen. Obwohl Online-Datenbanken, E-mail, EDI-Datenaustausch, Newsgroups und auch die meisten anderen Internet-Dienste noch selten über Text hinausgehen, laufen sie häufig in der Multimediadiskussion mit. Fraglich ist auch, ob das sogenannte interaktive Fernsehen (iTV) tatsächlich unter Multimedia fällt, wenn die Interaktivität nicht über das Auswählen und Anfordern nicht-interaktiver Medien ("Video on Demand") hinausgeht.

Ist der Begriff Multimedia, wie gezeigt, für manche Anwendungen ein Kaliber zu groß, so greift er andererseits auch eindeutig zu kurz, um wichtige Entwicklungen mit abzudecken. Solange der Begriff eine so starke Betonung auf Medium mitführt, im Sinne von Massenmedium (auch noch als individualisiertes Massenmedium), erfaßt er zum einen nicht zureichend die zunehmend durch Telepräsenz gekennzeichnete "direkte" Kommunikation im Netz (z.B. Videokonferenzen, MUDs) und zum anderen nicht die Formen der Arbeit im Netz - vom Bankgeschäft bis zum CSCW (computer supported cooperative working). Arbeit und "direkte" Kommunikation sprengen den an den klassischen Medien ausgebildeten Medienbegriff und damit auch den Multimediabegriff. Unter der Hand wechselt dabei das Medienkonzept von der Vorstellung konkreter Medienangebote zum Ambiente - das elektronische Medium als Lebenselement für Arbeit und Kommunikation.

Wenn es um alle Themen gehen soll, die etwas mit "Datenfernübertragung" zu tun haben - und nicht nur, überspitzt formuliert, um interaktive Computerspiele auf CD-ROM -, müßte man den strengen Multimediabegriff eigentlich fallen lassen oder, wie es tatsächlich geschieht, ihn so ausweiten, daß alle digitalen Medien mit (potentiellem) "Rückkanal" darunter ebenso subsumiert werden können wie alle möglichen mono- und multimodalen Formen der Telekommunikation und Telekooperation. Als "echt" multimedial wäre dabei vielleicht nur die technologische Spitze der Pyramide zu bezeichnen, die aus Interaktionen mit höchsten Echtzeitanforderungen besteht. Parallel dazu stünde NII dann für das Gesamt der Informationsinfrastruktur, wobei die breitbandigen Dienste auf den "Information Superhighways" die Spitze bilden.

Es sieht so aus, als habe eine Zeitlang tatsächlich nur die Spitze der Pyramide die Diskussion beherrscht, während sich heute der schmalbandige Bereich wachsender Aufmerksamkeit erfreut. Das mag an ersten Enttäuschungen über das "interaktive Fernsehen" und Erfolgen der Datenkompression liegen, die die Unabdingbarkeit von Breitbandnetzen für viele kommerzielle Anwendungen infrage stellen. Das liegt aber mit Sicherheit auch an der Popularität des Internet und findet in der steigenden Welle von Online-Diensten wie CompuServe, Bertelsmann Online, Europe Online etc. seinen Ausdruck. Einschätzungen, die auf dem Deutschen Multimediakongreß '95 zu hören waren, bestätigen das. Mit einer Verbreitung von iTV wird nicht mehr vor dem Jahr 2005 gerechnet und zuvor müssen noch Milliardeninvestitionen getätigt werden - Bernd Kundrun, Chef von Premiere, sprach von sieben Milliarden DM, um bis 2005 zwischen 5 und 8 Millionen Menschen in der Bundesrepublik Deutschland mit iTV versorgen zu können. Die Aufbaukosten für ein landesweites, interaktives Breitbandnetz liegen nach neueren Schätzungen noch erheblich höher, bei mehr als 200 Milliarden DM. Folgerichtig hat sich auch die Branche umorientiert. Fernsehzuschauer gelten nun als die falschen Adressaten für interaktive Angebote und PC-Nutzer als entsprechend geeignet.

Wir wollen das Schwerpunktthema nicht unzulässig auf einige Multimedia-Anwendungen und iTV verkürzen. Genaugenommen scheint das Thema sogar die "ganze Welt" zu sein, wie ein Blick auf die Agenda der Informationsgesellschaft zeigen kann.

