Niklas Luhmann: Die Realität der Massenmedien Rezension

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Die Abklärung der Aufklärung

Rezension des Buches von Niklas Luhmann: Die Realität der Massenmedien

von G. Bechmann, ITAS

Es ist besser, nichts von der Welt zu wissen, als zuviel von ihr, das man nicht selbst erfuhr.
Botho Strauß

1. Vor fünfzig Jahren erschien ein Buch mit einer höchst eigenartigen Rezeptionsgeschichte: Die "Dialektik der Aufklärung" von Adorno und Horkheimer. Noch im Exil in Kalifornien geschrieben, erschien es 1947 weitgehend unbeachtet in einem niederländischen Verlag. In den fünfziger Jahren als Untergrundliteratur subkutan gehandelt, nur für Eingeweihte ein Geheimtip und Nektar für Gesellschaftskritiker. Im Zuge der Studentenbewegung wiederentdeckt, prägte diese radikale Abrechnung mit der Aufklärung den Gestus und die Attitüde einer ganzen Generation von Essayisten und hochgebildeten Kulturkritikern. Besonders das Kapitel über die Kulturindustrie stellte sich als stilbildend heraus und hat seitdem die Kritik an den Massenmedien bis tief in die Alltagsmentalität geprägt. Der Untertitel zu diesem Kapitel "Aufklärung als Massenbetrug" war These und Programm einer vernichtenden Kritik der Massenmedien. Fortan hat sich eine eigentümliche Zwiespältigkeit in die gesellschaftliche Wahrnehmung gegenüber den Massenmedien eingegraben. Man läßt sich unterhalten, informieren, aber mit schlechtem Gewissen und dem Bewußtsein, eigentlich an etwas Minderwertigem teilzuhaben. Bis in die vermeintlich noch so kühle und wertfreie wissenschaftliche Betrachtung spürt man die Reserve, die sich gegenüber den Massenmedien als allgemeine Haltung breit gemacht hat. Genau an diesem Punkt setzt Luhmanns gesellschaftstheoretische Analyse der Massenkommunikationsmedien an.

Kein Buch von Luhmann hat so schnell die Spalten der Presse erreicht wie dieses Buch über die Massenmedien. Das kann natürlich damit zusammenhängen, daß die Massenmedien sich von seiten der Gesellschaftstheorie widergespiegelt sahen und wie Narziß ambivalent reagierten: geschmeichelt, weil sie in den Adelsstand eines gesellschaftsrelevanten, autopoietischen Systems erhoben wurden, gekränkt, weil sich das entworfene Bild nicht mit ihrem eigenen deckt. Der tiefere Grund dürfte aber darin zu sehen sein, daß Luhmann den Verdacht gegen die Massenmedien explizit zum Ausgangspunkt seiner theoretischen Konstruktion macht, aber zu einer total anderen Einschätzung der Funktionsweise und Bedeutung der Massenmedien kommt, die jenseits von Aufklärung und Kritik liegt, aber die Mechanismen der Produktion von Realität schonungsloser und illusionsfreier analysiert, als dies bei Adorno und Horkheimer geschehen ist, geschweige denn bei ihren Nachfahren im Geist geschieht.

2. Es gibt Bücher, die stellen die Explikation eines prägnant formulierten Gedankens dar. Carl Schmitts Begriff des Politischen ist hierfür ein Beispiel. Luhmann beginnt ebenso apodiktisch: "Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien" (S. 9). "Andererseits wissen wir so viel über die Massenmedien, daß wir diesen Quellen nicht trauen können" (ebd.).

