Tagung: Zwiespältiger Fortschritt? (Augsburg, 26. - 27. Juni 2008)

Tagungsberichte

Zwiespältiger Fortschritt?

Bericht von der Frühjahrstagung der Sektion „Wissenschafts- und Technikforschung“ der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
Augsburg, 26. - 27. Juni 2008

von Stefan Böschen und Peter Wehling, Universität Augsburg

Insbesondere in der Klimaforschung und -politik wird offenkundig, welchen besonderen Bedingungen Wissenschaft unterworfen ist, deren Ergebnisse für die Politikgestaltung von unmittelbarer Relevanz sind. Die Chance zur Erzeugung konsensuellen Wissens verringert sich in solchen Bereichen, sodass kognitive Unsicherheit, normativer Dissens und kategoriale Uneindeutigkeiten aufbrechen. Wie gelingt vor diesem Hintergrund die Herstellung von Handlungsfähigkeit? In jedem Fall provoziert diese Konstellation einer engen Verflechtung von Wissenschaft und Politik nicht nur Veränderungen im politischen System der Vorbereitung und des Treffens kollektiv verbindlicher Entscheidungen, sondern wirkt auch auf die Wissenschaft selbst zurück und führt dort zu Anpassungsprozessen. Diese vielfältigen Wechselwirkungen zu würdigen und ihre Effekte zu studieren, stand im Mittelpunkt der Tagung „Zwiespältiger Fortschritt? Epistemische und legitimatorische Probleme praktisch wirksamer Wissenschaft“, deren Vorträge anhand verschiedener empirischer Fallstudien wie theoretischer Konzepte diese Problemstellung ausloteten.

Den Auftakt machte Franz Seifert (Wien) mit seinen Überlegungen „Zurück an den Start. Wenn der Konsens ausbleibt“. Mit Blick auf die transnationale Regulierung der Agrobiotechnologie („Grüne Gentechnik“) ging er von der These aus, dass die Hegemonie von Konzepten des „wissenschaftlich nachweisbaren“ physischen Risikos die Chancen einer reflexiven Gestaltung solcher Politikprozesse stark begrenzt. Dies untermauerte er zum einen am Beispiel einer Intervention von Sozialwissenschaftlern/-innen im Streitschlichtungsverfahren der Welthandelsorganisation WTO (2003-2006) um das frühere EU-Moratorium beim Import gentechnisch veränderter Organismen (GVO). Der Vorstoß, der auf eine Kritik am Objektivitätsanspruch des wissenschaftlichen „risk assessment” zielte, wurde schlicht ignoriert und dokumentierte den begrenzten Einfluss reflexiver Angebote ohne konkreten Risikobezug. Zum anderen sind die nachfolgenden Disziplinierungsversuche der Europäischen Kommission gegenüber Österreich aufschlussreich, das sich als gentechnikfreie Zone erhalten wollte. Hierbestand die Lösung darin, Österreich zuzugestehen, keine GVO anbauen, jedoch entsprechende Produkte importieren zu müssen. Der verwissenschaftlichte Risikodiskurs lief ins Leere und mündete in fragwürdige politische Aushandlungen.

Gotthard Bechmann und Fritz Gloede (Karlsruhe) eröffneten ihr Referat zu „Wissen und Politikberatung – eine neue Dimension des Praktischwerdens der Theorie“ mit einer Erinnerung an zentrale Konzepte der Systemtheorie Luhmanns, die den Begriff des Risikos vor dem Hintergrund von Kontingenz und Komplexität als hochstufige Kontingenzarrangements auszudeuten halfen. Der wesentliche Gewinn dieser Überlegungen bestand darin, an die Voraussetzung jeglicher Risikopolitik zu erinnern, dass im Grunde unentscheidbare Angelegenheiten entscheidbar gemacht werden müssten. Vor diesem Hintergrund plädierten die beiden Autoren für ein „qualitativ hochwertiges“ Management von Unsicherheit, für eine Prozeduralisierung des Zusammenhangs von Wissen und Entscheidung sowie für die Konzentration der Technikfolgenabschätzung auf bislang von der Aufmerksamkeit Ausgeschlossenes.