Agenda der Informationsgesellschaft

Inzwischen gibt es eine Vielzahl von Dokumenten, denen mehr oder weniger vollständig, mehr oder weniger unterschiedlich akzentuiert, die Agenda der Informationsgesellschaft entnommen werden kann. Ob man die Liste der auf der G7-Konferenz beschlossenen Pilotprojekte (vgl. dazu im Internet http:// www.ispo.cec.be/ispo/ispo.html) heranzieht, die STOA-Projekte zur Informationsgesellschaft (vgl. den Vorspann zum Interview mit Christine Wennrich), die Liste der Diskussionspapiere des Information Society Forums (vgl. wieder http://www.ispo.cec.be/ispo/ispo. html), die Schlußfolgerungen und Vorschläge im TAB-Multimedia-Bericht (der in diesem Heft vorgestellt wird), den Fragenkatalog zur Anhörung "Multimediale Kommunikation" (der auszugsweise in diesem Heft abgedruckt ist) oder den gemeinsamen Antrag der SPD und der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen zur Einsetzung einer Enquêtekommission (vgl. Artikel von Vowe in diesem Heft), immer wieder tauchen ähnliche Fragen auf. Die Fülle der Fragen, die der telematische Umbau der Gesellschaft aufwirft, ist beeindruckend. In Stichworten (ohne Anspruch auf Vollständigkeit): Globalisierung der Wirtschaft, internationale Wettbewerbsfähigkeit, internationale Arbeitsteilung, Folgen für die Dritte Welt; Deregulierung, Folgen der Deregulierung (neue Monopole?), Re-Regulierung; Standards, Interoperabilität; Rationalisierungspotential, Beschäftigungseffekte, Qualifikation, Sozialpolitik, Arbeitsrecht; Bildungs- und Erziehungsbereich, Medizin und Gesundheitswesen, Verkehr, Umwelt, öffentliche Verwaltung, Kultur (Museen, Bibliotheken etc.); Förderpolitiken für Regionen, Branchen, KMU, Anwendungen, Forschung; Medien- und Rundfunkrecht, Datenschutz, Datensicherheit, informationelle Selbstbestimmung, Urheberrecht, Verbraucherschutz, Jugendschutz, Presse- und Informationsfreiheit, Meinungsvielfalt, Demokratisierungspotential.

Diese Fragen sind auf dem Tisch und müssen nach und nach (im Wettlauf mit der technischen Entwicklung) abgearbeitet werden; einige davon, denen eine besondere politische Brisanz innewohnt, sollen noch kurz herausgestellt werden.

- Die Debatte um die Grundversorgung ("universal service") hat begonnen und wird auch nach dem am 8.8.1995 vorgelegten Referentenentwurf für die Neuordnung des Telekommunikationsmarktes weitergehen, der zwar Universaldienstleistungen festlegt, aber noch nicht im Hinblick auf künftige Multimediadienste.

- Ähnlich offen und am Anfang wie diese Debatte ist auch die Frage, ob die öffentliche Verwaltung die ihr manchmal zugedachte Vorreiterrolle und Katalysatorfunktion zur schnellen Herbeiführung der Informationsgesellschaft übernehmen wird.

- Mit Spannung darf man auch Durchführung, Koordination und Schlußfolgerungen aus den Pilotprojekten erwarten, die bereits in die Kritik geraten sind, bevor sie recht begonnen haben. Heinz Thielmann von der GMD warnte auf dem Multimediakongreß vor "herbeigeredeten" Pilotprojekten, "denen möglicherweise eine tiefe Ernüchterung folgt"2 und Thomas Middelhoff polemisierte gegen Pilotprojekte - ungeachtet der Beteiligung von Bertelsmann an einigen davon -, in denen Alternativen zum Videoverleih (also: "video on demand") erprobt würden. Diese Kritik ist zwar derzeit en vogue, erübrigt aber keinen differenzierten Blick auf die Feldversuche. Die Verschiebung des geschäftlichen Interesses an Multimedia vom Breitband- zum Schmalbandsegment macht allerdings mit Sicherheit ein Überdenken der Anlage mancher Projekte nötig. Denn was nützt es, die Nachfrage nach Anwendungen von übermorgen zu ermitteln, wenn CD-ROM, Internet und Online-Dienste die Gegenwart bestimmen? Eine Standortpolitik, die an breitbandiger Vernetzung festhalten will, wird auf Schwierigkeiten stoßen, sich der legitimierenden Nachfrage des privaten Konsums zu versichern. Der forcierte, vom Rat für Forschung, Technologie und Innovation geforderte Ausbau des DFN zu einem Breitbandnetz 3 ist vielleicht schon ein Indiz, wieder stärker den Wissenschaftsbereich und andere berufliche Anwendungsfelder zum Zugpferd der breitbandigen Entwicklung zu machen.