Damit ist das Terrain für die Untersuchung abgesteckt. Auf den folgenden 206 Seiten wird ausführlich begründet, warum genau dieser Widerspruch das Moderne und Produktive an den Massenmedien ausmacht. Geleitet werden seine Überlegungen durch zwei grundsätzliche Thesen, die das Fundament der Untersuchung bilden. Bei den Massenmedien handelt es sich zum einen um operativ geschlossene Systeme und insofern sind sie vergleichbar mit anderen gesellschaftlichen Systemen, wie zum Beispiel Recht, Politik, Wissenschaft, Wirtschaft usw., zum anderen ist auch Kognition selbstreferentiell und geschlossen. Sie kann nur in Systemen stattfinden (S. 206/207). Was ist damit gemeint? Damit ist gesagt, daß die Massenmedien nicht die Abbildung einer von ihnen unterschiedenen Realität darstellen, daß dies auch nicht ihre Aufgabe sein kann, sondern sie erzeugen selbst die Realität, die sie als Nachrichten, Berichte, Werbung tagtäglich verbreiten. Obwohl diese Realität eine gemachte, eine selektiv zustandegekommene Realität ist, und uns dies bewußt ist, ist es die gesellschaftlich relevante, die sich auch nicht dadurch auflöst und einen Blick auf die wirkliche Realität gewährt, wenn man durchschaut, wie diese produziert, konstruiert und konsumiert wird.

Das Projekt der Ideologiekritik und der Aufklärung greift hier nicht, da es sich um Effekte der funktionalen Differenzierung handelt, hinter die nicht zurückgegangen werden kann. Schon durch diesen Ausgangspunkt verändert Luhmann die Perspektiven der Massenkommunikationsforschung. Es geht ihm nicht darum, wie man die Medienberichterstattung verbessern kann, nicht um die Perfektionierung von Zuständen. Man könnte eher sagen, daß er durch eine Umkehr der Betrachtungsweise sich von seinem Gegenstand distanziert, indem er die Unwahrscheinlichkeit der Funktionsweise der Massenmedien betont.

3. Am Beginn seiner Beschreibung steht eine Definition, "Massenmedien sind alle Einrichtungen, die sich zur Verbreitung von Kommunikation technischer Mittel der Vervielfältigung bedienen" (S. 10). Entscheidend für diese Bestimmung der Massenmedien ist jedoch, daß "keine Interaktion unter Anwesenden zwischen Sendern und Empfängern stattfinden kann" (S. 11). Dies hat weitreichende Konsequenzen. Es findet keine unmittelbare Rückkopplung zwischen Sender und Empfänger statt, die zentral gesteuert werden kann, sondern beide müssen sich eigene Bilder des anderen konstruieren. Die Medienmacher haben gewisse Vorstellungen, für wen sie eigentlich produzieren, aber es handelt sich um Vermutungen, Spekulationen und statistische Werte, die d e n Zuschauer ausmachen. Jedoch, so wie bei Nietzsches tollem Menschen, der Gott sucht, so wird auch die Suche nach d e m Zuschauer vergeblich bleiben. Massenmedien müssen individualisieren, verallgemeinernd produzieren ohne jedoch individuengerecht zu gestalten. Dieses Dilemma beschreibt die strukturelle Operationsweise der Medien. Ein zweites Moment tritt hinzu, das diese Ambivalenz verstärkt. Massenmedien besitzen eine doppelte Realität (S. 12). Zum einen bezeichnet die Realität der Massenmedien ihre Operationsweise; in gewisser Hinsicht ist dies ihre technische Seite. Schrift, Funk, Fernsehbild, also alles, was die durch sie verbreitete und in ihrem System als durchlaufende Kommunikation verstanden werden kann (S. 13). Zum anderen erzeugen sie Realität - für sich und andere. Hier steht nicht die Operationsweise im Blickpunkt der Betrachtung, sondern die beobachtende Operation der Massenmedien, wie sie die Welt beobachten (S. 14). Es findet eine Realitätsverdopplung statt. "Es kommuniziert tatsächlich - über etwas. Über etwas anderes oder über sich selbst" (S. 15). Massenmedien unterscheiden zwischen Selbst- und Fremdreferenz und man kann dies beobachten; als Soziologe, als Kritiker oder als Betroffener, der in den Medien auftaucht und sich nicht als Person, sondern nur als Thema, perspektivisch gewissermaßen, wiederentdeckt. Das Prozessieren von Selbst- und Fremdreferenz macht die eigentümliche Mobilität der Medien aus. Selbstreferenz ist immer in jeder Operationsweise angelegt. Eine Sendung folgt der anderen, bricht diese Kette ab, so zerfällt das System der Massenmedien. Fremdreferenz dagegen bezieht sich auf die Umwelt des Systems und wird in unserem Fall durch Themen repräsentiert.

