M. Andreas: Vom neuen guten Leben. Ethnographie eines Ökodorfes

Rezensionen

Wie geht es weiter, mit dem alten, neuen Leben?

M. Andreas: Vom neuen guten Leben. Ethnographie eines Ökodorfes. Bielefeld: transcript 2015, 306 S., ISBN 978-3-8376-2828-9, Euro 27,99

Rezension von Linda Nierling, Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS), Karlsruhe

Die Suche nach neuen, nachhaltigen Lebensstilen, die der aktuellen Krise in Europa kreative Lösungen entgegensetzen, hat in den letzten Jahren mit dem Begriff „Postwachstum“ bzw. „Degrowth“ auch in Deutschland eine große Aufmerksamkeit erfahren (vgl. den Schwerpunkt in TATuP 2/2016). Die Dissertation von Marcus Andreas widmet sich der Untersuchung nachhaltiger Lebensentwürfe in einer besonderen und radikalen Form: dem Leben in einem Ökodorf. Allerdings so „neu“ ist dieser Lebensentwurf nicht, gibt es das Ökodorf Sieben Linden, das hier untersucht wird, doch schon seit mehr als 20 Jahren.

In einem sorgfältigen ethnografischen Zugang bettet der Autor die Entstehung des Ökodorfes in seinen historischen Kontext ein. Als Referenzpunkt der Entstehung gilt hier der Gipfel für nachhaltige Entwicklung in Rio 1992. Allerdings gehen die Ideen zur Gründung einer ökologisch motivierten, dörflichen Gemeinschaft in die späten 1970er und beginnenden 1980er Jahre zurück. War es in Deutschland die „Freie Republik Wendland“, entstanden als Protest gegen ein geplantes Atommülllager in Gorleben, das auf staatliche Anordnung hin geräumt wurde, wurden auch international, v. a. in den USA und Dänemark, in dieser Zeit erste Ökodörfer gegründet. Neben diesen historisch-kulturellen Bezugspunkten für die Gründung von Ökodörfern beschreibt der Autor auch Forschungen zu diesen Entwicklungen, wobei hierfür Bezüge in der Soziologie, Ethnologie und in aktuellen Positionen von (internationalen) Verbänden gesucht werden. Diese konzeptionellen Zugänge zum Thema Ökodorf sind verdienstvoll, da sie das Ökodorf in seinen historischen, wissenschaftlichen und kulturellen Kontext setzen. Allerdings wäre hier ein wenig mehr Systematik wünschenswert gewesen. So werden in den konzeptionellen Zugang immer wieder ethnografische Beobachtungen des aktuellen Falls eingestreut und die disziplinären Anknüpfungspunkte eher essayistisch dargestellt. Eine systematisiertere Darstellung und Aufarbeitung der genannten Hintergründe von Ökodörfern wäre ein verdienstvolles Unterfangen für die weitere (wissenschaftliche) Beschäftigung und Reflexion dieses Phänomens gewesen.

Als Ethnograf legt der Autor Wert auf eine genaue Beschreibung des Alltags, der Bewohner und der Organisation und Stimmung im Ökodorf. Eindrücklich schildert er die Barrieren, die für den empirischen Feldzugang überwunden werden mussten, und seine zahlreichen Aufenthalte im Dorf. Er reflektiert seine Involviertheit als Forscher und legt dabei Konfliktfelder zwischen Nähe und Distanz zu seinem Gegenstand dar. Für die Darstellung der empirischen Ergebnisse wählt Andreas ein in der Wissenschaft ungewöhnliches Vorgehen. Er stellt die empirischen Ergebnisse nicht solitär dar, sondern arbeitet diese in zweifacher Weise au. Einerseits nimmt er die Leserinnen und Leser auf eine fiktive „Führung“ durch das Ökodorf mit, was ihnen einen lebhaften Einblick in den Aufbau, die Strukturen und Abläufe des Ökodorfes ermöglicht. Andererseits widmet er sich hypothesengeleitet der empirischen Realität im Ökodorf. Allerdings hält der Autor auch hier die Trennung von Empirie und Theorie nicht ein, sondern streut immer wieder Bruchstücke aus der Literatur in die Beschreibung ein.

Im hypothesengeleiteten Zugang beginnt der Autor mit einer „Innenschau“, der die These einer „Vorreiterschaft“ (S. 151) von Ökodörfern, ihrer besonderer „Qualitäten“ und deren Überführung „aus dem utopischen Möglichkeits- in den konkreten Erfahrungsraum“ (S. 152) zugrunde liegt. Er analysiert diese Hypothese anhand von Veranstaltungen des Ökodorfes. Hierbei beschreibt er das Selbstverständnis des Ökodorfes als „Modellprojekt“, die besondere, wertschätzende Diskussionskultur in dieser Gemeinschaft sowie die entwickelten Formen der Entscheidungsfindung. Auch die Beschäftigung mit aktuellen politischen Themen, wie dem Klimawandel als globalem Phänomen, wird untersucht. Die Schwierigkeiten des Dorfs, auf „globale Fragen lokale Antworten“ (S. 207) zu finden, werden herausgearbeitet, da die „Antworten“ des Ökodorfes erst einmal nur auf einer diskursiven Ebene verbleiben.

