A. Bogner, H. Torgersen (Hrsg.): Wozu Experten? Ambivalenzen der Beziehung von Wissenschaft und Politik.

Rezension

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A. Bogner, H. Torgersen (Hrsg.):
Wozu Experten? Ambivalenzen der Beziehung von Wissenschaft und Politik. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften, 2005, 395 S., ISBN 3-531-14515-0, EUR 36,90

Rezension von Ulrich Smeddinck, Universität Lüneburg

Bessere Entscheidungen, bessere Lösungen, bessere Wirksamkeit und bessere Gesetzgebung: Das wäre die nahe liegende Antwort auf die rhetorische Frage „Wozu Experten?“, die die Herausgeber des Bandes, Alexander Bogner und Helge Torgersen, zum Titel gemacht haben. Beide sind wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Technikfolgen-Abschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Doch solch eine lineare Erwartungshaltung wird von den angetretenen Autoren bewusst enttäuscht. Der Umgang mit Unsicherheit und die Einschaltung von wissenschaftlicher Expertise ist in den modernen westlichen Gesellschaften prekär geworden: Es gibt keine letzten Gewissheiten; Politik ist nicht mehr das Zentrum; die Risiken nehmen zu; Nichtwissen wird zum eigentlichen Gegenstand, mit dem es umzugehen gilt.

Dieser schwierigen wie spannenden Ausgangslage stellt sich der Band in fünf Themenblöcken: Diese setzen sich mit der Auflösung wissenschaftlicher Expertise (Helga Nowotny und Helmut Willke), Fragen der Beratung und Entscheidung unter Nichtwissen und Unsicherheit (Helge Torgersen, Les Levidow und Robert Fischer), der Politikberatung durch Ethikkommissionen (Robert Gmeiner, Willy Viehöver und Alexander Bogner), der Partizipation und Demokratisierung von Expertise (Simon Joss, Barbara Sutter, Stefan Böschen, Michael Pregernig, Harald Heinrichs und Erik Millstone) und Perspektiven auf ein zukünftiges Verhältnis von Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit (Thomas Saretzki, Sheila Jasanoff) auseinander.

Im Folgenden werden hier einzelne Kapitel herausgegriffen und näher betrachtet.

Einen nützlichen, schnellen Überblick zum Einstieg ins Thema erhält der Leser im Beitrag der Herausgeber, betitelt: „Sozialwissenschaftliche Expertiseforschung – Zur Einleitung in ein expandierendes Forschungsfeld“.

In „Experten, Expertise und imaginierte Laien“ erklärt Helga Nowotny, wie die Experten selbst mit der Erosion ihres Sonderstatus, der sich auf spezifisches, aber immer weniger eindeutiges Fachwissen gründet, umgehen können. Der Druck nimmt zu, je stärker Wissenschaftler und Laien in transdisziplinären Zusammenhängen aufeinander treffen. Disziplinäre und institutionelle Grenzen werden überschritten. Neue Unsicherheiten entstehen. Die Gewährleistung der Qualitätskontrolle wird zur Herausforderung. Als Reaktion fordert sie die weitere Demokratisierung von Expertise. Als Mittel zur Umsetzung favorisiert sie „sozial robustes Wissen“ und das Konzept der „imaginierten Laien“: Wissenschaftliches Wissen soll dadurch gesellschaftlich verwendungstauglich gemacht werden, indem die Wissenschaftler Bedürfnisse und Haltungen von Laien bei der Wissensproduktion mitdenken und bereits in die methodischen Untersuchungen und in die Fragestellungen einpassen.

„Welche Expertise braucht Politik?“ – dieser Frage geht Helmut Willke in seinem grundlegenden Text auf Basis der Systemtheorie nach. In einer nicht nur auf Macht und Geld, sondern auch auf Wissen gegründeten Ordnung verschieben sich die Prämissen der Ordnungsbildung auf den Umgang mit der Form des Wissens. Kompetenzen und Unfähigkeiten im Umgang mit Ungewissheit bilden den entscheidenden Hebel für die Gestaltung von Zukunft durch Entscheidungen. Politik benötigt dann als Politiksystem Lernfähigkeit und Innovationskompetenz, um aus der vergleichenden Analyse konkurrierender Modelle (best practice) Folgerungen für die eigenen Prozesse und Regelsysteme zu ziehen. – Das ist seine Antwort.

Unter der kontroversen Überschrift „Expertise und Politik im Widerstreit?“ untersucht Helge Torgersen den Einsatz des Vorsorgeprinzips generalisierend und konkret bezogen auf den restriktiven österreichischen Kurs in Sachen landwirtschaftlicher Gentechnik. Das Prinzip verspricht Hilfe im Umgang mit Risiken und Unsicherheiten: Es kann damit präventives Handeln vom Nachweis eines ursächlichen Zusammenhangs zwischen einer Aktivität und ihren möglichen Folgen entkoppelt werden, wenn ein solcher Nachweis (derzeit) nicht in der nötigen Stringenz zu erbringen ist, aber erhebliche Schäden möglich sind. Allerdings erlaubt die inhaltliche Offenheit des Prinzips, einerseits neue Techniken zu ermöglichen und zu legitimieren wie andererseits zu lähmen und Innovationen zu bremsen. Zur Optimierung schlägt er deshalb ein Modell vor, in dem Vorsorge sich nicht auf das Risikomanagement beschränkt, sondern bereits Teil der Beurteilung ist.

Mit „Welches Wissen – wessen Entscheidung? Kontroverse Expertise im Spannungsfeld von Wissenschaft, Öffentlichkeit und Politik“ erweitert Thomas Saretzki den Focus auf das, was Experten leisten und welche Aufgaben sie erfüllen sollen. Maßgeblich sind die praktischen Handlungs- und Verwendungszusammenhänge. So wählt er als Referenzbeispiel die Technikfolgenabschätzung (TA) und setzt sie in Beziehung zu Ansätzen, die für eine argumentative Wende in der Policy-Forschung eintreten. Damit regt er zur Neu-Definition der Aufgaben und des professionellen Selbstverständnisses von Experten in Politikberatungsprozessen an: Technikexperten sind keine Spezialisten der TA und dürfen auch nicht als solche auftreten. TA ist ein eigenständiger Vermittlungsprozess zwischen Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit. Ihre Aufgabe ist die Identifizierung, Analyse und Bewertung der Argumente, die in den drei Sphären zu Problemdiagnosen und als Lösungen im Kontext eines Technisierungsprozesses vertreten werden und in nachvollziehbarer Weise zu Entscheidungs- und Handlungsempfehlungen führen sollen. TA so verstanden, berät die Polis, die Gesellschaft – und ist nicht nur für die Politiker da. Sie darf sich deshalb nicht auf inhaltliche Fragen beschränken, sondern muss auch den Prozess der Wissensproduktion gestalten und steuern.

Das sind nur einige Beispiele aus der Themenvielfalt des Bandes, die neugierig machen sollen. Das international besetzte Autorenfeld, mit Schwerpunkt auf dem deutschsprachigen Raum, versammelt eine gute Mischung aus gestandenen und jüngeren Wissenschaftlern. Die Gestaltung des Buches, im neuen Design des VS-Verlags, ist ansprechend. Der Sammelband ist annonciert für Politikwissenschaftler/innen und Politikberater/innen, aber er ist auch interessant für andere Disziplinen, die den besseren Zugang zur Politik – aber auch zur Gesellschaft, zu Laien und Bürgern – erst suchen.