Themen bilden nicht nur das "Gedächtnis" der Medien, sondern stellen die strukturelle Kopplung an andere Gesellschaftsbereiche dar. Innerhalb des Systems, und das macht die eigentliche Funktionsweise aus, kommt es zu einer laufenden Abstimmung zwischen Selbst- und Fremdreferenz. Konstruktion der Realität meint nicht Beliebigkeit oder sogar Willkür - im Gegenteil, die laufende Erzeugung der Einheit von Selbst- und Fremdreferenz ist, bei vorausgesetzter operativer Geschlossenheit des Systems, der regelgeleitete Modus, mit dem die Medien Realität systematisch erzeugen (S. 31).

Neben dem ständigen Prozessieren der Differenz von Selbst- und Fremdreferenz müssen die Massenmedien auch noch systemspezifisch unterscheiden können, welche Kommunikation massenmedial und eben nicht rechtlich, wissenschaftlich oder religiös ist. Hier knüpft Luhmann an seine Ausdifferenzierungs- und Medientheorie an. Das Moderne der modernen Gesellschaft ist ihre funktionale Differenzierung in unterschiedliche Subsysteme, die jeweils ihre eigene Kommunikationsweise ausgebildet haben. Zentraler Mechanismus dieser Kommunikationsstruktur stellt die binäre Codierung der jeweiligen Systeme dar. Binäre Codierung ist deshalb ein tragendes Moment der funktionalen Differenzierung, da hierdurch Kommunikation spezifisch unter Ausschluß dritter Werte, unter Absehung der Folgen für andere Kommunikation organisiert wird. Das Rechtssystem braucht sich dann nur noch für die Differenz von Recht/Unrecht zu interessieren, die Wissenschaft nur noch für Wahrheit/Unwahrheit und nicht auch gleichzeitig für religiöse oder wirtschaftliche Folgen ihrer Erkenntnisse. Funktional ausdifferenzierte Systeme verbinden zwei wesentlich gegensätzliche, aber komplementäre Strukturen. Sie sind spezialisiert auf eine bestimmte Form der gesellschaftlichen Kommunikation, die durch ihren Code vorgegeben ist. Insofern wird dadurch die Differenzierung und Leistungssteigerung gerade durch Selbstbegrenzung vorangetrieben. Zugleich sind sie universal, indem ihre Funktion von keinem anderen System wahrgenommen werden kann (S. 50). Genau durch diese Entwicklung ist die moderne Gesellschaft in ihrer Leistungsfähigkeit und ihren Wachstumsprozessen in historisch einmaliger Weise gesteigert worden. Wodurch wird nun die massenmediale Kommunikation strukturiert? Luhmann sieht hier den Code Information/Nichtinformation (S. 36), wobei Information der positive Wert ist, an den fortlaufend angeschlossen werden kann, und Nichtinformation der negative, der Reflexionswert ist, der angibt, unter welchen Voraussetzungen der positive Wert eingesetzt werden kann. Diese Art der Codierung hat zwei Besonderheiten, die als Folge eine ständige Unruhe und Irritation in der Gesellschaft produzieren (S. 46). Zum einen wird durch die Codierung der Zwang zur laufenden Generierung von Informationen erzeugt. Ereignisse verlieren ihren Informationswert, wenn sie wiederholt werden (S. 41). Ein Ereignis, von dem immer wieder berichtet wird, ist nicht mehr informativ, sondern nur noch redundant.

