ITAS-Workshop: Technik und Kultur (Karlsruhe, 6. - 7. März 2008)

Tagungsberichte

Kulturelle Technik und technische Kultur

Bericht vom ITAS-Workshop „Technik und Kultur – Bedingungs-und Beeinflussungsverhältnisse“
Karlsruhe, 6. - 7. März 2008

von Melanie Puschmann

Vertreter der Philosophie, Technikphilosophie, Soziologie, Kunst und Medienwissenschaft aus verschiedenen Universitäten und Hochschulen, der Siemens-Forschung, des Zentrums für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe (ZKM) sowie des Instituts für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) trafen sich am 6. und 7. März 2008, um sich im Rahmen des Workshops „Technik und Kultur – Bedingungs- und Beeinflussungsverhältnisse“ die Möglichkeiten disziplinübergreifenden Arbeitens anzunähern. Veranstalter war ITAS unter der Leitung von Armin Grunwald und Gerhard Banse.

1     Begriffsklärung

Am ersten Tag diskutierten die Teilnehmer vor allem über die Begriffe „Technik“ und „Kultur“. Die Impulsvorträge halfen, die unterschiedlichen disziplinären Erfahrungen der zwanzig Workshop-Teilnehmer zusammenzubringen. Den Anfang machte Günter Ropohl, emeritierter Professor für Allgemeine Technologie an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, mit einer Definition des „Technikbegriff(s) – neuere Ansätze“: Technik umfasse viele Aspekte, wie z. B. künstliche Gegenstände, besonderes Wissen, spezielles Können, eine Form des Handelns sowie ein Prinzip der Weltbemächtigung. Dabei sei zu beachten, dass es ebenso verschiedene Arten der Begriffsdiskussion gebe. Einmal wäre diese nominalistisch, das heißt, es geht um die Sprachverwendungsregeln für Begriffsnamen, bei der essenzialistischen Betrachtungsweise werde eine Wesensdeutung vorgenommen. In einem weiten Sinne, so wie die Sozialwissenschaft Technik definiere, sei „die Fertigkeit zielstrebigen Handelns“ gemeint, für die Technikwissenschaft in einem engen Sinn handele es sich bei Technik um „gemachte Sachen“ und in einem mittelweiten Sinn um „Sprach- und Sprachsysteme“, so Ropohl.

Betrachte man nun das Wesen der Technik, gelange man – so Ropohl weiter – zur traditionellen Technikphilosophie, die ein Ausfluss des Willens zur Macht (Nietzsche), die säkularisierte Selbsterlösung (Brinkmann), eine Art der Kompensation für das Mängelwesen Mensch oder einen Reflexionsbegriff (Hubig, Grunwald, Julliard) darstelle. Ropohl schloss seinen Vortrag mit dem Hinweis, es gäbe „keine Technik ohne Artefakte, aber es gibt Artefakte ohne Technik“, wobei er hier die Kultur als Menge der Artefakte einführte und eine Unterteilung in technische, ästhetische, symbolische, kognitive sowie institutionelle Artefakte anbot. In der sich anschließenden Diskussion stand der Reflexionsbegriff im Mittelpunkt,wobei Äquivokationen von manchen als „nicht schlimm“ bezeichnet wurden und darauf hingewiesen wurde, dass „nicht jede Gleichnamigkeit auch eine Äquivokation“ darstelle. Andere wiederum konnten erst gar keinen Beleg für eine Äquivokation des Begriffs der Technik finden.