Er schließt an mit einer Analyse der Wirkungen des Ökodorfes in die „Außenwelt“ (S. 207) und widmet sich dem nicht einfachen Verhältnis, zu der es umgebenden Region und den Initiativen, über zeitlich begrenzte Gemeinderatsarbeit, Schulbesuch der Kinder, oder die Mitgliedschaft in der lokalen Feuerwehr einen stärkeren Bezug zur Region zu bekommen. Dies gestaltet sich jedoch, um es positiv zu formulieren, als Prozess. Die Bezugspunkte des Ökodorfes nach außen sind eher überregional zu sehen, wo sich eine „intellektuelle Nähe“ im Gästebetrieb (mit mehr als 6.000 Besuchern im Jahr) oder in der Vernetzung mit der internationalen Ökodorf-Community ausdrückt. So bleibt das Ökodorf doch eher isoliert in der Region. Das Motiv der „Insel“ wird dafür immer wieder herangezogen. Diesem Ansatz wurde in jüngster Zeit auch im Ökodorf selbstkritisch das Konzept der „Transition Towns“ gegenübergestellt, bei denen es vielmehr darum geht, „Menschen in ihre jeweiligen Umgebung zu mobilisieren“ (S. 221) und dabei das aufgebaute Wissen sowie Technologien in den „Mainstream“ hinein zu bringen. In Sieben Linden initiierte man daraufhin eine Initiative der Region zum Thema „Energiewende“, was durchaus zu nachhaltigem Engagement der „real inhabitants“ (S. 225) der Region geführt hat und beteiligte sich aktiv an einer europäischen „Lernpartnerschaft“ für Transition Towns.

Der Autor schließt mit der Beschreibung des Wandels des Selbstverständnisses von Ökodörfern über die Zeit hinweg: Ging es in den 1990er Jahren primär um den Aufbau von „Alternativen“ (S. 253) zum Mainstream („grüne Inseln“), so geht es heute darum, stärker den Transitionseffekt von Ökodörfern zu betonen. Allerdings bleibt bislang offen oder „sehr uneindeutig“ (S. 253), wie sich dieser „Prozess der Positionierung und Kultivierung“ (S. 253) für das Ökodorf, jenseits interner Diskussionen, konkret ausgestaltet und welche möglicherweise strukturellen Veränderungen damit einhergehen werden.

Insgesamt gewinnt man durch die Lektüre des Buches einen guten Einblick in den Aufbau und den Alltag des Ökodorfes Sieben Linden und die „Suchbewegung“ (S. 207), in der es sich aktuell befindet. An vielen Stellen stellt der Autor Bezüge zum Umfeld des Ökodorfes her, z. B. zu anderen internationalen Ökodörfern oder den Transition Towns. Diese Exkurse klingen vielversprechend hinsichtlich eines Erkenntnisgewinns zur kritischen Einbettung und Weiterentwicklung des Konzepts „Ökodorf“. So hätte man sich an einigen Stellen eine pointiertere Einbettung und (kritische) Analyse des Status-quo und aktueller Herausforderungen, vor denen Ökodörfer stehen, gewünscht, während der Autor – ethnografisch – in der Beschreibung verbleibt. Die Vermischung von konzeptionellen Zugängen mit dem konkreten empirischen Fall Ökodorf mag dazu beigetragen haben, dass die durchaus interessanten Aussagen und weiterführenden Ansätze des Autors mitunter untergehen. Auch finden sich Redundanzen in der Beschreibung empirischer Evidenzen, wie z. B. in der wiederholten Aufnahme der „Feuerwehr“ als Mittel der regionalen Integration.

Nichtsdestotrotz zeigen sich in dem Buch gleichsam die Errungenschaften des Ökodorfes für einen nachhaltigen Wandel, und zwar sowohl seine „Pionierfunktion“ als auch seine gewachsene Anerkennung im „Mainstream“, z. B. bei staatlichen und politischen Akteuren (z. B. Umweltbundesamt, DIE GRÜNEN). Es öffnet aber auch den Blick für die Herausforderungen, vor denen Ökodörfer hinsichtlich ihrer eigenen Positionierung und Weiterentwicklung derzeit stehen. Hieran knüpfen sich interessante Forschungsfragen im Feld einer „nachhaltigen Lebensführung“ an, die z.B. die Spezifik „radikaler“ Lebensentwürfe und ihre Grenzen und Möglichkeiten der Übertragbarkeit in den „Mainstream“ umfassen. Gerade vor dem Hintergrund einer Postwachstumsgesellschaft, sind sorgfältige Analysen solcher „sozialer Innovationen“ ein wichtiger Baustein für die Gestaltung unserer gesellschaftlichen Zukunft.