Die dauernde Verwandlung von Informationen in Nichtinformationen hält das System am Laufen und bedingt eine Beschleunigung der Zeit. Die Jagd nach Information ist ja geradezu das Kennzeichen des Journalismus und macht seine Gehetztheit aus. Zum anderen entsteht ein Zwang zum Neuen. Massenmedien müssen immer über etwas Neues berichten. Obwohl dieser Druck auch in der Kunst, der Politik und besonders in der Wissenschaft besteht, so zeigt sich bei den Massenmedien dieses moderne Verhalten besonders krass, tagtäglich über Neues zu berichten und damit anderes, das vom Vortag, als alt zu kennzeichnen. Auf der operativen Ebene der Gesellschaft produzieren die Massenmedien somit den Effekt, der dann in der Theorie der Postmoderne als ständige Revision des Bestehenden und als Kennzeichen des postmodernen Zeitalters kulturkritisch beschworen wird. Auch die Postmoderne ist letztlich ein Effekt der funktionalen Differenzierung.

4. Massenmedien, so die These von Luhmann, stellen eines der Funktionssysteme der modernen Gesellschaft dar, das "seine gesteigerte Leistungsfähigkeit der Ausdifferenzierung, der operativen Schließung und der autopoietischen Autonomie des betreffenden Systems verdankt" (S. 22). Wie dieses System durch seine Operationen gleichzeitig seine eigene Autopoiese aufrechterhält, und das heißt nichts anderes, als seine gesellschaftliche Funktion wahrnimmt und dadurch Realität für die Gesellschaft produziert, ist das Thema der folgenden Kapitel des Buches. Dies wird auf drei Ebenen der Betrachtung dargestellt. Das System wird in seiner internen Differenzierung (Kap. 5-8) untersucht. Dann wird die Perspektive gewechselt und die Anbindung der Medien an die gesellschaftsinterne Umwelt unter dem Gesichtspunkt der strukturellen Kopplung thematisiert (Kap. 9, 10, 14, 15). Und in einer erkenntnistheoretischen Reflexion wird noch einmal die These von der gesellschaftlichen Konstruktion jeglicher Realität am Beispiel der Massenmedien expliziert. Der Grundgedanke, der diese Konstruktion (sic!) ausmacht, ist der Zusammenhang von funktionaler Differenzierung des Gesellschaftsystems, der doppelbödigen Funktionsweise der Medien und dem konstruktivistischen Verständnis von Realität.

4.1. Luhmann knüpft an die in der Massenmedienforschung bekannten Unterscheidungen von Programmen in Nachrichten/Berichte, Werbung und Unterhaltung (S. 51). Jedoch wird nicht gefragt, inwieweit Realität gerecht wiedergegeben wird, ob manipuliert wird oder ob es sich um gute oder schlechte, bildende oder triviale Unterhaltung handelt, sondern ihn interessiert, auf welche Weise durch diese Programmtypen Realität konstruiert wird und wie sich die Codierung Information / Nichtinformation jeweils auf der Programmebene auswirkt (S. 96).