- Weiter wird zu beobachten sein, ob die Rhetorik von Demokratisierung und Teilhabe, die im Zusammenhang mit Multimedia und Informationsinfrastruktur hochgekommen ist, nur kurzzeitig Hoffnungen wecken soll, die dann nach der Etablierung der Nationalen Informationsinfrastruktur wieder begraben werden, oder ob die Verheiüngen, die so alt sind wie die "Rückkanaldebatte", konkrete Gestalt annehmen werden.

Die letzte Frage läßt sich dahingehend erweitern, was denn überhaupt von der telematischen Umgestaltung der Gesellschaft zu erwarten ist; sie ist gleichbedeutend mit der Frage nach der Kritik der Informationsgesellschaft. Mit der Lage der Kritik beschäftigt sich der letzte Abschnitt dieser Einführung.

Kritik und Gestaltung

Nach Hegel ist Freiheit die Einsicht in die Notwendigkeit und aktuell tritt als solche Notwendigkeit offenbar die Informationsgesellschaft auf, die auf uns zukommt, nicht verhindert, aber mitgestaltet werden kann. Aus dem Munde Jürgen Rüttgers: "Multimedia-Technologien bilden zusammen mit der neuen Hochleistungs-Kommunikationstechnik das Rückgrat der sich formierenden Informationsgesellschaft. Wer meint, eine moderne Gesellschaft habe die Wahl, auf diese Techniken und Dienste zu verzichten, der ist in meinen Augen ein Träumer. Ganz gewiß aber haben wir die Option, die neue Technik und ihre Anwendungen mitzugestalten."4 Diese Einschätzung wird weithin geteilt und es läßt sich keine ernstzunehmende Kritik ausfindig machen, die dagegen ankäme.

"Die Kritik an der Informatisierung ist weitgehend verstummt", muß Ute Bertrand im Publik-Forum feststellen und hinzufügen, daß - sinngemäß - selbst als Kritiker bekannte Wissenschaftler zur Gestaltungsfraktion übergelaufen sind.5 Die Grünen machen gar keinen Hehl daraus, daß sie heute auf "ökosoziale Gestaltung der IuK-Techniken" setzen und den früheren Widerstand aufgegeben haben.6 Der DGB fordert "offensive Gestaltung der Chancen des information highway" (zit. nach Welf Schröter in diesem Heft) und SPD und Bündnis 90/Die Grünen fordern die Einsetzung einer Multimedia-Enquête um, wie es im Antrag heißt, "... die großen Chancen der Informationsgesellschaft für Bürger und Wirtschaft umfassend zu nutzen und ihre Risiken zu bewältigen... ".7 Kritiker wie Doris Kretzen und Dieter Plehwe vom Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die von "sogenannter" Informationsgesellschaft oder von "Desinformationsgesellschaft" sprechen und sich von künftigen Diskussionen erhoffen, daß sie sich "auf jeden Fall nicht auf die nachträgliche 'Mitgestaltung' der ins Rollen gebrachten angeblich unvermeidlichen Entwicklung konzentrieren"8, geraten, um es mit einem Modewort zu sagen, in einen performativen Widerspruch, denn der Gestus stimmt mit den Argumenten des stichhaltigen Artikels nicht überein, der ein einziges Plädoyer für Mitgestaltung (aus einer emphatisch demokratischen, gewerkschaftsnahen Position) ist.

Da "Informationsgesellschaft" (ebenso wie Multimedia) eine Chiffre für den sozio-technischen Wandel insgesamt ist, mit Chancen und Risiken, taugt der Begriff weder zum positiven Leitbild noch zum Kampfbegriff. Davon unberührt bleibt, daß die Verteilung von Chancen und Risiken recht unterschiedlich beurteilt werden kann. Die Anerkennung von Chancen und Risiken einerseits und von Handlungs- bzw. Gestaltungsspielräumen andererseits impliziert den Abschied von Planungs- und Steuerungsillusionen. Die neue Losung heißt Gestaltung und die Gefahr besteht, daß sie zur Leerformel verkommt. TA kann ein Mittel dagegen sein.

Das hohe Maß an Offenheit und Unwägbarkeiten, das schon die Genese der Informationsgesellschaft kennzeichnet, steigt für die langfristigen Folgen noch an, wie jeder mit den "typischen Strukturen ungeplanter Evolution selbstreferentieller Systeme"9 Vertraute weiß.