Zum „Kulturbegriff – aktuelle Entwicklungen“ referierte Christoph Hubig, Professor für Philosophie an der Universität Stuttgart. Er stellte zunächst verschiedene Ansätze zum Kulturbegriff vor: Zuerst reflektierte er über Kultur innerhalb der Zivilisation, die geprägt sei durch die Strömungen des Kulturpessimismus, des Kulturoptimismus und der Kulturkritik. Vertreter des Kulturpessimismus wie de Man, Simmel und Freyer sehen Kultur als Objektivation des Geistes (Kultivierung), die so Kulturwerte schaffe. Die Zivilisation schaffe eine Art Zwangscharakter „ohne Subjekt“, der Geist werde von seinen Produkten entwendet und die Tragik entstehe durch die scheiternde Resubjektivierung. Der Kulturoptimismus dagegen (Simondon, Moscovici) sehe den naturalistischen Ansatz der Kultur. Diese sei demnach etwas hervorgebracht Natürliches. Die Kohärenz bei der Gestaltung der Bedingungen der MenschUmwelt-Beziehungen werde gesteigert. Kulturkritiker dagegen sehen Kultur als schlechte oder falsche Affirmation.

Innerhalb der Lebenswelt, so Hubig, werde Kultur ebenfalls unterschiedlich bewertet. Zum einen gibt es die Tendenz zu einer Ordnung der Lebenswelt in naturalistische, phänomenologische und machttheoretische Aspekte. Zum anderen wird das Ordnen der Lebenswelt kulturalistisch gesehen. Ebenso gibt es die Tendenz, Kultur als Text oder als Medium zu sehen. Im Versuch einer Systematisierung stellte Hubig das Gegensatzpaar Natur und Kultur auf und grenzte es voneinander ab. Die Natur sei dabei das Unbelassene. Die Kultur zeichne sich einerseits durch die Kultivierung der äußeren und inneren Natur, andererseits durch die Überformung derselben aus. Im Bereich der Lebenswelt sei Kultur mit Techne / Kunst im wörtlichen Sinne belegt: Unterschieden wird hier zwischen Nichttradiertem und Tradiertem, wozu Symbole und Codes, Wissen / Texte als Ordnungen sowie Dispositive der Mittel zählen. Als Fazit führte Hubig noch einmal den Reflexionsbegriff als transzendental ein. Natur sei nicht disponibel und überhaupt, Technik disponibel, da hier steuer- und regelbare Systeme griffen; Kultur dagegen sei eher bedingt nicht disponibel, da eine Steuerung nur korrekt gelingen könne, wenn diese intellektual, real und sozial geregelt sei. Dies sei das Schemata der Real-, Intellektual- und Sozialtechnik: die Technologische Kultur.

2     Das Kulturelle in der Technik, das Technische in der Kultur

Nachdem die grundlegenden Begriffe des Workshops dargestellt worden waren, ging es im nächsten Impulsvortrag von Wolfgang König, Professor für Technikgeschichte an der Technischen Universität Berlin, um „Das Kulturelle in der Technik“. Unter den vielen verschiedenen Kulturbegriffen gebe es seiner Ansicht nach drei Begriffe, die innerhalb der Gesellschaft dominieren. Die Kultur als Gesamtheit der Künste würde sich demnach vor allem in den Feuilletons der Zeitungen wieder finden. Für Deutschland typisch sei aber auch die Fokussierung auf Geistig-Normatives der Kultur unter Ausschluss des Technischen; Kultur in diesem Sinne wäre folglich ein Gewebe von Bedeutungen wie Normen, Werten und Anleitungen. Gerade im Kontext der Ethnologie allerdings stelle Kultur die Gesamtheit menschlich Hervorgebrachtem dar, auch wenn diese Definition wieder sehr allgemein sei, so König. Im Vergleich mit anderen Kulturen im Sinne der kulturellen Differenz, des „Kulturschocks“ und der Akzeptanz wird dieser Ansatz fruchtbar; schließlich lasse sich die materielle, soziale und geistige Kultur als Perspektive für die Gesamtheit menschlichen Wirkens interpretieren. Betrachte man die Technikgeschichte, so stelle man fest, dass es zu unterschiedlichen Technikstilen / -kulturen gekommen sei. Zwar sei der Stand des Wissens international ungefähr gleich, aber die Ausprägung der Technik in verschiedenen Kulturen sei unterschiedlich ausgeprägt. So komme es zu regionalen Technikstilen. König schloss mit dem Fazit, dass Technik kulturell variabel sei, was zur Folge hätte, dass „die Welt nicht einheitlicher“ werde, wie manche es angesichts der übergreifenden Technik befürchten, „sondern bunter“.