Am ehesten entspricht noch die Sparte Nachrichten/Berichte unseren Alltagserwartungen an eine realitätsabbildende Funktion der Medien. Obwohl hier Informationen im Modus der Neutralität und der Objektivität angeboten werden, zeigt sich bei näherem Hinsehen, daß die Massenmedien nicht so sehr an der Wahrheit, schon gar nicht an der wissenschaftlich erzeugten Wahrheit interessiert sind. Ihr Problem ist das der geregelten Selektivität (S. 56). Entscheidend ist die Einsicht, daß die Medien, selbst wenn sie es wollten, keine Punkt-für-Punkt Korrespondenz zu ihrer Umwelt herstellen können, das würde nämlich bedeuten, man, und vor allem das System selbst, könnte sich nicht von seiner Umwelt unterscheiden. Den Medien würde es so gehen wie es Ireneo Funes in der Geschichte "Das unerbittliche Gedächtnis" von Jorge Luis Borges ergangen ist. Ireneo Funes war mit einem unwahrscheinlichen Gedächtnis ausgestattet, das alles im Maßstab von eins zu eins aufzeichnete und speicherte. Das führte in kurzer Zeit dazu, das Funes nur noch auf seinem Bett lag und nicht mehr handeln konnte. Er war zeitlich mit seiner Umwelt synchronisiert. Um handeln, ja sogar um beobachten zu können, müssen Systeme mit der Unterscheidung von interner und externer Komplexität arbeiten, sie müssen sich, um überhaupt erkennen zu können, von ihrer Umwelt unterscheiden und genau diese Differenz von System und Umwelt in das System mit der Unterscheidung von Selbst- und Fremdreferenz hineinkopieren. Kein Wunder, daß die empirische Forschung solche Selektoren identifiziert hat. Diese Selektoren sind Indikatoren für die systemspezifische Art der Realitätskonstruktion der Medien. Es geht dabei weniger um die Tatsache der Auswahl als solcher, als vielmehr um die Erfordernisse der Massenmedien, die Differenz von Information/Nichtinformation für die Gesellschaft zu prozessieren. Viele dieser Selektionsroutinen sind weidlich bekannt. Konflikte werden bevorzugt, ebenso von den normalen Erwartungen abweichende Ereignisse. Quantitäten sind besonders leicht als Informationen darstellbar, weil Zahlen immer von anderen Zahlen differieren und dadurch Neues suggerieren. Normverstöße erwecken besondere Aufmerksamkeit insbesondere dann, wenn sie sich zu Skandalen verdichten. Eindeutig liegt die Präferenz der Medien bei außergewöhnlichen Ereignissen und bei moralischen Bewertungen. Dies alles sind Beispiele, wie aus Ereignissen Informationen und aus Informationen Nachrichten werden, die dann wieder unser Bild der gesellschaftlichen Wirklichkeit prägen.

Mit dieser empirisch gut bestätigten These von der Eigenselektivität der Massenmedien verbindet Luhmann aber weitergehende Folgerungen. Das, was in den Medien als Wirklichkeit erscheint, ist nichts anderes als ihr Eigenprodukt, bei dessen Erzeugung sie nicht auf die Umwelt angewiesen sind (S. 75). Dieses Bewußtwerden der Selektion hat immer wieder den Manipulationsverdacht erregt, ohne daß die Forschung hier zu eindeutigen Zurechnungen gekommen ist.

Man vermutet, daß die Massenmedien von Interessen gesteuert werden, von wirtschaftlichen und politischen, in einzelnen Fällen kann man dies sogar nachweisen, doch einen nennenswerten Effekt auf die Funktionsweise haben diese Enthüllungen nicht gehabt, da es zum System der Medien keine Alternative gibt. Stattdessen hat sich die Gesellschaft mit der Abgründigkeit der Medien abgefunden. "Die Massenmedien scheinen ihre eigene Glaubwürdigkeit zugleich zu pflegen und zu untergraben. Sie "dekonstruieren" sich selber, da sie mit ihren eigenen Operationen den ständigen Widerspruch ihrer konstativen und ihrer performativen Textkomponenten reproduzieren" (S. 78/79).

Dieser Widerspruch wird, wenn auch auf andere Weise, durch die Werbung reproduziert. Nicht die Erzeugung des schönen Scheins der Wahrheit liegt der Werbung zugrunde, im Gegenteil, sie deklariert ihren Willen zur Manipulation offen. Und indem sie das tut, kann sie um so besser die Motive und das Gedächtnis des Umworbenen beeinflussen. Werbung ist Beihilfe zur Selbsttäuschung, indem sie ihre eigene Unaufrichtigkeit laut verkündet. Schon die Elfjährigen wissen, daß die Werbung einem etwas verkaufen will und daß die Magarinefamilie dann doch nicht immer so glücklich ist wie es die Werbung zeigt und schon gar nicht durch das Magarinebrot. Nur - darauf kommt es nicht an. Die Werbung paradoxiert die Motivlage des Angesprochenen, des Umworbenen. Man bietet ein Massenprodukt exklusiv an, aber das Produkt, für das geworben wird, erscheint nur im Hintergrund, so, als ob es gerade nicht um dessen Verkauf geht. Massenhaft wird der Trend (sic!) zur Individualisierung beschworen, mit dem Erfolg, daß eine ganze Generation Turnschuhe und Markenkleider trägt. Nicht das Produkt ist in der Werbung ausschlaggebend, sondern ihre latente Funktion besteht darin, "Leute ohne Geschmack, mit Geschmack zu versorgen" (S. 89). Die wichtigste Funktion der Werbung dürfte deshalb auch in einer produzierten Wirklichkeit liegen, die zugleich Redundanz und Varietät in immer neuen Formen für das Alltagsleben entstehen läßt.

