Editorial

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In den letzten Jahren war in der gesellschaftlichen Debatte ein Vorgang zu beobachten, den wohl jede(r) auch aus der eigenen Lebenswelt kennt: Ein Problem tritt auf und man hat es zwar geahnt, aber erfolgreich verdrängt. Oft ist es noch dazu ein Problem, das erhebliche Ausmaße annimmt, das sogar die bisherige Lebensweise infrage stellen könnte. Dann neigen wir dazu, nach jedem rettenden Strohhalm zu greifen, auf Deus ex Machina zu hoffen und einfachen Lösungsvorschlägen rasch Glauben zu schenken.

Es ist die Rede davon, dass der seit einigen Jahren rasch ansteigende Ölpreis die unangenehme Wahrheit wieder ins Bewusstsein gerückt hat, dass fossile Energieträger, vor allem das Erdöl, in nicht allzu ferner Zukunft zur Neige gehen werden, was dann wiederum den Lebensnerv der industriellen Gesellschaft bedroht. Nicht dass diese Erkenntnis neu wäre;manch einer erinnert sich an die Ölkrisen der 1970er Jahre. Die Verdrängung dieser Wahrheit in den 1980er und 1990er Jahren könnte eine der erfolgreichsten Verdrängungen der Menschheitsgeschichte sein – erfolgreich als Verdrängung, katastrophal aber möglicherweise in ihren Folgen. Zwei Jahrzehnte Zeit zur Vorbereitung auf diesen Ernstfall wären verpasst worden.

Vor einigen Jahren, als die verdrängte Wahrheit wieder ins gesellschaftliche Bewusstsein rückte, war der eingangs erwähnte rettende Strohhalm pünktlich zur Stelle: Statt Benzin aus Erdöl sollte „Diesel vom Acker“ zur Lebensquelle unserer industriellen und automobilen Gesellschaft werden. Eine verlockende Vorstellung: Statt fossiler Energieträger würden erneuerbare, im Wortsinne „grüne“ und anscheinend CO2-neutrale Energieträger verwendet. Autofahrer bräuchten sich genauso wenig umzustellen wie die Automobilindustrie, lediglich in der „supply chain“ müssten einige Prozesse anders organisiert werden. Der heimische Landwirt mitsamt dem ländlichen Raum würde von neuer Wertschätzung und ökonomischem Wohlstand profitieren. So viel Win-win-Situation, so schien es kurzzeitig, war nie.

Der weitere Verlauf der Geschichte ist bekannt. Der Strohhalm trug nicht die Last, die man ihm aufbürden wollte. Die Begeisterung für den Sprit vom Acker wurde Stück für Stück demontiert. Die ungeheure Menge an Erdöl, die zurzeit und noch immer in steigendem Maße weltweit benötigt wird, ist nicht durch Biomasse ersetzbar, schon gar nicht auf den bisherigenlandwirtschaftlichen Nutzflächen. Über Probleme mit der Ökobilanz und Folgen der Globalisierung hinaus – die Palmöl-Problematik hat sich rasch herumgesprochen – treten Flächennutzungskonkurrenzen zur Nahrungsmittelversorgung, zu Naturschutzanliegen und zum Tourismus auf. Dass eine Ressource erneuerbar ist, heißt eben nicht, dass sie auch in unbegrenzter Menge zur Verfügung steht.

Von der Idee, Energie vom Acker zu gewinnen, muss vor diesem Hintergrund nicht gleich Abstand genommen werden. Es kommt aber stark darauf an, wie es gemacht wird. Legenden, denen man gerne glaubt, oder rettende Strohhalme, deren Tragekapazität nicht bekannt ist, helfen angesichts komplexer Nutzungsverhältnisse und -konkurrenzen nicht. Differenzierte Betrachtung ist gefragt statt einfacher Antworten – eine klassische Aufgabenstellung für die Technikfolgenabschätzung. Daher stehen in diesem Heft Flächennutzungskonkurrenzen im Mittelpunkt, deren zunächst prominentestes Beispiel die genannte Energieproblematik ist. Technikfolgenabschätzung als Expertin für den nüchternen Blick ist gefordert. Die Beiträge in diesem Schwerpunkt geben erste Antworten.