Die Schwierigkeit, das Neue zu denken, zeigt sich nicht nur an der Wiederauflage früherer Auseinandersetzungen (z.B. informierte vs. desinformierte Gesellschaft), sondern am gesamten Begriffsinventar, das sich in bemerkenswertem Ausmaß aus Konzepten der späten 60er und frühen 70er Jahre speist, die verbraucht schienen und nun eine Art informatischer Verjüngungskur erfahren. Auf einmal ist wieder von bürgernaher Verwaltung, mehr Lebensqualität und mehr Demokratie die Rede. Dahinter mag teilweise der ernsthafte Versuch stehen, alte demokratiepolitische Vorstellungen auf die Tagesordnung zu setzen und im Wandlungsprozeß Geltung zu verschaffen - nicht selten wird mit diesen alten Konzepten aber eine aufgesetzt wirkende Rhetorik betrieben, wenn z.B. aus der Online-Verfügbarkeit "weltberühmter Sammlungen" am Bildschirm "eine immense Steigerung der Lebensqualität" abgeleitet wird.10 Gegen diese Wohnzimmeridylle der Informationsgesellschaft hilft vielleicht ein kühler Satz des Seybold Report zu den Vorteilen des Distance-Learning: "Neighborhoods that a teacher might fear to enter in person could still be served."11

Auch die Hoffnungen auf mehr Demokratie - ohne Politisierung - qua Technik möchte ich, die Einführung abschließend, doch noch kurz mit einigen Fragezeichen versehen. Gilt etwa nicht, was Niels Werber im Merkur unter dem Titel "Neue Medien, alte Hoffnungen" schreibt? "Die Differenzierung der Systeme ist härter als die der Medien. Alle Systeme nutzen nach ihren spezifischen Bedingungen die neuen Techniken als Kommunikationsmedien, ohne um ihre Identität fürchten zu müssen."12 Belegt das nicht sogar die Realität des Internet, in dem laut Rainer Rilling radikal demokratische Angebote nur ein Nischendasein führen?13 Ist es ein Gegenbeweis, daß an Jürgen Rüttgers über 100.000 E-mails in zwei Monaten geschickt wurden, seit das BMBF im Internet vertreten ist? 

Anmerkungen

1 Vowe, G. und Beck, K.: Multimedia in der Sicht der Medien. Gutachten im Auftrag des TAB. Berlin: 1995.

2 Tiehlmann, H.: Multimediale Formen der Telekooperation und der Teleheimarbeit. In: Glowalla, U. u.a. (Hrsg.): Deutscher Multimedia Kongreß '95. Auffahrt zum Information Highway. Berlin u.a.: Springer, 1995.

3 Gemeinsame Pressemitteilung des BMBF und des BMPT vom 6.7.1995. Freie Fahrt auf der Datenautobahn der Wissenschaft.

4 Rüttgers, J.: Vortrag auf dem Symposion "Telekommunikation und Datenvernetzung als Herausforderungen für Gesellschaft und Recht", abgedruckt in Bulletin 27. Juni 1995, Nr. 52, S. 469-473.

5 Bertrand, U.: Im Netz der Illusionen. Politik-Forum, 7/1995 (7. April 1995), S. 6-8.

6 Kiper, M.: Stellungnahme zum TAB-Bericht Multimedia. Wissenschaftliche Pressekonferenz - Hintergrundpapier vom 1. Juli 1995.

7 Antrag der Fraktionen SPD und Bündnis 90/Die Grünen. Einsetzung einer Enqu_ete-Kommission "Zukunft der Medien in Wirtschaft und Gesellschaft - Deutschlands Weg in die Informationsgesellschaft". Bundestagsdrucksache 13/1782 (23. Juni 1995).

8 Kretzen, D.; Plehwe, D.: Gesellschaft am Gipfel. Reisebericht zu Visionen und Kritik der 'Informationsgesellschaft'. Forum Wissenschaft 1/1995 (22. März 1995).

9 Luhmann, N.: Kommunikationsweisen und Gesellschaft. In: Rammert, W. und Bechmann, G. (Hrsg.): Technik und Gesellschaft. Jahrbuch 5. Frankfurt/New York: Campus, 1989, S. 11-18.

10 Hultzsch, H.: Interactive Video Services. In: Glowalla, U. u.a. (Hrsg.): Deutscher Multimedia Kongreß '95. Auffahrt zum Information Highway. Berlin u.a.: Springer, 1995, S. 64-68.

11 Craig, E. u.a.: Digital World '95. It's the Point of View. The Seybold Report on Desktop Publishing 9(1995)11, S. 3-17.

12 Werber, N.: Neue Medien, alte Hoffnungen. Merkur 47(1993) 9/10, S. 886-893.

13 Rilling, R.: On the other Side of the Web. Forum Wissenschaft 1/1995 (22. März 1995).