Das schwierigste Programm stellt die Unterhaltung dar. Auch für Luhmann scheinen sich hier die Konturen zu verwischen. Unterhaltung ist Fiktion, Tatsachenvermittlung, Werbung und Erzählung (Gedächtnis) in einer bunten Gemengelage, so daß es nicht leicht fällt, eine durchgängige Struktur zu finden. Massenmedial produzierte Unterhaltung setzt voraus, daß der Zuschauer, im Gegensatz zu seinem eigenen Leben, Anfang und Ende beobachten kann (S. 98). Es entsteht eine zweite, fiktionale Realitätsebene, die aber, weil sie Imagination ist, Information benötigt und hier klinken sich die Massenmedien mit ihrem Code Information/Nichtinformation ein. Unterhaltung muß, obwohl fiktional, auch "realitätsgerecht" sein. Sie muß in Verbindung zur Alltagswelt der Zuschauer stehen oder zumindest zu dem, wie sich die Medien diese vorstellen. Genau an dieser Stelle setzt der Mechanismus von Selbst- und Fremdreferenz ein. Filme, Geschichten oder Talkshows müssen zum einen ihre eigene Plausibilität erzeugen. Sie leben von selbst gemachten Stories, Handlungsabläufen usw. Zum anderen müssen sie mit einem Zuschauer rechnen, dessen Interesse getroffen werden muß. Die Schließung der Selbstreferenz der Unterhaltung wird durch die mitprozessierte Fremdreferenz gehindert, in Tautologien zu verfallen. Das hat zum Effekt, daß der Zuschauer immer schon in der Unterhaltung auftaucht, laufend auf ihn referiert wird, so als ob Tristam Shandy das Urbild aller Unterhaltung ist. Konsequent formuliert Luhmann dann auch: "Unterhaltung ermöglicht eine Selbstverortung in der dargestellten Welt. ... Das, was angeboten wird, legt niemanden fest; aber es gibt genügend Anhaltspunkte für Arbeit an der eigenen Identität. Fiktionale Realität und reale Realität bleiben offensichtlich unterschieden, und eben deshalb wird das Individuum, was seine Identität betrifft, Selbstversorger" (S. 116/117).

4.2. Wie treten nun die Massenmedien in Kontakt zu ihrer gesellschaftlichen Umwelt, wenn es sich bei ihnen um ein autopoietisches, selbstreferentiell geschlossenes System handelt? Luhmanns Antwort ist schlicht, durch strukturelle Kopplung. Strukturell meint, ohne daß man kausale Abhängigkeiten postulieren muß, die wechselseitige Angewiesenheit der Programmtypen auf spezifische Umweltlagen des Systems. So bezieht sich die Werbung auf die Wirtschaft, die Unterhaltung auf das Kunstsystem und die Alltagswelt und die Nachrichten haben als Referenzpunkt das politische System. Daß dabei Überschneidungen vorkommen, ist nicht ungewöhnlich, aber gerade durch die Differenz der Bezüge lassen sich Überschneidungen erst identifizieren und als solche feststellen (S. 122 - 125). Daß diese differenten Umweltbezüge der Programme nicht zur Auflösung des Systemcharakters der Muster hinführen, sieht Luhmann zunächst darin, daß ein einheitliches technisches Medium verwendet wird (S. 119). Dies ist jedoch nur die Oberfläche, der darin nicht so offensichtliche Zusammenhalt bildet die gesellschaftliche Funktion der Massenmedien, nämlich "Voraussetzungen für weitere Kommunikation zu schaffen, die nicht eigens mitkommentiert werden müssen" (S. 120). Massenmedien erzeugen eine Hintergrundrealität, die das "Gedächtnis" der Gesellschaft bilden. Nicht die gerade aktuelle, die direkte Information ist, langfristig gesehen, die gesellschaftliche Aufgabe der Medien, sondern es werden bestimmte Realitätsannahmen erzeugt, an die man in der gesellschaftlichen Kommunikation anknüpfen, auf deren Anschlußfähigkeit man vertrauen kann. Aus diesem Grund sind auch die Themen strukturell wichtiger als die jeweils aktuellen Meinungen, die in den Medien kolportiert werden.

