"Der Blick in die Zukunft" - Phase II des TA-Programms Schweiz

TA-Institutionen und -Programme

"Der Blick in die Zukunft" - Phase II des TA-Programms Schweiz

Unter etwas veränderten Rahmenbedingungen hat der Schweizerische Wissenschaftsrat (SWR) 1996 eine zweite, vierjährige Etappe des TA-Programms in Angriff genommen. Insbesondere ist es in der Themenwahl nicht mehr an die Schwerpunktprogramme des Bundes gebunden [siehe TA-Datenbank-Nachrichten Nr. 1, Februar 1993]. Die Fragestellungen können nun direkter an der politischen Agenda ausgerichtet werden, womit das TA-Programm seiner Aufgabe im politischen Entscheidungsprozeß besser gerecht werden kann. Die Unterstützung der öffentlichen Debatte ist eines der wichtigen Anliegen für die nun anbrechende Phase des TA-Programms.

In der Botschaft über die Förderung der Wissenschaft in den Jahren 1996 - 1999 vom 28. November 1994 unterbreitete der Bundesrat den Vorschlag, daß der Wissenschaftsrat den TA-Stab für weitere vier Jahre fortführen solle. Nach der Zustimmung von National- und Ständerat im vergangenen Jahr, ist im Januar für das TA-Programm die nächste Phase angelaufen. Der Übergang gestaltet sich natürlich fließend: die Vorbereitungsarbeiten für die Phase II wurden ebenso selbstverständlich noch 1995 an die Hand genommen, wie die laufenden TA-Studien aus der Pilotphase seriös zu Ende geführt werden.

Keine Forschungsförderung, sondern Hilfe im politischen Entscheidungsprozeß

Die enge Kopplung an die Schwerpunktprogramme und der Ausschreibungsmodus für die erste Serie von TA-Studien, der sich teilweise am Vorbild der Nationalfonds-Ausschreibungen orientierte, mögen bei zahlreichen ForscherInnen falsche Erwartungen geweckt haben. Es war indes nie Aufgabe des TA-Programms, die Forschung zu unterstützen. TA-Studien haben vielmehr das Material für fundierte politische Entscheide zu liefern, wenn es um die allfällige Förderung oder um die gesetzgeberische Reglementierung neuer Technologien geht. Mit Blick auf die zuweilen überstürzten politischen Ereignisse ist eine entsprechend hohe Reaktionsfähigkeit des TA-Programms gefordert. Neutralität und Unabhängigkeit in der Wahl von Fragestellungen, Methoden und Experten sind eine wichtige Voraussetzung, damit TA diese Aufgaben erfüllen kann. Zudem soll das Programm die öffentliche Diskussion über Wissenschaft und Technik anregen.

Öffentliche Debatte

Erste Priorität für die Festlegung eines TA-Untersuchungsgegenstandes liegt auf seiner Relevanz in der politischen Diskussion. Damit soll letztlich auch der Vorgabe entsprochen werden, wonach Technologiefolgen-Abschätzung in der Schweiz den "kontinuierlichen und umfassenden Dialog zwischen der Öffentlichkeit, der Politik und ihren Entscheidungsträgern sowie der Wissenschaft und Forschung ... schon im vorpolitischen Raum zu initiieren, zu fördern und zu versachlichen" hat, so der Zwischenbericht über den Stand des "TA-Programms" von 1994.

Während in der Versuchsphase vornehmlich Grundlagenmaterial zu verschiedenen drängenden Fragen aufgearbeitet wurde, geht es nunmehr in erster Linie darum, diese Informationen zu verbreiten und in den gesellschaftlichen Entscheidungsprozeß einzuspeisen.

So wollen die TA-Verantwortlichen unter anderem auch den Kontakt zum Parlament als oberste Vertreterin der Öffentlichkeit weiter verstärken, damit TA seine Aufgabe als Hilfsmittel der politischen Entscheidungsfindung besser erfüllen kann. Beispielsweise ist vorgesehen, daß TA-Studien fallweise auch auf Anfragen oder Anregungen von ParlamentarierInnen initiiert werden. Des weiteren sollen natürlich auch Presse, Radio und Fernsehen weiterhin als Kanäle der Öffentlichkeitsarbeit genutzt werden.

Foren des Meinungs- und Informationsaustausches zwischen Experten und Laien sind ebenfalls auszuarbeiten und zu verankern. Dafür wird das TA-Programm auf Erfahrungen aus dem Ausland zurückgreifen können, wo sich Konsens-Konferenzen und Workshops bewährt haben.

Internationale Einbettung, schweizerischer Brennpunkt

Der Erfahrungsaustausch, der während der Probephase mit ausländischen TA-Institutionen stattfand, gab wertvolle Impulse für die Realisierung von TA Schweiz. Unter anderen bildet das niederländische "Rathenau Instituut", das den öffentlichen Debatten ein großes Gewicht beimißt, eines der Modelle für die künftige Orientierung des TA-Programms.

Die Beziehungen zwischen dem TA-Programm und den ausländischen Institutionen - insbesondere jenen des EPTA-Netzes - werden in der nächsten Phase weiter intensiviert.

Auf nationaler Ebene soll die geplante "Newsletter" dem TA-Programm gestatten, seine Rolle als Begegnungsplattform und Koordinationsinstrument für TA-relevante Fragen wahrzunehmen.

Schwerpunktthemen der kommenden Jahre

Auch inhaltlich wurde die bevorstehende Phase vorstrukturiert. In ausgedehnten Diskussionen ermittelten die Mitglieder des TA-Leitungsausschusses Themen, die kurz- und mittelfristig die politische Auseinandersetzung in der Schweiz bestimmen werden. Zwei erste Bereiche kristallisieren sich dabei als vordringlich heraus und sollen die Schwerpunkte für die nächsten TA-Studien und Aktivitäten bilden: Die Gentechnik und der Übergang zur "Informationsgesellschaft".