In seinem Referat „Legitimation trotz wissenschaftlicher Unsicherheit? Die Grenzziehung zwischen Natur und Gesellschaft und das erfolgreiche Scheitern des internationalen Klimaregimes“ konzentrierte sich Willy Viehöver (Augsburg) auf unterschiedliche Krisenformen, die bei der Etablierung des internationalen Klimaregimes entscheidend sind. Am Beispiel des Streits um den anthropogenen Klimawandel machte er auf eine grundlegende Krise der modernen Unterscheidung zwischen Natur und Gesellschaft aufmerksam. Die Legitimationsprobleme handlungspraktisch wirksamer Wissenschaft verdeutlichte er mit Blick auf die Etablierung notwendiger Fiktionen, einer Objektivitätsfiktion, gestiftet durch das IPCC und seine Berichte, einer Souveränitätsfiktion im Rahmen hybrider klimapolitischer Governance-Strukturen und einer Konsensfiktion vor dem Hintergrund wachsend unscharfer Grenzen zwischen Wissenschaft, Politik und den Medien. Er bündelte seine Überlegungen in der These, dass das CO2 sich von einem „Tracer“ in ein Totem verwandeln würde.

Jens Soentgen (Augsburg) nahm diese erzähltheoretisch inspirierte Perspektive, wonach Geschichten zu „Geburtsstätten neuer Welten“ (Paul Ricoeur) werden können, direkt auf und zeichnete den Bedeutungswandel des „Kohlendioxid[s] – vom Spiritus lethalis zum Klimakiller“ nach. Dabei wurde deutlich, wie wenig man diese Geschichte verstünde, wenn man allein den Zeithorizont der modernen Gasforschung seit dem 17. Jahrhundert in den Blick nähme. Vielmehr nimmt diese Geschichte ihren Anfang mit Beginn der Erdgeschichte, denn das Kohlendioxid war erdgeschichtlich eine der wesentlichen Voraussetzungen dafür, dass überhaupt Leben auf der Erde entstehen konnte. Kohlendioxid weist also – je nach Perspektive – sehr unterschiedliche Bedeutungen und Funktionen auf. Zugleich bildete dieser Vortrag eine Einführung in die Wissenschaftsausstellung zu dieser Thematik am Wissenschaftszentrum Umwelt der Universität Augsburg (http://www.co2story.de).

Alexander Bogner (Wien) fokussierte mitseinen Überlegungen zu „Handeln trotz Wertedissens – Formen und Funktionen bioethischen Unsicherheitsmanagements“ auf die Bedeutung ethischer Expertise in politischen Prozessen. Seine These lautete, dass mit ethischen Expertisen ein ganz eigener „Rahmen“ der Behandlung von Technisierungskonflikten etabliert würde. Der „Rahmen“ selbst ließe sich als eine gemeinsame diskursive Basis der Konfliktaustragung bestimmen. Im Gegensatz zum Bereich der Agrobiotechnologie, die unter einem „Risiko-Rahmen“, bei dem der Streit um das „richtige“ Wissen im Mittelpunkt steht, behandelt würden, etablierten sich die Konflikte um die Stammzellforschung unter einem „Ethik-Rahmen“. Auf diese Weise vollziehe sich ein Geltungswandel des Dissenses. Dissens sei nicht mehr kontraproduktiv. Vielmehr biete der Ethik-Rahmen durch seine Legitimität des Dissenses eine Dauerchance zur Öffnung von Diskursen. Dies stifte zugleich der Politik neue Autonomiespielräume gegenüber den Experten. Man könne den Titel des Vortrags daher zuspitzen zu „Handeln wegen Wertedissens“.