Die Differenz von Themen und Meinungen, die ein wichtiges Mittel der Berichterstattung ist, hat gleichsam einen doppelten Effekt. Zum einen können auf diese Weise auch Meinungen als Fakten behandelt werden, man kann über sie berichten; sie sind informativ. Zum anderen wird eine nicht konsenspflichtige Realität erzeugt. Über Kernkraft, Waldsterben oder Brent Spar werden soviel Meinungen berichtet, daß man angesichts der Vielfalt nicht mehr die wirklichen Gründe kennt, sondern die Divergenz, der Konflikt erscheint als die anschlußfähige Realität (S. 126). Gleichwohl muß auch die Einheit der Kommunikation, wenn nicht als Konsens, so doch in einer anderen Form gestiftet werden, um weiteres Prozessieren aufrechtzuerhalten. Medien erreichen dies, indem sie Kommunikation für individuelle Motivlagen verfügbar machen. Dies ist aber um so schwieriger, als die Produktion der Massenmedien nicht unmittelbar den einzelnen ansprechen kann. Sie können nur durch Schematabildung das generalisierte Individuelle erfassen (S. 190). Dies geschieht durch eine fiktive Individualisierung: im Nachrichtenteil, im Unterhaltungsteil oder in der Werbung wird als allgemeiner Bezugspunkt der "Mensch" als Individuum fingiert. Nicht die existierenden Menschen als bio-chemische und geistig-soziale Einheit, sondern als Konstrukt, als Staatsbürger, der sich für Nachrichten interessiert, als Konsument oder als verlottertes Individuum, das unterhalten werden muß. In allen Fällen aber in einer paradoxen Form: als entindividualisiertes Individuum (S. 134). Es wäre nun falsch, an dieser Stelle sogleich in das Lamento über die Entfremdungsfunktion der Medien, ihre Zwänge produzierende Gleichmacherei einzustimmen. Das Raffinierte der Luhmann-Analyse ist es zu zeigen, wie gerade dadurch Freiheit und Struktur jeweils gesteigert werden. Schemata zwingen nicht zur Wiederholung (S. 193). Sie lassen offen, ob man sich einklinken will oder nicht, aber sie sind Instrumente des Vergessens und Lernens, indem sie zum einen Ordnung in die Fülle der Informationen bringen und zum anderen den Hintergrund zur individuellen, wenn auch nur im eigenen Heim, Profilierung bilden. "Von der Gesellschaft her gesehen, hat die schemenvermittelte strukturelle Kopplung den Vorteil einer Beschleunigung, die, wenn es gelingt, die strukturelle Kopplung von Medien und Individuen nicht reißen läßt, sondern nur auf andere Schemata überleitet. Vom Individuum her gesehen, haben Schemata den Vorzug, daß sie das Gedächtnis strukturieren, aber das Handeln nicht festlegen" (S. 198).

Es werden sehr komplizierte Wechselverhältnisse zwischen Medien und Individuum erzeugt, die sich nicht auf Zwang reduzieren lassen. Wie im Theater wird das Individuum in eine Szene außerhalb der Inszenierung versetzt und ihm die Freiheit gelassen, selbst auszuwählen, ohne wirklich wählen zu können, denn das würde die gesamte Komplexität der Welt wieder auf es niederprasseln lassen. Es ist gezwungen, im Austausch mit den Medien und in Abgrenzung zu ihnen, seine Identität oder sein "Selbst" selbst zu konstruieren.