Schwerpunkt Gentechnik

Parlamentarische Vorstöße und Initiativen zur Gentechnik (Gen-Schutz-Initiative; Initiative zum Schutz des Menschen vor Manipulationen in der Fortpflanzungstechnologie) durchlaufen gegenwärtig die politischen Instanzen; zahlreiche Kreise und Behörden befassen sich mit den Fragen, welche die Gentechnik aufwirft. Auch auf internationaler Ebene schlägt die Diskussion - etwa um die Patentierung genmanipulierter Lebewesen - hohe Wellen.
Vor diesem Hintergrund wurde eine Vorstudie in Auftrag gegeben, die sich mit der "Gentechnologie im medizinischen Bereich" auseinandersetzt. Darin werden zunächst die gegenwärtig bekannten und praktizierten Anwendungen der Gentechnik sowie deren absehbare Entwicklungen beschrieben. Ein gewichtiger Teil der Arbeit ist den gesellschaftlichen Auswirkungen der medizinisch angewandten Gentechnik gewidmet. Dabei kommen so unterschiedliche Aspekte zur Sprache wie die Diagnostik zur vorbeugenden Detektion genetisch veranlagter Krankheiten oder die Verwendung gentechnisch "erzeugter" Tiere als "Krankheitsmodelle". Andere Studien sind in Vorbereitung; eine wird sich mit dem Stand der öffentlichen Diskussion über die Gentechnik im Ausland auseinandersetzen.

Schwerpunkt Telekommunikation und Informationsgesellschaft

Auch im Bereich Informationsgesellschaft und Telekommunikation steht ein Umbruch bevor: Die Liberalisierung des Fernmeldewesens. Die sozialen und regionalen Auswirkungen der Deregulierung lassen sich nur schwer abschätzen - ebenso die kulturellen Folgen, welche die beschleunigte "freie Fahrt" auf der "Datenautobahn" nach sich ziehen könnte.

In einer Untersuchung wird der Frage nachgegangen, welche Folgen die Liberalisierung des Fernmeldewesens in anderen Ländern nach sich zog - und welche Lehren daraus für die Schweiz zu ziehen sind. Die Ergebnisse dieser Analyse sollen in die aktuellen Beratungen zum neuen Fernmeldegesetz eingespiesen werden.

Des weiteren gibt eine Vorstudie "Elektronische Märkte" exemplarisch einen Überblick über Entstehung und Verbreitung eines neuen Kommunikationsmittels, indem sie sich mit dem weltweiten Aufkommen neür Handelsformen über elektronische Medien auseinandersetzt; "Telebanking" und "Teleshopping" sind hier die bekanntesten Stichworte. Die Studie zeigt die Auswirkungen und Veränderungspotentiale auf, welche mit den elektronischen Märkten für die schweizerische Wirtschaft einhergehen. Drei Fallbeispiele über die Verbreitung elektronischer Märkte im Tourismus, im Finanzsektor und in der Unterhaltungsindustrie liefern ergänzendes Anschauungsmaterial. Die neuen Kommunikationsformen eröffnen nicht nur den Anbietern, sondern auch den Kundinnen und Kunden beträchtliche Möglichkeiten - stellen ihnen aber zuweilen auch hohe Hürden in den Weg. Die Fragen, welche die Vorstudie aufwirft, sollen in Workshops verarbeitet werden; die Ergebnisse dieser Diskussionen werden schließlich in der nächsten Umsetzungsphase einem interessierten Publikum vorgelegt.

Mit den o.g. Studien werden erste Schritte in das weite thematische Feld der aufkommenden Informationsgesellschaft unternommen.

Gezielte Fragen ... und weiter Horizont

Die Festlegung thematischer Schwerpunkte bedeutet nun keineswegs, daß das TA-Programm künftig mit Scheuklappen seiner Arbeit nachgehen wird. Vielmehr ist vorgesehen, einen Teil der Mittel für Studien zu reservieren, die sich mit anderen gesellschaftlich relevanten Themen wie der Energieversorgung, dem Transportwesen oder ähnlichem auseinandersetzen.

(Quelle: FUTURA 1/96, S. 22-25)

In der Führung des TA-Programms Schweiz hat es einen Wechsel gegeben. Mit Beginn der 2. Phase des Programms im April 1996 hat Dr. Sergio Bellucci die operationelle Leitung des Programms von Dr. Marinette Sabev übernommen, die das Programm durch seine erste Phase (1992-1995) geführt hatte.

Mit Dr. Bellucci, so heißt es, habe der SWR einen Akademiker mit der Leitung des TA-Programms beauftragt, der mit der Welt der Wirtschaft und ihren Bedürfnissen vertraut sei. Nach dem Agronomiestudium und dem Doktorat an der ETH in Zürich war Bellucci zunächst rund zehn Jahre bei der Division Agro der Ciba-Geigy in Basel tätig - zuerst in der Forschung und Entwicklung (Sektor Herbizide, Safener Gruppe) und danach als Länderverantwortlicher im Departement Marketing Pflanzenschutz für die Region Westeuropa.

Ende 1989 wurde Bellucci mit der Leitung und dem Aufbau des damals neu gegründeten Zentrums für Weiterbildung der ETH Zürich betraut. Seit der Eröffnung des Technoparks in Zürich im Herbst 1993 führte er die Geschäfte des MTI Management und Technologie Instituts.

Kontakt

Dr. Sergio Bellucci
Programm TA
Schweizerischer Wissenschaftsrat
Inselgasse 1, CH-3003 Bern, Schweiz
Tel.: +41 31 322-9666