Peter Janich, emeritierter Professor für Systematische Philosophie der Universität Marburg, passte seinen Vortrag „Das Technische in der Kultur“ der entstandenen Diskussion über die Begriffe „Technik“ und „Kultur“ an. Zunächst widmete er sich der Technik in der Kultur und ging dabei zu den Wortstämmen zurück: „Kultur“ aus dem lateinischen Wort „colere“ (bebauen, pflegen) und damit ursprünglich aus dem Bereich des Ackerbaus stammend, dagegen „Zivilisation“, die ja im heutigen Verständnis den Technikbegriff impliziert, aus dem lateinischen Wort „civis“ bzw. „civitas“ (Bürger). Technik in den Wissenschaften sei entweder quantitativ, empirisch oder experimentell. Mit einem anschaulichen Beispiel führte Janich dann noch die Technikförmigkeit der Kultur vor: Da ein Zahnrad ohne die Erfindung des Rades nicht möglich gewesen wäre und auch ohne das Wissen über die Funktion eines Flaschenzuges nicht funktionieren würde, herrscht ein konstruktiv-apriorisches Abhängigkeitsverhältnis zwischen Technik und Kultur, im geschichtlichen Sinne, vor. Sein Fazit: Kultur lasse sich nur historisch verstehen, dabei dürfe aber die Abhängigkeit in der Entwicklung nicht außer Acht gelassen werden.

3     Das Technische in der Kunst

Im Gegensatz zu ihren Vorrednern unternahm Margit Rosen (Doktorandin am ZKM) keine Definition des Kunstbegriffs in Abgrenzung zu Kultur und Technik, wie der Titel ihres Vortrages „Das Technische in der Kunst“ analog zu den beiden vorherigen Vorträgen vielleicht vermuten ließ. Vielmehr konzentrierte sie sich auf den aktuellen Referenzraum ihres eigenen Tätigkeitsbereichs. Schwerpunkt war die deutliche Hinwendung der Kunstgeschichte in den vergangenen Jahren zu den Bildern der Technik und der Wissenschaft in der Geschichte und in der Gegenwart. Damit wird die spezifische Kompetenz der Kunstgeschichte, die sich inzwischen auch als Bildwissenschaft definiert, zu erweitern versucht – beispielsweise auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Visualisierung und computergestützter Interaktion. Die Zuständigkeit und Bedeutung im wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Kontext soll dabei gestärkt werden. Verbunden hiermit ist aber auch ein Kulturbegriff, der nicht nur die „klassischen“ Künste (wie Literatur, bildende Kunst und Musik), sondern auch die Ereignisse und Errungenschaften der Naturwissenschaften und Technik berücksichtigt. Als Beispiel hierfür nannte Rosen das Projekt „Bild Schrift Zahl“ am Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik (Berlin).