5. Zum Schluß wendet Luhmann seine Untersuchung erkenntnistheoretisch und fragt selbstreflexiv nach dem Standpunkt des Beobachters, sowohl der Massenmedien als auch dem des Theoretikers. Für beide gilt: "An die Stelle der Frage nach Begründung, die auf einen infiniten Regress hinauslaufen müßte, tritt die Frage nach dem Beobachter und wer sein eigenes Erleben oder Handeln begründen möchte, muß sich daher als Beobachter beobachten und damit die Wahl der Unterscheidungen, die den Beobachter leiten, zur Disposition stellen" (S. 208). Wer so fragt, radikalisiert den Gedanken der Aufklärung, sich aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien, indem selbst die eigene Ausgangsposition befragt wird. Damit werden auch noch die letzten fundierten Geltungsansprüche wie Gott, Natur und Vernunft reflexiv verflüssigt, es bleibt "die Kontingenz aller Kriterien und aller möglichen Beobachterpositionen" (S. 209). Die Abklärung der Aufklärung führt zu einem Paradox: "Sie fordert dazu auf, etwas sichtbar zu machen, was für sich selbst unsichtbar bleiben muß. Sie widerspricht sich selbst. Sie vollzieht einen performativen Selbstwiderspruch und vermeidet es dadurch, dogmatisch aufzutreten oder Rezepte zu verschreiben" (S. 213). Wo liegt das Fruchtbare einer Theorie, die als letztes tragendes Moment eine Paradoxie zugrundelegt? Ich glaube, Luhmann korrigiert durch seine Analyse drei wesentliche Annahmen der Medienforschung: Zum einen geht er nicht mehr von einem kausalen Verhältnis von Massenmedien und Gesellschaft aus, in dem nach direkten Effekten gesucht wird, so als ob Medien willentlich manipulieren würden. Medien nehmen Einfluß auf die öffentliche Meinung, aber nicht direkt, sondern indem Themen gerahmt werden. Jede einzelne Information kann falsch sein, aber das Thema selbst strukturiert die öffentliche Kommunikation und bildet Strukturen für die Anschlußkommunikation.

Als zweite Einsicht kann man festhalten, Medien verbreiten keine Wahrheiten, sondern organisieren den Informationsfluß und sorgen für Neuigkeiten. Der Informationsbegriff hat keine objektive Kontrolle. In der Kommunikation wirkt Information als Resultat einer Kommunikation, der Wahrheitswert bedarf wiederum neuer Information und Kommunikation usw.. Und drittens kann man sehen, daß Medien hochselektiv arbeiten, also genau nicht einen Widerspiegelungs- und Übersetzungseffekt für die Öffentlichkeit besitzen, sondern eben eine eigene Wirklichkeit erzeugen. Damit werden aber gerade Freiheitsgrade zwischen Zuschauer und Medien erzeugt, die bisher so nicht wahrgenommen wurden. Jede Information kann angenommen oder abgelehnt werden und erzeugt gerade durch die Möglichkeit der Bifurkation weitere Kommunikation, ohne daß dahinter ein Plan oder die wirkliche Wirklichkeit zu vermuten ist.

Zu klären bleibt daher, wie Massenmedien trotz ihrer hohen Selektivität einen wesentlichen Faktor bei der Konstruktion gesellschaftlicher Realität bilden. Oder wie Luhmann formuliert: "Wir wiederholen deshalb unsere Eingangsfrage. Sie lautet nicht, was ist der Fall, was umgibt uns als Welt und als Gesellschaft. Sie lautet vielmehr: wie ist es möglich, Informationen über die Welt und über die Gesellschaft als Informationen über die Realität zu akzeptieren, wenn man weiß, wie sie produziert werden?" (S. 214).

Wer eine Antwort auf diese Frage haben möchte, sollte Luhmanns Buch "Die Realität der Massenmedien" lesen, das mit der These beginnt: "Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen ... usw.".

Bibliographische Angaben

Niklas Luhmann: Die Realität der Massenmedien. Opladen: Westdeutscher Verlag, 1996. 2. Auflg. ISBN 3-531-12841-8