Cordula Kropp und Gerald Beck (München) konzentrierten ihre Überlegungen zur „Risikokommunikation zu Nahrungsergänzungsmitteln – wissensbasierte Verbraucherberatung als legitime Handlungsorientierung?“ auf zwei zentrale Aspekte. Zum einen müsse im Spannungsfeld zwischen Politik, Wirtschaft und Verbrauchern die Rolle von Wissenschaft bei Prozessen der Risikokommunikation neu bestimmt werden. Hierbei könne zwischen zwei Formen der Risikokommunikation unterschieden werden. Einer „Risikokommunikation 1“, bei der Experten über Risiken aufklären und Betroffene anhand besseren Wissens zu angemessenerem Handeln befähigt würden, sowie einer „Risikokommunikation 2“, die sich selbst noch so reflektierten Aufklärungsmodellen widersetze und relationale wie partikularistische Effekte sowie die Ungewissheit des Wissens mit berücksichtige. Diese Unterscheidung wurde zum anderen mit Blick auf unterschiedliche Angebote der Risikokommunikation zu Nahrungsergänzungsmitteln plausibilisiert und dabei das Internet-Tool „Risikokartierung“ vorgestellt (http://www.risk-cartography.org).

Alena Bleicher, Matthias Groß und Wolfgang Krohn (Leipzig / Bielefeld) setzten mit ihrem Beitrag zu „Experimenteller Governance: Politisch relevantes Wissen in der Sanierung kontaminierter Industrieregionen“ den Schlusspunkt zu dieser Tagung. Am Beispiel von „Mega-Sites“, also Standorten mit sehr großen Mengen von Industrieabfall im Boden, diskutierten sie Strukturen einer experimentellen Governance. Dabei rechtfertige sich die Redeweise vom „Experimentellen“ einerseits durch den offenen Umgang mit Unbekanntem bei der Wissensgenese, andererseits aber ebenso durch den Umbau von Verwaltungsstrukturen. So würde es mit dem sog. Auflagenvorbehalt der Behörde möglich, einen proaktiven Umgang mit bisher Nicht-Gewusstem zu eröffnen. Prozesse müssten nicht gestoppt werden, obgleich für den Prozess wesentliche Wissensgrundlagen oftmals erst im Laufe des Prozesses generiert werden könnten. Auf diese Weise könnten unerwartete Wendungen als Katalysatoren für neue Forschung und Lernprozesse auf Anwenderseite gesehen werden.

Aus der Fülle der differenzierten Diskussionsfäden lässt sich folgender Punkt zusammenfassend besonders hervorheben: Zumindest drei Typen der praktischen Wirksamkeit von Wissenschaft haben sich in den Referaten und der Diskussion gezeigt: In manchen Fällen wird Wissenschaft praktisch wirksam durch das Einspeisen konsensuellen Wissens. Dies gilt etwa für das Feld der Klimaforschung, wenngleich hier eher von einer (nicht ganz unproblematischen) Konsensfiktion gesprochen werden muss. In anderen Fällen wird Wissenschaft praktisch wirksam gerade durch Dissens. Denn Dissens eröffnet politische Handlungsräume – wobei ein Dezisionismus der Politik als Schattenseite dieses Typs gewertet werden muss. Schließlich wird Wissenschaft praktisch wirksam durch Arrangements des produktiven Umgangs mit Ungewissheit, Uneindeutigkeit oder Nichtwissen.

Sicherlich bedürfte es einer weitergehenden, kontextsensiblen Analyse dieser verschiedenen Formen, um die je unterschiedlichen Interaktionen zwischen Wissenschaft und Politik erfassen zu können. Darüber hinaus müssen aber vor allem die jeweiligen Gültigkeitsbedingungen dieser verschiedenen Formen praktischer Bedeutsamkeit von Wissenschaft selbst zum Gegenstand der Analyse gemacht werden. Besonders die Frage, in welcher Weise die Konflikte gerahmt werden sollten, muss als genuiner Bestandteil sozialer Auseinandersetzungen in risikopolitischen Feldern gewertet werden.