4     Technik und Kultur im Praxisbezug

Der zweite Tag des Workshops begann mit dem Vortrag „Elektrizität als Rückgrat der Gesellschaft – wie der Strom unser Alltagsleben revolutioniert“ von Yannick Julliard (Siemens AG / Universität Karlsruhe, und stand somit im Zeichen der Praxis. Julliards Vortrag orientierte sich an Überlegungen der Siemens-Forschung. Strom gäbe es nun in sämtlichen Lebensbereichen. Gesellschaften, die bisher noch keinen Strom zur Verfügung hätten, meldeten Bedarf an. Somit bilde Strom die Grundlage der Lebensbewältigung im digitalen Zeitalter. Die Folge sei eine Abhängigkeit von Elektrizität und die Zunahme unerwünschter Nebenwirkungen wie Umweltbelastungen, was wiederum dazu führe, dass die neu entstandenen Probleme nur durch alternative oder weiterentwickelte Technik zu bewältigen seien. Aus der Perspektive eines Herstellers bedeute dies, den steigenden Energiebedarf als Gegebenheit innerhalb eines kulturellen Umfelds zu sehen. Die Suche nach alternativer Technik scheint gewollt, da die Vernetzung elektrischer Energie mit dem Alltagsleben steige. Da Strom eine ideale Umwidmungsfähigkeit besitze, werde so die Vorraussetzung für eine weite Verbreitung geschaffen: Strom erzeugt Licht, mechanische Energie, Wärme sowie Information. Die Sicherheit für den Verbraucher ist in fest umrissenen Kontexten gewährleistet, ebenso die unkomplizierte Art der Verwendung (z. B. Lichtschalter). Außerdem sind die Nebenwirkungen der Stromerzeugung für den Nutzer kaum sichtbar. In kultureller Hinsicht führe dies zu einem „elektrischen Zeitalter“, in dem der Verwebungsgrad mit technologischer Textur steige, so Julliard.

Mit „Pictures of the Future – Beitrag zu einem ganzheitlichen Bild von Technik und Kultur?“ von Dietmar Theis (Siemens AG) fanden die Impulsvorträge ihren Abschluss. Theis stellte anhand der Zukunftsstudie „Horizons 2020“ (von TNS Infratest im Auftrag der Siemens AG durchgeführt) die Idee vor, wie ein Blick in eine mögliche Zukunft geworfen werden könne. Dazu werden Szenarien für die Arbeit von Siemens mit einem ganzheitlichen Ansatz entworfen, der technische, soziale, politische, individuelle Aspekte vereint. Die zentrale Frage lautet: Was muss man heute ändern, damit x eintrifft? Die Tendenz scheint von einem realen Leben zu einem immer mehr simulierten Leben zu gehen, auch ein lebenslanges Lernen ist nicht ausgeschlossen. Voraussichtlich wird es dadurch wohl zu einem Engpass von Wissensträgern bei den Ingenieuren und Naturwissenschaftlern kommen, dies zeichne sich heute schon ab. Wie man innerhalb der Siemens AG darauf zu reagieren habe, wird in solchen „Pictures of the Future“ ebenfalls in Angriff genommen.

Zum Abschluss des zweitägigen Workshops entspann sich eine Diskussion über das weitere gemeinsame Vorgehen, wobei eine wie auch immer geartete interdisziplinäre Zusammenarbeit nicht ausgeschlossen, sondern vielmehr begrüßt wurde. Einstimmig wurde festgestellt, wie unterschiedlich die Begriffe Technik und Kultur in den verschiedenen Fachbereichen doch definiert seien, der Austausch darüber habe aber einiges mehr an Verständnis gebracht. Vielleicht wäre es für eine weitere Veranstaltung dieser Art allerdings von Vorteil, wenn gerade solch mehrdeutigen Begriffe schon im Vorfeld oder zumindest zu Beginn des Treffens geklärt würden. Zwar wurde dies durch die ersten Impulsvorträge versucht, dennoch gestaltete es sich etwas schwierig, alle Teilnehmer auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Interessant gestaltete sich das Einbringen von Vertretern aus der Praxis: Zwar schien zunächst der Zusammenhang zu den vorhergehenden theoretischen Impulsvorträgen nicht ganz klar, doch die Darstellung spezifischer praktischer Situationen, wie die Entwicklung der Gesellschaft, verdeutlichte die Anwendung der Begriffe Kultur und Technik in der Praxis. Das von den Veranstaltern erhoffte interdisziplinäre Zusammenfinden für spätere Projekte wurde mit den Vorträgen quasi vorweggenommen.